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    Nordfrankreich

    Küste der Picardie: Charmante Städtchen und viel Natur

    Wer gerne in den Norden Frankreichs reist, fährt oft in die Normandie oder die Bretagne. Nicht selten lässt man die Küste der Picardie links liegen. Ein Fehler: Dort gibt es kleine, charmante Städtchen, wunderschöne Kapellen und viel Natur.

    Kanalküste von Mers-les-Bains
    Hoch über der Kanalküste von Mers-les-Bains segnet die weiße Marienstatue „Notre Dame auf dem Bunker“ die Menschen. Ihre... Foto: Imago Images

    Mir gefällt die Küste und das Meer – alles nicht so überlaufen. Es ist eine sehr schöne Landschaft mit den Kreidefelsen und für die Kinder ist es super“, sagt eine deutsche Touristin. Sie und ihre Familie kommen aus Dinslaken und sind sehr angetan von Mers les Bains, einem kleinen, aber berühmten Ferienort der Picardie, direkt an der Grenze zur Normandie. Gerade setzt die Flut ein und die vielen Steine machen das Baden nicht ganz leicht. Aber bei Ebbe kommt der feine Sandstrand hervor, wie man es von den Gezeiten der deutschen Nordseeküste kennt. Nur dass es hier zusätzlich die imposante Steilküste gibt, wo herrliche Wanderungen möglich sind.

    Fast wie in Disneyland

    Schon im 19. Jahrhundert fuhren reiche Pariser nach Mers und bauten ihre geschwungenen, reich verzierten Villen in bunten Farben direkt an den Strand. Der Vater der Familie aus Dinslaken spricht von „morbidem Charme und Jugendstilpomp der vergangenen Zeiten“. Christian aus Salzburg meint zu der geschlossenen, denkmalgeschützten Jugendstilfront zum Meer: „Es ist fast ein bisschen wie Disneyland, wenn man da so die Flucht runter sieht. Das Schöne ist, das hier nicht alles voller Restaurants und Geschäften ist, sondern das sind Wohnhäuser mit sehr hübscher Anmutung. Wir sind erst am Strand spazieren gegangen und dann hinauf zu den Klippen dort oben, zur Maria.“

    Notre Dame auf der Felswand

    „Ave Maria Stella“ ist unter der weißen Maria mit dem Jesuskind zu lesen, die hoch über der Kanalküste die Menschen segnet. Es ist die sogenannte „Statue Notre Dame auf dem Bunker“, früher auch „Madonna auf der Felswand“ („Notre Dame de la Falaise“) genannt. Seit 65 Jahren blickt sie über Mers le Bains bis nach Treport in der Normandie. Aber die Geschichte der Muttergottes hoch über dem Meer ist viel älter. Bereits 1878 fand unter Anwesenheit von 8 000 Gläubigen die Segnung der Plastik statt. Während des Ersten Weltkrieges gingen jedes Jahr unzählige Frauen zur Muttergottes und beteten für ihre Männer und Söhne, die im Krieg für Frankreich kämpften. Der Rosenkranz war immer dabei und im Volk hieß der Weg von der Pfarrkirche im Ort bis zu Maria der „Ave-Pfad“.

    Prozessionen zur Mutter Gottes „Ave Maria Stella“ fanden auch während des 2. Weltkrieges statt. Aber die deutschen Besatzer verlangten ihre Entfernung, weil sie dort ihre Verteidigungsanlagen bauen wollten. So folgte eine Verlegung von Maria zur Kirche in die Ortsmitte. Am 15. August, dem Hochfest Maria Himmelfahrt, kehrte die weiße Gottesmutter an ihren angestammten Platz zurück und wurde auf einen Wehrmachts-Bunker vom Typ R651 gesetzt. „Ein Friedenswerk besiegt ein Kriegswerk“, ist auf einer Tafel in Deutsch, Französisch und Englisch zu lesen. Unter Maria sind die Schutzpatrone – die Heiligen Laurentius, Jakobus und Martin – für die Städte Eu, Treport und Mers als Hochrelief angebracht. Nachts wird die Statue in verschiedenen Farben angestrahlt. Sie dient Fischern und Seefahrern auch zur Orientierung. Wenn sie an „Notre Dame de la Falaise“ auf dem Meer vorbeifahren, bekreuzigen sich viele Seemänner und beten ein „Gegrüßt seist Du Maria“.

    Balkon zum Meer

    „Wir nennen uns Balcon sur Mer“, erklärt Didier Fillon im Touristenverkehrsbüro in Ault. „Der Balkon zum Meer“: Da haben sich die Marketingexperten was Schönes ausgedacht. Aber es stimmt. Man kann hier an kleinen Tischen sein frisches Baguette mit Käse oder dem leicht gesalzenen, regionalen Lammfleisch sowie Oliven essen und dazu Cidre oder einen Rotwein trinken. In der Ferne am Horizont sieht man die Sonne im Meer versinken. Ganz langsam geht sie unter. Rechts und links vom Tisch am Meer umrahmen die Besucher die blendend weißen Kreidefelsen. Das gefiel auch schon Victor Hugo (1802–1885). Der berühmte französische Romancier war hier im September 1837 und erwähnte den Ort in seinen Werken.

    „Gott schuf nur das Wasser, aber der Mensch schuf den Wein“ – ob Victor Hugo hier zu seiner Erkenntnis fand, der auf der Menükarte als Motto eines örtlichen Restaurants zu lesen ist? Die mittelalterliche Kathedrale im Zentrum ist sehenswert. Die ältesten Urkunden datieren die Stadt ins 12. Jahrhundert. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein zum Gotteshaus gelegt. Im Vergleich zum Vorjahr seien etwa 20 bis 30 Prozent weniger Touristen in Ault, erklärt Didier auf Nachfrage. Er empfiehlt unbedingt einen Besuch der Bucht der Somme. Dort gibt es sehr viele Robben. Und die Landschaft – ganz unterschiedlich im Vergleich mit der Steilküste hier, eine flache Region, nahe der Stadt San Valery sur Somme mit ihrer geschlossenen mittelalterlichen Stadtmauer, schwärmt Monsieur Fillon.

    Flämische Gotik

    Bevor der Tipp von Didier befolgt wird, machen wir einen Schlenker nach Rue. Die Kleinstadt lag einst am Meer und wurde im 9. Jahrhundert von Wikingern gegründet. Sie kamen aus Ry in Jütland. Noch heute soll es in Rue Familien geben, die einen dänischen Namen in französischer Version tragen. Rue hat drei bedeutende Baudenkmäler. Zuerst besichtigen wir die beiden wunderschönen Kapellen. Eine gehört zu einem Krankenhaus und ist nur von außen zu bewundern. Die andere aber ist im Stil der flämischen Gotik gebaut und hat innen und außen ein ansprechendes Bildprogramm. Sie wurde als Wallfahrtskirche für Pilger errichtet, die am Kreuz von Saint Esprit beten wollten. Das dritte Bauwerk ist der berühmte Belfried von 1220. Er ist UNESCO-Welterbe und ziert jede Postkarte der Stadt.

    Nun geht es aber zur Baie de Somme. Hier treffen wir Gerhard aus Kempten. Er schwärmt: „Es ist einfach schön hier und der Blick in die Baie ist von Le Hourdel gigantisch.“ Er und seine Frau Reinhild sind hier, weil „das der Ort ist, den wir als ersten an der französischen Küste von zu Hause erreichen. Es sind knapp 900 Kilometer, die kann man in anderthalb Tagen mit dem Wohnmobil machen.“ Und er beobachte hier, wie „die Franzosen mit Eimerchen, Rechen und Hake bei Ebbe losziehen, um alles was kreucht und fleucht zu sammeln – Krebse und Muscheln – und es dann frisch gekocht zu verspeisen“.

    Paradies für Robben

    Auch die vielen Robben haben sie schon gesehen. „Die Naturschützer stehen vorn am Leuchtturm mit ihren großen Fernrohren und geben jederzeit gerne Auskunft.“ So viele Robben wie hier an der Somme-Mündung sähe man sonst nirgends in Frankreich. Mit der Somme verbinden historisch Interessierte vor allem eines, wie Gerhardt betont: „Die Schlachten an der Somme: Die waren legendär. Viele Tote. Das war geschichtsträchtiges Terrain. Die wenigsten kommen deshalb hierher. Dort vorne sieht man einen umgekippten Bunker am Strand liegen. Das erinnert natürlich an weniger schöne Zeiten.“ Das Landesinnere, findet das Lehrerpaar Reinhild und Gerhard, bis auf einige Kathedralen, wie die berühmte in Amiens, nicht so aufregend.

    Dass selbst viele Franzosen die Picardie links liegen lassen, bestätigt auch Gerald. Der gebürtige Kameruner arbeitet in Paris, lebt aber in der Picardie. Zusammen mit seiner Frau hat er gerade eine Tour zu den Robben unter Anleitung von Patrice gemacht. Er weiß auch nicht, warum es so ist, dass viele diesen Küstenabschnitt verpassen, obwohl es hier so viel zu sehen gibt: die Natur, die Tiere, die vielen Aktivitäten, das gesunde Essen aus dem Meer …

    Patrice ist schon in Rente. Aber seit 51 Jahren arbeitet er in der Somme-Bucht als Natur- und Robbenführer. Er erzählt, dass es 640 Graurobben und etwa 300 Kegelrobben gibt. Neben ihm arbeiten weitere 30 Naturführer, die vom französischen Umweltministerium ein extra Zertifikat haben müssen, um von April bis November den jährlich 200 000 Besuchern die Robben zu zeigen. „Es ist die größte Population von wilden Robben in ganz Frankreich.“

    Mit dem Dampfross auf Tour

    Wer ein besonderes Erlebnis an der Kanalküste sucht, der sollte zum Abschied die historische Eisenbahn nicht verpassen. Sie umrundet das Naturreservat der Somme-Bucht mit den vielen Vögeln, Schafen und Robben. „Paris 1906“ ist auf dem grünen Kessel zu lesen. Drei im Gesicht rußgeschwärzte Männer kümmern sich um die Beladung mit Wasser und Kohle. Es dampft und zischt. Lukas der Lokomotivführer fällt einem dabei ein. Erinnerungen aus Kindheitstagen steigen in den älteren Erwachsenen auf, als noch Dampfloks von Bahnhof zu Bahnhof fuhren und Elektromobilität noch ein Fremdwort war. Leider stehen die guten, alten Dampfrösser nur saisonal von Juni bis Oktober für Touristen bereit. Die Fahrt über Valery-sur-Somme geht teilweise durch die Dünen bis nach Cayeux-sur-Mer. Es ist ein traumhafter Abschied von der Küste der Picardie und wird lange in Erinnerung bleiben.

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