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    Istanbul

    Besuch bei den Christen am Bosporus

    Millionen Touristen besichtigen die christlichen Spuren Konstantinopels. An den Christen von heute gehen sie achtlos vorüber.

    Christen in der Türkei
    Blick auf Istanbul: Heute leben bestenfalls 150 000 Christen unter 81 Millionen Muslimen in der Türkei. Foto: Sedat Suna (EPA)

    Im Jahr 1914 waren nur 44 Prozent der Einwohner Istanbuls Muslime. Heute leben bestenfalls 150 000 Christen unter 81 Millionen Muslimen in der Türkei. Eine kleine Minderheit, fast erwürgt vom Laizismus früherer Regierungen, fast vergessen vom Westen. Mit der AKP kam die Wende: „Seit 16 Jahren ist die Regierung der Türkei sehr achtsam gegenüber den Christen. Das haben wir in der Geschichte der Türkischen Republik so nie erlebt. Diese Regierung versucht uns zu helfen“, sagt der Präsident der syrisch-orthodoxen Kirchenstiftung, Sait Susin, im Gespräch mit der Tagespost.

    Metropolit Cetin: "Wir sind loyal zu diesem Land"

    Der syrisch-orthodoxe Metropolit Cetin versichert im Gespräch mit dieser Zeitung: „Wir sind loyal zu diesem Land, und jetzt bemüht sich die Regierung, auch loyal zu uns zu sein.“ Der juristische Status seiner Kirche sei absolut zufriedenstellend. Probleme hätten nur jene christlichen Gemeinschaften, die historisch spät ins Land kamen, nicht aber die alten Kirchen.

    Das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche in der Türkei, Erzbischof Aram Atesyan, sieht das anders: Der Rechtsstatus des armenischen Patriarchats, das immerhin von Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, errichtet wurde, solle endlich anerkannt werden, fordert er im Tagespost-Interview. „Zu mir kommen Regierungschefs, Minister, Botschafter und Abgeordnete. Also existiere ich. Aber rein rechtlich gibt es keinen Patriarchen und kein Patriarchat.“ Seit zehn Jahren kämpfe er darum, den Rechtsstatus wiederzuerlangen.

    Mehr als 500 Kirchen wurden den Armeniern unter Erdogan zurückgegeben

    Auch er ist mit der AKP-Regierung zufrieden: „Nach 1915 haben nicht nur wir Armenier, sondern alle Christen schwer gelitten. Tausende Besitzungen haben sie uns weggenommen. Sie erlaubten nicht, dass wir unsere Kirchen renovieren und unsere Schulen erhalten.“ Die Wende kam mit der Machtübernahme von Erdogans AKP 2002: Mehr als 500 Kirchen wurden allein den Armeniern zurückgegeben. „Die Regierung erlaubt nicht nur, unsere Kirchen zu renovieren, sondern hat selbst damit begonnen.“

    Besonders wichtig ist Erzbischof Atesyan, dass über die Greueltaten gegen die Armenier im Jahr 1915 endlich offen gesprochen wird: „Diese Regierung hat genehmigt, über die Geschehnisse von 1915 zu diskutieren – sogar im Parlament.“ Mittlerweile werde im türkischen Fernsehen darüber debattiert. Seit 2015 erhalte er jedes Jahr eine Kondolenzkarte des Präsidenten. Für 70.000 Gläubige ist Atesyan verantwortlich, das ist „die Mehrheit innerhalb der christlichen Minderheit“. Fast alle leben mittlerweile in Istanbul, wo sie 35 Kirchen besitzen. Anders als in Ägypten gebe es in der Türkei keine Attacken auf Priester oder Kirchen.

    Geschmolzen ist die einst dominante griechisch-orthodoxe Kirche

    Geschmolzen ist die Zahl der einst dominierenden griechisch-orthodoxen Kirche. Auf 1500 bis 2000 Gläubige schätzen Experten die Gemeinde des Ökumenischen Patriarchats am Bosporus. Für die Kemalisten galt Bartholomaios nur als Seelsorger dieser Orthodoxen türkischer Staatsbürgerschaft. Jede internationale Kompetenz wurde ihm abgesprochen. Unter Erdogan wird der „Ökumenische Patriarch von Konstantinopel“ wieder offiziell als solcher tituliert, zu hochrangigen Begegnungen mit Staatspräsidenten und Regierungschefs geladen, von der Regierung empfangen und hofiert.

    Wie die Christen in der Türkei in den letzten Jahrzehnten marginalisiert wurden, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 14. März. 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

    DT/sb

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