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    Frankreich

    Angouleme: Sagenhafte Kathedrale und kurioser Domschatz

    Angouleme im Westen Frankreich besteht nicht allein aus dem Sakralerbe. Doch die romanische Kathedrale der Stadt ist ein Bilderbuch-Bauwerk, das im französischen Nachbarland schwer zu toppen ist.

    Diese Außenansicht hat es in sich! Schaut man in der westfranzösischen Stadt Angouleme zur Hauptfassade der Kathedrale auf, entfacht die Sturzflut der bildhauerischen Werke und Dekors einen Sturm der Begeisterung. Dazu später mehr, nur soviel sei vorab verraten: Hier öffnet sich in Vielfalt und Symmetrie das Unikat eines romanischen Bilderbuches im XL-Format und ist in Frankreich schwer zu toppen. Und im Innern darf man die avantgardistische Präsentation des Domschatzes als eine der ungewöhnlichsten weltweit ansehen.

    Wechselvolle Baugeschichte

    Der Blick ins Buch der wechselvollen Baugeschichte zeigt, dass der Vorläufer der Kathedrale bereits im Jahr 413 entstand. Zu eigentlicher Blüte gelangte der Dom im Mittelalter. Unter Bischof Girard, seinerzeit Päpstlicher Legat in Aquitanien, entstand ein Prachtbau der Romanik. Die Hugenottenkriege in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts brachten teils schwere Schäden mit sich; so wurde der Südturm zerstört und nie wieder aufgebaut. Dagegen kam die Kathedrale während der Französischen Revolution ungeschoren davon, erlebte aber ab 1853 auf Betreiben des Bischofs Antoine-Charles Cousseau Eingriffe anderer Art. Denkmalpfleger und Architekt Paul Abadie (1812–1884) nahm sich der Restaurierung des Doms an.

    Diese war ebenso umfangreich wie strittig und brachten Abadie von renommierten Kunsthistorikern wie Marcel Durliat den Vorwurf „prächtiger Ungeniertheit“ ein, mit welcher der Architekt auf eigene Art eingriff und veränderte. Schließlich war ein Steckenpferd Abadies der Neobyzantismus, wie sein berühmtestes Werk belegt, der Entwurf der Basilika Sacre-Coeur auf dem Montmartre in Paris. Auf den Otto-Normalbetrachter von heute wirkt Angoulemes Kathedrale, die Sankt Petrus (französisch: Saint-Pierre) geweiht ist, gleichwohl wie eine Einheit. Die Hauptkuppel und der 59 Meter hohe Glockenturm verstärken den Eindruck der Monumentalität.

    Gigantisches Retabel aus Stein

    Zurück zur Hauptfassade. Hier fühlt man sich vor ein gigantisches Retabel in Stein versetzt, ein sensationelles Meisterstück, eine Schauwand, die ihresgleichen sucht. Die Bilderfolgen aus Skulpturen und Basreliefs, überragt von einem Spitzturmdoppel, strotzen vor Eleganz, Details und Schnörkeln. Im oberen Zentralteil zieht ein schmaler, filigraner Christus in der Mandorla die Blicke auf sich. Umkränzt ist er von den Symbolen der Evangelisten, über ihm schweben Engel. Rundherum sind Großnischen mit steinernen Ranken und Blüten besetzt, füllen Blütenmuster und schachbrettmusterartige Zierden die Zwischenräume. Winzige Medaillons, teils paarförmig angeordnet, zeigen Heilige und Selige. Nicht fehlen dürfen Maria und die Apostel.

    Und als Basreliefs sind, allerdings erst seit der Restaurierung im 19. Jahrhundert, Sankt Martin mit der Mantelteilungsszene und Sankt Georg in ritterlicher Gestalt als Drachentöter zugegen. Wer genau als gekrönte Dame, einer edlen Prinzessin gleich, ein Stückchen links hinter dem heiligen Georg schwebt, „entzieht sich der genauen Bedeutung“, liest man im Infoblatt der Kathedrale. Miniaturen im unteren Fassadenteil sind ritterliche Kämpfe, mutmaßlich inspiriert durch den Sagenstoff um Roland, der im 8. Jahrhundert mit dem fränkischen Heer Karls des Großen in Spanien einen Feldzug gegen die Mauren geführt hatte.

    Künstvolle Beschläge am Hauptportal

    Kunstvolle Beschläge zieren das orangerote Hauptportal, das überkuppelte Innere der Kathedrale strahlt eine strenge Eleganz aus. Die Grundform des lateinischen Kreuzes erstreckt sich über eine Länge von 79 und eine Breite von 52 Metern. Die Orgel ist barock, das Mobiliar wurde im 19. Jahrhundert ersetzt. Machen wir's kurz: Der Eindruck fällt gegen die Hauptfassade ab. Daran ändert auch ein großes Buntglasfenster nichts, auf dem Christus das Alpha und Omega in seiner Linken hält. Doch was Besucher bei der im Innern abgehenden Führung durch den Domschatz erwartet, ist weltweit außergewöhnlich. Ab 2006 hatte der Künstler Jean-Michel Othoniel, der schwerpunktmäßig mit Glas arbeitet, freie Hand zur Neugestaltung der Räumlichkeiten mit ihrer wertvollen Sammlung. Über Jahre hinweg verwandelte Othoniel das Ganze in ein eigenes Universum modernster Glasarbeiten und setzte die Sakralkunst innovativ in Szene, inspiriert „durch die Farben und geometrischen Flechtwerke der romanischen Kunst“, ist einer Tafel zu entnehmen. Bei den Fenstern leuchten „alle Nuancen von Blau, ähnlich dem Gewand der heiligen Jungfrau“, heißt es weiter. Perlengleich ausgestreut setzen Rot-, Gold- und Bernsteintöne ergänzend Akzente in den Fenstern.

    Fenster aus 10.000 Glasstücken

    Den Auftakt des Rundgangs mit Domschatzführer Christophe markieren ein durchdringend bläuliches Mega-Fenster aus 10 000 Glasstücken und die gotische Kapelle Saint-Thibaud, in der Othoniel eine Jungfrau mit Kind aus dem 17. Jahrhundert auf einem hellen Glaskugelpodest platzierte. Die Eindrücke steuern im Hauptsaal auf ihre Höhepunkte zu. Der Lichteinfall durch das Dunkel- und Hellblau der Fenster flutet über Kelche, Patenen, Monstranzen, aufgehängte Weihrauchgefäße. Vitrinen tragen Glaskugelbeine. Ein weiteres Marienbildnis findet sich über einem Rund aus blau-goldenen Glaskugeln und transparenten Kästen mit den kostbaren „Edelsteinen der Jungfrau“ präsentiert. Die Grenze zum Kitsch streift das Reliquiar für den heiligen Pierre Aumaître, der 1866 als Missionar sein Martyrium in Korea erlitt; inmitten des von Othoniel gestalteten Schreins, der aus vergoldetem Aluminium besteht, ruht ein Knochenstück Aumaîtres auf einem rosa Kissen.

    „Ich wollte einen Domschatz, der träumen lässt, wo sich der Besucher selbst im Zentrum eines monumentalen Schreins wiederfindet“, umriss der 1964 geborene Künstler Othoniel seine Absicht. Fazit: Größer könnten die Kontraste zwischen den historischen Exponaten und ihrer jetzigen Umrahmung kaum sein, da fühlt man sich in eine kleine Traum- und Fantasielandschaft versetzt. Diese Fusion von Alt und Neu steht als Beispiel dafür, wie man einen Domschatz im 21. Jahrhundert aufbereiten kann. Ein gewagtes Experiment. Ob man das für gelungen hält? Das muss letztlich jeder selbst beurteilen. Kurios und einzigartig ist es auf jeden Fall.

    Mehr als Sakrales

    Angouleme besteht nicht aus dem Sakralerbe allein. Bonusmaterial bieten in der 42 000-Einwohner-Stadt die Markthallen, die verschlungenen Gassen, die Vielzahl illusionistischer Wandmalereien, die Ausgeh- und Gastrokultur. Im einstigen Bischofspalast ist das Stadtmuseum samt einer Kunstsammlung untergebracht, um das Rathaus und die Überbleibsel der historischen Burg (im Jahr 1492 Geburtsort von Margarete von Angouleme, Schriftstellerin und Königin von Navarra) erschlägt eine Überfülle an Blumenpracht. Und im idyllischen Fluss Charente, der sich tief unterhalb des Altstadtplateaus entlang schlängelt, baden Enten, Schwäne und Baumspiegelbilder. Dort lässt sich auf dem neuen Fernradweg „Flow Vélo“ bis zum Atlantik radeln. Doch das ist eine andere Geschichte.

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