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    Normandie

    „Les Franciscaines“ in Deauville: Kultureller Treffpunkt

    Imagination und Imaginäres sollen auf 6 200 Quadratmetern um den alten Kreuzgang des Franziskanerinnen-Klosters im nordfranzösischen Deauville die Besucher begeistern – Treffpunkt für Theater, Musik und Medien.

    Ein „einmaliger kultureller Treffpunkt in der Stadt“ soll „Les Franciscaines Deauville“ werden, das in diesem Frühjahr 2021 endlich seine Pforten öffnet. Auf 6 200 Quadratmetern um den alten Kreuzgang des Franziskanerinnen-Klosters, mit einem Glasdach, sollen Imagination und Imaginäres die Besucher begeistern und zeigen, dass Deauville nicht nur Strand, Casino und Planken, Boutiquen und Badeanstalten, Pferderennbahnen und Luxushotels zu bieten hat. Das mondäne Seebad in der Normandie, 200 Kilometer nordwestlich von Paris, wird oft als „21. Arrondissement von Paris“ bezeichnet. Das neue Kulturzentrum in alten Mauern, rund 400 Meter vom Strand entfernt, wird „Kultur für alle“ bieten, wie Philippe Augier, Bürgermeister von Deauville, verspricht.

    Vergangenheit und Gegenwart

    „Imagination soll wirken“ ist das Motto, unter dem kulturelle Räume und Erfahrungen miteinander in Verbindung gebracht werden – in einer neuen Konstellation. Das Pariser Architekturbüro Moatti et Riviere hat das architekturale Erbe des aus dem Jahre 1878 stammenden Klosters so in die Gegenwart transformiert, dass das neue Kultur-Zentrum zu Betrachtung, zum Träumen und zum Miteinander einlädt: Zentraler Raum ist der mit einem transparenten Dach bedeckte Kreuzgang, von dem aus Auditorium, Musiksäle und Ausstellungsräume zugänglich sind, hinzu kommt die alte Kapelle mit ihren Fenstern aus dem 19. Jahrhundert.

    Veranstaltungen, Lesungen und Vorträge sollen Einheimische wie die zahlreichen Gäste des renommierten Seebads am Ärmelkanal anziehen, eine komfortable Mediathek mit 70 000 Dokumenten soll zum Verweilen verführen mit Themen, die typisch für Deauville sind: Pferde mit Aufzucht und Rennen, Kino mit besonderem Blick auf das jährliche „Festival du cinéma américain“, Theater und Show, Fotografie, Lebensart und Jugend.

    Ein Museum für André Hambourg

    Die Côte Fleurie, die Blumenküste zwischen Cabourg, Honfleur und der Seine-Mündung hat viele Maler, insbesondere Impressionisten, begeistert. Um Werke von André Hambourg, die dessen Witwe Nicole dem neuen Kulturzentrum vermacht hat, werden Werke anderer Künstler wie Marie Laurencin, Foujita, van Dongen und Derain zu sehen sein, dazu außergewöhnliche zeitgenössische Fotografien. André Hambourg war ab 1952 offizieller Maler der französischen Marine, von seinem Haus in Englesqueville-en-Auge ging er oft zum Malen an die Stände von Deauville und Trouville, viele seiner früheren Werke sind geprägt von Aufenthalten in Algerien und Marokko. 1988 vermachten André Hambourg und seine Frau Rachel 376 Werke dem Musée Eugene Boudin in Honfleur.

    Wertvolle Impressionisten-Gemälde

    Doch nicht nur Gemälde von André Hambourg und seinen Freunden werden im neuen Kulturzentrum von Deauville eine neue Heimat finden. Dank einer überraschenden Privat-Publik-Partnerschaft wird die 1992 gegründete Gesellschaft „Peindre en Normandie“ ihre 185 Gemälde aus dem 19./20.Jahrhundert, bislang in der Abbaye aux Dames in Caen ausgestellt, in den Fundus von Les Franciscaines in Deauville einbringen. Hinter der Initiative steht Jacques Belin, 1988 Gründungsdirektor des Friedensmuseums Mémorial de Caen und von 2005 bis 2017 Direktor des Kongresszentrums CID in Deauville. Belin will, dass die wertvollen Impressionisten-Gemälde der Kollektion nicht nur das neue Kulturzentrum in Deauville bereichern, sondern auch weiterhin weltweit zu Ausstellungen gehen, so im Herbst nach Seoul, Hongkong und Tokio.

    „Sur les chemins du paradis“ (Auf den Wegen des Paradieses) ist Titel der Eröffnungsausstellung. Zusammengestellt hat sie Regis Debray, Philosoph, Schriftsteller und Mitglied der Académie Goncourt. Die erste von drei Wechsel-Ausstellungen zeigt Wege zum Paradies, wie sie in drei großen Religionen dargestellt werden: im Judentum, im Christentum und im Islam. Die Ausstellung, für die Exponate aus aller Welt besorgt wurden, dauert bis Juni 2021. Debray ist Ehrengast beim Eröffnungswochenende im Frühjahr, bei dem mit zahlreichen Veranstaltungen das neue Kulturzentrum im alten Kloster übergeben werden soll.

    Ein immergrüner Garten

    Doch es wäre schade, jenen normannischen Landstrich, Côte Fleurie (Blumenküste) genannt, auf die Küste zu reduzieren, denn das Hinterland, das Pays d'Auge, ist ein immergrüner Garten, in dem Milch und Sahne fließen. Auf saftigen Weiden grasen die typischen normannischen Kühe, deren Milch für Käse und Sahne sorgt: Livarot, Pont-l‘Eveque und Camembert sind nicht nur schmucke Städtchen, sondern auch renommierte Käsesorten, deren Herstellung man gerne den Besuchern erklärt. Im Frühjahr blühen die Apfelbäume, sie liefern im Herbst das Basisprodukt für Cidre (Apfelwein), Pommeau (einen Apéritif auf Apfelbasis) und den Calvados, einen hochprozentigen Apfelschnaps, der im Pays d'Auge nach Charentaiser Verfahren zweimal gebrannt wird. Das Pays d'Auge ist auch das Land der Pferdezucht (Haras) und der Manoirs (Herrensitze), wie St. Germain-de-Livet, mit schachbrettartiger Fassade, Fachwerk und spitzen Türmchen wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm.

    Die Wallfahrtskirche von Lisieux

    Lisieux wird von der mächtigen Kuppel der Wallfahrtskirche überragt, denn alles dreht sich in dieser Stadt um Thérese Martin, die mit päpstlicher Sondererlaubnis 15-jährig am 9. April 1888 in den Karmel von Lisieux aufgenommen wird. Nach ihrem frühen Tod mit noch nicht einmal 25 Jahren, am 30. September 1887, setzen Wallfahrten ein. Ziel der Pilger ist das Karmel-Kloster und die 1954 geweihte Basilika auf einem Hügel über der Stadt.

    Alte Seefahrerromantik und künstlerisches Flair wehen in Honfleur, einem Hafenstädtchen an der Mündung der Seine in den Ärmelkanal. Bevölkern heute die Touristen die Kais um das Vieux Bassin und den Marktplatz um die Kirche Sainte-Catherine, so war Honfleur für Eugene Boudin und die Maler des Impressionismus ein bevorzugter Aufenthaltsort, in dem nicht nur das Licht stimmt, sondern auch die Kulisse.

    Deauvilles Zwillingsschwester

    Und da ist noch Trouville, die Zwillings-Städteschwester von Deauville jenseits des Flusses Touques. Zwar dauerte es nicht lange, bis die Wellen des mondänen gesellschaftlichen Trubels von Deauville auch in den Fischerort hinüberschwappten. Dichter wie Gustave Flaubert im Hôtel des Roches Noires abstiegen und ein Casino gebaut wurde, aber in Trouville ist man bis heute eine ganze Portion bodenständiger. Am besten nachvollziehen kann dies der Besucher, der sich unweit der Fischhalle niederlässt und in einer der Brasserien und auf deren Terrassen das genießt, was die Fischer nur wenige Zeit zuvor angeliefert haben.

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