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    Reisen in der Pandemie

    Zwischen Balkan und Adria

    Wenn einer eine Reise tut… Aber wer tut das schon in Covid-Zeiten, in denen nicht nur Corona-Viren, sondern auch staatliche Vorschriften zu Aus- und Einreise, Test und Quarantäne ständig mutieren? Ein balkanischer Reisebericht.

    Weltberühmte „Alte Brücke“ und Altstadt von Mostar
    Touristenfrei sind derzeit coronabedingt die weltberühmte „Alte Brücke“ und die Altstadt von Mostar. Foto: Christoph Hurnaus

    Der Balkan beginnt am Rennweg“, soll der legendäre Staatskanzler Metternich vor zwei Jahrhunderten gespottet haben. Gemeint war der Rennweg in Wien, wo sich etliche Botschaften befinden. Balkanisch mutet in Wien schon die Recherche an, wie man im Jahr 2021 jenes Mitteleuropa bereisen kann, das einst zu Österreich-Ungarn gehörte und von Wien aus regiert wurde. Ignorieren wir mediale Information und Desinformation; begeben wir uns auf die amtliche Seite des Außenministeriums. Da lesen wir: „Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus gelten Reisewarnungen für fast alle Staaten der Welt. Davon ausgenommen sind Australien, Island, Neuseeland, Singapur, Südkorea und der Vatikan. Von allen nicht notwendigen Reisen – auch in diese Staaten – wird aber weiterhin abgeraten.“ Nun gut, eine Reisewarnung ist kein Reiseverbot.

    Grenzenlos nach Mostar

    Im Jahr 1912 wären wir einfach in den Zug gestiegen, ohne eine einzige Grenze zu queren, denn Banja Luka und Mostar gehörten ebenso zum habsburgischen Österreich-Ungarn wie Zagreb, Split, Graz und Wien. Im Jahr 2021 brauchen wir einen aktuellen PCR-Test zur Einreise nach Bosnien-Herzegowina, einen Reisepass, eine geschäftliche Einladung nach Zagreb (um länger als zwölf Stunden in Kroatien zu bleiben) und eine Bestätigung des beruflichen Auftraggebers, um ohne Quarantäne wieder nach Österreich einzureisen. Kurz vor der Abreise haben wir alles beieinander – der PCR-Test ist negativ – und das Abenteuer kann beginnen.

    Transit nach Bosnien

    „Wohin?“, fragt der slowenische Grenzpolizist in tadellosem Deutsch. „Transit nach Bosnien!“ Er winkt uns wortlos weiter. Die teure Autobahnvignette wird vom Wohnwagen aus verkauft. Wenige, störungsfreie Autobahn-Minuten später folgen die Ausreise aus Slowenien und die Einreise nach Kroatien. Hier staut es sich erheblich; die drei Spuren kommen nur im Schneckentempo voran. Als wir an der Reihe sind, strecke ich dem Zöllner nur die Pässe entgegen, nicht den Rest unserer Papiere. „Wir fahren Transit nach Bosnien“, sage ich auf Kroatisch. Das scheint ihm plausibel, er scannt die Pässe – und wir sind durch. Die kroatische Ausreise bei Gradiška verläuft ähnlich, wieder werden die Pässe gescannt. Die Grenze zu Bosnien ist hier zugleich Einreise in den serbischen Landesteil, die „Republika Srpska“, in der man auf Willkür und Korruption stets gefasst ist.

    PCR-Zertifikate sind willkommen

    Der Grenzbeamte fragt ausdrücklich nach den PCR-Zertifikaten, die auf Englisch und Deutsch abgefasst sind, studiert sie gründlich, stempelt die Pässe, und reicht alles zurück. „Herzlich willkommen!“, sagt er auf Deutsch. Ich ahne sein Lächeln hinter der leicht verrutschten schwarzen Maske. Zwei Tage später erfahre ich von Freunden, die am selben Grenzübergang 20 Euro extra zahlten, weil sie statt der geforderten PCR-Tests nur Antigentests vorweisen konnten. Für solche Extrazahlungen verlangt oder erhält man keine Quittung.

    Hin und wieder ist eine Polizeikontrolle zu sehen; uns behelligen sie nicht. Auf der Straße und in Autos tragen manche Leute Maske, andere nicht. Zumindest diesbezüglich scheint in der bosnischen Serbenrepublik Toleranz zu herrschen. Hier, wo zwischen 1992 und 1995 rund 90 Prozent aller Katholiken vertrieben wurden, wo Kriegsverbrecher mit Orden dekoriert statt zur Verantwortung gezogen werden, herrschen bis heute die Erben von Radovan Karadžić und Ratko Mladić. Von Banja Luka, wo der katholische und der serbisch-orthodoxe Bischof in enger Nachbarschaft leben, doch durch eine physische und psychische Mauer getrennt, geht es weiter nach Jajce.

    Königsstadt Jajce

    Die Königsstadt der vor-osmanischen Herrscher Bosniens liegt bereits in der „Föderation“, dem anderen Landesteil Bosnien-Herzegowinas, der den „Bosniaken“ genannten Muslimen des Landes und den Kroaten zugesprochen wurde. Immerhin ist die Grenze zwischen den zwei Entitäten nicht sichtbar und wird auch nicht kontrolliert. Während in der Republika Srpska die rot-blau-weißen Flaggen der Serben wehen, sind hier bosnische Fahnen zu sehen.

    Drei Autostunden südlicher liegt der Pilgerort Medjugorje, der in den vergangenen 40 Jahren Millionen Beter aus aller Welt angezogen hat. Früher ein kleines herzegowinisches Dorf, hat der Ort längst eine stattliche Infrastruktur entfaltet. Nun sind die Hotels, Restaurants, Devotionalienläden und Buchhandlungen menschenleer. Corona habe schwer gewütet, erzählt ein Einheimischer. 70 Prozent hätten die Krankheit bereits durchlitten. Allein in der Vorwoche sollen sieben Einwohner am Virus gestorben sein, darunter eine junge Frau von 22 Jahren. Auf den Straßen, ja selbst rund um die Kirche sind nur wenige Menschen unterwegs. Wo sonst lange Schlangen vor den vielen Beichtstühlen warten, herrscht nun gespenstische Leere.

    Kirche ohne Abstand

    Große Überraschung: Die abendliche Anbetungsstunde in der Kirche zieht die Einheimischen an. Die Kirche ist voll bis auf den letzten Platz, Abstände einzuhalten ist unmöglich, Masken sind nur vereinzelt zu sehen. Gebetet wird auf Kroatisch. Das Bild wiederholt sich in den folgenden Tagen: Während die bis 21 Uhr geöffneten Restaurants und alle Souvenir- und Devotionalienshops fast menschenleer sind, füllt sich die zentrale Jakobs-Kirche wie aus dem Nichts zur kroatischen Messe frühmorgens und abends. Die Weihwasserbecken sind leer, auf den Friedensgruß wird verzichtet, doch werden weder Abstände eingehalten noch Masken getragen.

    Beim Aufstieg auf den „Erscheinungsberg“ sind vereinzelt italienische und spanische Stimmen zu hören. Menschen aller Altersgruppen wandern den halsbrecherischen Weg hinauf und hinab; alle haben den Rosenkranz in der Hand. Oben bei der Madonna knien junge Familien mit kleinen Kindern, Ehepaare und Ordensleute sitzen Rosenkranz betend auf den Steinen ringsum. Noch herausfordernder ist der Aufstieg auf den Križevac (Kreuzberg). Wo sonst fromme Massen unterwegs sind, kann man wegen der Pandemie nun alleine die Kreuzwegstationen auf den Berg hinauf meditieren. Ein junger Mann stürmt barfuß bergauf an uns vorbei. Welche Bitten und Sorgen, wie viel Schuld und Sühnebereitschaft trägt er da wohl zum Kreuz hinauf? Unten in der verwaisten Kommerzzone finden sich Madonnenfiguren für jeden Geschmack (und auch ohne), Rosenkränze und Andachtsbilder, dazwischen T-Shirts von Bayern München, kroatische Fahnen und Zigaretten, die Schachtel für zwei Euro.

    Testen in Mostar

    Mein wichtigster Interviewpartner im nahen Mostar meldet, „positiv“ getestet worden zu sein. Wir müssen dennoch in die herzegowinische Metropole, um den PCR-Test für die Rückreise zu machen. 55 Euro kostet der Nasen- und Rachentest im Labor der Poliklinik Vitalis, Eingang über die Tiefgarage. Fast apathisch sitzen die Verkäufer in der Altstadt vor ihren Läden, ohne Hoffnung auf Käufer. Für ein paar Euro erkaufen wir uns den Zugang zur berühmten Koski-Mehmed-Pascha-Moschee, errichtet 1617 am Ufer der Neretva. Vom Minarett aus haben wir einen prachtvollen Blick auf die Altstadt mit ihren katholischen und orthodoxen Kirchen, ihren Moscheen und Minaretten – und auf die Stari Most (Alte Brücke), jenes legendäre Weltkulturerbe, das im Bruderkrieg 1993 zerstört wurde.

    Perlen der Adria

    Mit dem neuen PCT-Test (wieder negativ) geht es am nächsten Morgen Richtung Split. „Transit?“, fragt der kroatische Grenzbeamte. „Nein, nach Zagreb!“ Wir feilschen um die PCR-Ausdrucke, am Ende behält er die kroatische Fassung und reicht die deutsche zurück. An der Uferpromenade von Split genießen die Einheimischen ihren Kaffee in der Frühlingssonne. Auch Trogir, Šibenik, Zadar – weitere „Perlen an der Adria“, die sonst ab Ostern im Trubel sonnenhungriger Touristen gefangen sind – haben Corona-Pause. Entschleunigt wirken sie, doch das wirtschaftliche Desaster lässt sich erahnen. Mittags eine stattliche Portion Nudeln mit istrischen Trüffeln, abends schwarzer Risotto – Schlag 20 Uhr ist Sperrstunde im Covid-geplagten Kroatien. 3 100 Neuinfizierte (bei 4,1 Millionen Einwohnern) und 47 Tote binnen 24 Stunden; am Folgetag sind es 3 200 Infizierte. Das mediterranste Land Mitteleuropas ist schwer geplagt und hofft doch auf einen starken Sommertourismus.

    Von Zadar, wo Papst Johannes Paul II. 2003 die frommen Massen begeisterte, geht es über die leergefegte Autobahn nach Zagreb, und weiter Richtung Österreich. Die mürrische slowenische Grenzpolizistin blickt flüchtig in die Pässe. Bei der Einreise nach Österreich überfliegt ein junger Soldat im Grenzassistenz-Einsatz Pässe, PCR-Tests und die in Zagreb noch eilig ausgefüllten Formulare zur Wiedereinreise. Bemüht martialisch fragt er nach dem Grund unseres Aufenthalts in Kroatien; nach den mitgeführten Bestätigungen fragt er nicht. Zurück auf dem Balkan.

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