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    Düren

    Langfinger mit Köpfchen

    In diesen Tagen begeht das nordrhein-westfälische Düren die Anna-Oktav. Was verbindet die Stadt mit der heiligen Anna – und was hat es mit dem „Anna-Haupt“ auf sich?

    St. Anna
    In der Annakirche liegen Pilgerstempel zur Selbstbedienung aus. Foto: Andreas Drouve

    Das ist so ein Ort, der Geborgenheit ausstrahlt, ein warmes Willkommen bereitet. Per Bewegungsmelder öffnet sich das Portal an der Südseite der Kirche automatisch. Dahinter versiegt der Strom des städtischen Trubels. Stille greift um sich. Im Vorraum findet sich ein Pilger-stempel zur Selbstbedienung. Immer wieder treten Gläubige ein, allein, zu zweit, ob vor der Arbeit, in der Mittagspause. Oder an den Markttagen – dienstags, donnerstags, samstags – sogar mit Einkaufskarren. Im Halbdunkel der Pilgerhalle neben dem Hauptkirchenraum flackern Kerzen. Ihre Spiegelungen fluten als Lichterteppich über den Boden. Wie magnetisch zieht das Allerheiligste die Blicke an, animiert zum Innehalten, zum Gebet: ein schmiedeeiserner Gitterschrein, der auf Säulen ruht und ein winziges Satteldach trägt. Er birgt das „Anna-Haupt“, ein wertvolles Reliquiar, das seit über einem halben Jahrtausend Verehrung genießt. Dahinter steckt eine besondere Geschichte.

    Hoffnung aus Trümmern

    Wir befinden uns im nordrhein-westfälischen Düren. Genauer: in der Kirche Sankt Anna, deren Fassadenkleid aus Buntsandstein besteht. Ihr 50 Meter hoher Turm ist das Wahrzeichen der Kreisstadt und zugleich ein Mahnmal, denn die vormals gotische Prachtkirche wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Luftangriff britischer Bomber am 16. November 1944 ging als schwärzester Tag in Dürens Geschichte ein. Doch bald danach begannen die Menschen, auf den Trümmern „wieder Kerzen als Ausdruck der Hoffnung auf einen Neubeginn“ zu entzünden, so Pfarrer Hans-Otto von Danwitz. Der Wiederaufbau in den fünfziger Jahren entstand nach den Plänen von Rudolf Schwarz, der untermauerte, die Architektur möge – als regelrechte Glaubensfestung – einen Raum der Sicherheit und Zuflucht schenken. Das Resultat: einer der bedeutendsten Sakralbauten der Nachkriegsmoderne in Deutschland. Eingearbeitet wurden Trümmerteile des Vorläufers.

    Die Kirche trägt den Namen der heiligen Anna, der Großmutter Jesu, der Mutter Mariens. Der Festtag stand am 26. Juli an, natürlich auch in Düren. Traditionell ist er dort verbunden mit der Anna-Oktav, die in diesem Jahr durch die Corona-Umstände vom 25. Juli bis 2. August als „Stille geistliche Woche“ begangen wird. Die Annakirmes, eines der bekanntesten Volksfeste im Rheinland, fällt zu diesem Anlass aus. Doch die Verehrung dürfte durch die Auswirkungen der Pandemie vielleicht noch intensiver sein als sonst. Dazu passt ein Impuls Jesu aus dem Matthäus-Evangelium, der auf einem Blättchen ausliegt: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11,28).

    Eine gestohlene Reliquie?

    Was verbindet Düren mit der heiligen Anna, was hat es mit dem „Anna-Haupt“ auf sich? Dazu müssen wir die Uhr ins 16. Jahrhundert zurückdrehen, präziser: ins Jahr 1501. Die Kirchenbroschüre erhellt die Hintergründe: „Der aus Kornelimünster stammende 25-jährige Steinmetz Leonhard arbeitete in der Stiftskirche St. Stephan in Mainz; er entwendete und übertrug die Annareliquie nach Düren.“ Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Leonhard wurde in Mainz um seinen Lohn geprellt. Er nahm das Recht in die eigene Hand und zum Ausgleich dieses Objekt mit, vielleicht aus „göttlicher Eingebung“, wie gerne kolportiert wird. Ein Fall von Selbstjustiz also und nicht von herkömmlichem Diebstahl.

    Zumindest aus Dürener Sicht. Darüber entbrannte ein Disput mit Mainz, der laut dem Kirchenheft so endete: „Nach mehrjährigen Auseinandersetzungen, in die sich neben Kaiser Maximilian auch zahlreiche andere bekannte Persönlichkeiten wie Bischöfe, Kardinäle und Herzöge einschalteten, entschied 1506 Papst Julius II. den Verbleib der St. Anna-Reliquie in Düren.“ Verehrt wird diese als „Anna-Haupt“. Am selben Platz steht bereits seit über 1 300 Jahren eine Kirche. Ursprünglich war sie Sankt Martin geweiht und wurde schließlich in Sankt Anna umbenannt.

    Ein System aus sieben Schlössern

    Streng genommen handelt es sich beim „Anna-Haupt“ um das Fragment einer Hirnschale, die in ein Büstenreliquiar gefasst und oben freigelegt ist. Die ältesten Teile des golden-silbern glänzenden Reliquiars, das mit Email-Arbeiten verziert ist, datieren aus dem Spätmittelalter. „Stilgeschichtlich gehört diese Reliquienfassung in das 14. Jahrhundert und muss demzufolge in Mainz, dem ursprünglichen Aufbewahrungsort der Reliquie, entstanden sein“, klärt das Kirchenheft auf. Der neogotische Silbersockel des Gnadenbilds wurde 1858 von einem Kölner Goldschmied gefertigt.

    Während der Anna-Oktav kommt es, ebenso wie während des Winter-Annafestes im Januar, zur feierlichen Erhebung des „Anna-Hauptes“. Will heißen: Das Reliquiar gelangt an die Öffentlichkeit. Dazu wird es über ein System aus sieben Schlüsseln aus seinem Schrein geholt; jedes der Schlösser besitzt einen anderen Mechanismus. Das dürfte potenzielle Langfinger abschrecken. „Na ja, vor Pilgern aus Mainz haben wir bis heute ein bisschen Angst“, sagt Pfarrer von Danwitz schmunzelnd.

    Traditionell dürfen die Gläubigen die Hand auf das freigelegte Reliquiar und sogar das glatte Stückchen Schädelplatte legen, das einen Durchmesser von geschätzten fünf Zentimetern hat – aber in Corona-Zeiten nicht. Zur jetzigen Anna-Oktav wird die Verehrung des „Anna-Hauptes“ nur berührungslos möglich sein; zudem ist dann zu den meisten Gottesdiensten eine Anmeldung im Pfarrbüro erforderlich, da lediglich eine begrenzte Anzahl an Plätzen zur Verfügung steht.

    Ermutigung und Gottvertrauen

    Ob die Reliquie tatsächlich von der heiligen Anna stammt und auf welchen Wegen sie Kreuzfahrer einst nach Deutschland gebracht haben könnten, wird nie mehr zu klären sein. Fest steht, dass bei der Verehrung die Symbolik „der mütterlichen Umarmung“ mitschwingt, auch leuchte „etwas von der mütterlichen Liebe Gottes auf“, so Pfarrer von Danwitz. Dazu passt neben dem Gitterschrein ein modernes Andachtsbild der Anna Selbtritt; indem Anna ihre linke Hand auf Maria legt, stärkt sie ihr symbolisch den Rücken für alles Bevorstehende und strahlt gleichzeitig Ruhe aus. Ebenfalls ausdrucksstark im Kircheninnern ist das sogenannte Malawi-Kreuz, auf dem Christus die Augen geschlossen hat. In Außenansicht überrascht die Nordfassade mit modernen Plastiken, teils sehr weit oben, darunter Anna mit Mandorla (darin: Maria mit dem Jesuskind) und ein Prasser als Symbol für den Materialismus. An dieser Seite der Annakirche führt der Jakobsweg längs. Düren ist seit alters her eine wichtige Pilgerstation zwischen Köln und Aachen – dank Anna und Leonhard.

    Das Eisenkästchen, in dem der Steinmetz seine Beute von Mainz ins Voreifelland transportierte und in Düren zunächst den Franziskanern übergab, ist in der kleinen Schatzkammer der Kirche ausgestellt. Dort kommt Pfarrer von Danwitz auf die Figur der Anna zu sprechen. Für ihn steht sie als „Beispiel der Ermutigung“, für „Geduld und Vertrauen“ und dafür, „die Hoffnung auf Gott nicht aufzugeben“.

    Die zur Pfarre St. Lukas gehörige Annakirche  ist täglich von 7 bis 19 Uhr geöffnet, die Schatzkammer im Regelfall nach dem Sonntags-Gottesdienst zugänglich

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