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    "Bei dir kochen viele Dinge auf einmal hoch"

    Brief an eine Frau, der die Kirche nichts mehr sagt. Von Bernhard Meuser

    Geiz und Gier, Machtlüsternheit und Geilheit, Trunksucht und Völlerei, dieser Katalog von Klerikersünden macht der Kirch... Foto: Friso Gentsch (dpa)

    Liebe P., Du hast mir unter anderem geschrieben: "Ich sehe in jeder Vertuschung weiterer Missbrauchsfälle in der Kirche ein Symptom dafür, dass es noch viel zu viele gibt, die das intransparente Männersystem erhalten wollen. Hauptsache, sie sind an der Macht. Egal, was die Gläubigen sagen, egal, wie es um die Kirche steht. Ich weise leise darauf hin, dass der Kirche die Gläubigen abhandenkommen. Warum? Weil die Kirche keine Antworten mehr hat auf die Fragen vieler Menschen und weil sie vielen kein überzeugendes spirituelles Angebot mehr macht. Ich würde gerne positiv zur Kirche stehen, aber sie berührt mich schon lange nicht mehr."

    Der Katholik als Komplize von Verbrechern?

    Liebe P., bei dir kochen viele Dinge auf einmal hoch. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll; ich kann schließlich nicht alles auf einmal beantworten. Dein Verriss der katholischen Kirche ist umfassend, dein Urteil vernichtend. Ich komme mir vor, als sei ich der Komplize von Verbrechern. Ich bin aber kein Verbrecher - und ich kenne einige in der Kirche, die keine Verbrecher sind und Verbrechen auch nicht decken. Sollen wir die Kirche komplett entsorgen? Nun, es haben schon verschiedene Leute versucht, mal ganz neu anzufangen mit der Sache Jesu. So ganz weit sie nicht gekommen mit ihre Idee, von nun an alles richtig zu machen.

    Es ist ja keinem ideal gesinnten Menschen untersagt, eine eigene Kirche zu gründen. Ich sage Dir auch gleich: Ich mache da nicht mit. Ich bleibe im großen Geleitzug, auch wenn mir manches in der Kirche gewaltig stinkt und mir mancherlei Ideen kommen, wie es anders sein könnte. Diese Ideen darf ich auch freimütig äußern, sofern sie mit dem Evangelium kongruent sind und ich etwas Geduld aufbringe - es kann schon mal zwei/drei Generationen dauern, bis sich der große Tanker auf Kurskorrektur begibt, weil meine Ideen keine individuellen Spinnereien waren sondern "Heiliger Geist", was sich darin manifestiert, dass sie bei verschiedenen Leuten mit einer gewissen Nachhaltigkeit auftraten. Eine Kirche, die sich alle 20 Jahre neu definiert und tagesaktuelle Ideen wie 68-Schlaghosen übernimmt, ist lächerlich.

    Die katholische Kirche ist groß genug, um darin ein Leben in Freiheit und nach dem Evangelium zu führen

    Ich sage Dir auch: Die katholische Kirche ist groß genug, um darin ein Leben in Freiheit und nach dem Evangelium zu führen. Das Wichtigste an der Kirche ist nicht der Papst, auch nicht die Bischöfe, und auch nicht die äußere Institution insgesamt, auch wenn Du das Gefühl hast, die Kirche sei eine Art Sakralbürokratie, der zum besseren Funktionieren nur ein besseres Organigramm und eine demokratische Bestimmung ihrer Inhalte und Aufgaben fehlt. Papst Franziskus durch Angela Merkel ersetzen? Bestimmt nicht. Die Kirche ist auch nicht das, was die Leute daraus machen, die ihr gerade als Mitglieder angehören. Die Kirche ist die Kirche Jesu. Er ist ihr (oft genug verratener und vergessener) Herr. Nach seinem Willen - so glauben wir - ist die Kirche dazu da, dass in ihr die Sakramente gespendet, das Wort Gottes verkündet, an die Zehn Gebote erinnert, den Armen gedient wird und pausenlos das Lob Gottes gesungen wird. Das finde ich in Gemeinden und Gemeinschaften größter Vielfalt. Ich muss mir nur eine suchen, in der ich eine intellektuelle und menschliche Heimat finde. Dass die Gemeinde, die ich endlich gefunden habe, selten aus Heiligen und Propheten, in der Regel aber aus Sündern und Idioten wie mir besteht, ist kein Systemfehler sondern der Wille Jesu. Er hat sich nicht mit den Besten, sondern mit Zöllnern und Sündern und mit solchen wie mir solidarisiert.

    Das macht die Sache nach außen hin manchmal unansehnlich - denn was genau der Wille Jesu für seine Kirche ist, muss regelmäßig nachjustiert werden, ohne dass die Gesamtarchitektur in Frage gestellt werden kann. Was tragende Mauern sind, ist relativ unumstritten. Anderes muss in dieser Sündergesellschaft, der das Allerheiligste anvertraut wurde, mutig in Frage gestellt werden, insbesondere wenn sich Elemente von Korruption bis in tragende Strukturen eingegraben haben. Ich habe nicht mitgelästert und mitgelacht, als Pater Eberhard von Gemmingen SJ den Vorschlag machte, Frauen in den Kreis der Kardinäle (also den Senat der Kirche) aufzunehmen. Mutter Teresa hätte da die schlechteste Rolle nicht gespielt.

    Jetzt ist Reinigung angesagt

    Womit wir bei der Gegenwart wären, in der Reinigung angesagt ist. Meistens merken es vitale Organismen selbst, dass es stinkt. Manchmal - in Fällen von Hygieneresistenz - muss die Mitwelt die Nase rümpfen. Die Kirche - Du siehst es und mich beschämt es tief - ist unansehnlich, ihre Gestalt diffus geworden. An einem solchen Punkt kann man rausgehen, oder tiefer reingehen, die Ärmel hochkrempeln, sich selbst bekehren und an einer besseren Performance der Familie arbeiten.

    Immer muss man fragen, was vom Evangelium her gewollt ist. Man kann sich zum Beispiel fragen, wie das Petrusamt in Mt 16 zu interpretieren ist. Natürlich kannst Du die katholische Auffassung vom Petrusamt ablehnen, dann bist Du bei Luther on track. Ich behaupte aber mal, dass es dort nicht weniger Päpste gibt als in der katholischen Kirche, eher mehr. Denn jede neue neue Abspaltung braucht einen Unfehlbaren, der sagt: Hier lang! Eines muss man den Päpsten (bei allem Reformbedarf) aber zugute halten: Für eine 2000 Jahre alte Unternehmensgeschichte haben sie ihren Laden ziemlich gut beieinander gehalten. Oder war es doch der Heilige Geist?

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    DT (jbj)

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