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    Wien

    Auf den Spuren des Doppeladlers

    Begleiten Sie uns auf eine Rundreise durch das habsburgische Mitteleuropa, von Ostgalizien bis an die Adria.

    Vor 100 Jahren ist die österreichisch-ungarische Monarchie in Folge des Ersten Weltkriegs in zahlreiche Nationalstaaten zerfallen. Die einstigen österreichischen Kronländer sind nun Teil neuer staatlicher Territorien. Wer heute die ehemaligen Kronländer durchstreift, wird einen mitteleuropäischen Geist spüren und entdecken, den weder die Nazi-Diktatur noch der Kommunismus, weder Kriege noch Vertreibungen ganz auszulöschen vermochten. Von Galizien bis an die Adria erinnern einzigartige Baudenkmäler wie Kirchen, Theater, Museen, Verwaltungsgebäude und Bahnhöfe, die oftmals in Schönbrunnergelb gehalten sind, an die Donaumonarchie.

    Das bunte Gemisch an Nationalitäten hat in manchen Gegenden der Habsburgermonarchie einen Menschenschlag geschaffen, den man als feine „Wiener Melange“ bezeichnen kann. Der Reisende von heute ist mitunter erstaunt, wie viele Menschen noch heute diesen kosmopolitischen Geist in sich tragen. Der ehemalige Kapitän der österreichischen Dampfschifffahrtsgesellschaft am Eisernen Tor im heutigen Rumänien blickt ebenso interessiert nach Wien wie ein jüdischer Pensionist im ukrainischen Lemberg, für den Wien noch immer ein Sehnsuchtsort und ein geistiges Zentrum ist.

    Juwelen der Krone

    Neben der alten Reichs- und Residenzstadt Wien besaß das alte Österreich zahlreiche andere Juwelen in seiner Krone. Goethe nannte Prag „den schönsten Edelstein in der steinernen Krone der Welt“. Das „Rom des Nordens“, das auch als „Stadt der Hundert Türme“ oder als „Goldene Stadt“ bezeichnet wird, zählt zweifellos noch heute zu den schönsten Städten Europas. Ein Spaziergang durch Prag lässt die Symbiose der drei Nationalitäten, die einst mehr neben- als miteinander lebten, wieder wach werden. Der Schriftsteller Franz Kafka, ein Jude, lebte in dieser Stadt, die von Deutschen erbaut und geformt wurde und deren Einwohner mehrheitlich Tschechen waren. Millionen Touristen aus aller Welt haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs die tschechische Hauptstadt besucht. Doch nur wenige Reisende wissen um die großartigen Kulturschätze des einstigen Kronlandes Böhmen. Kein anderes Land in Europa weist eine so große Dichte an alten Burgen, herrschaftlichen Schlössern und zauberhaften Städten auf wie die heutige Tschechische Republik.

    Auch die ungarische Hauptstadt Budapest, die durch die Zusammenlegung der Städte Buda (Ofen) und Pest entstand, ist für einen kulturgeschichtlich Reisenden ein beliebtes Reiseziel. In der Matthiaskirche von Buda wurden einst die ungarischen Könige gekrönt. Als letzter ungarischer König empfing hier Kaiser Karl am 30. Dezember 1916 die heilige Stephanskrone. Neben zahlreichen Kulturdenkmälern und mehr als hundert Thermalbädern verleiht die besondere Lage an der Donau Budapest bis zum heutigen Tag einen unwiderstehlichen Charme.

    Krönungsstadt der Könige

    Während der Türkenbelagerung Ungarns war die Stadt Pressburg (Bratislava) 250 Jahre lang Krönungsstadt von elf ungarischen Königen und sieben Königinnen. In Poszony, wie Pressburg auf Ungarisch hieß, wurde Kaiserin Maria Theresia am 25. Juni 1741 zur ungarischen Königin gekrönt. Vom Martinsdom, wo die ungarischen Königinnen und Könige gekrönt wurden, kann man heute den Spuren der Krönungszeremonien bis zur Pressburger Burg folgen.

    Besonders präsent und lebendig ist der Doppeladler im alten Galizien. Dort wird die Erinnerung an die Donaumonarchie hochgehalten. Galizien ist eine historische Landschaft, die sich von Südpolen (Westgalizien) bis in die heutige Westukraine (früher Ostgalizien genannt) erstreckt. Nach der ersten Teilung Polens fiel dieses Gebiet 1772 unter dem Namen „Königreich Galizien und Lodomerien“ als Kronland an Österreich. Lemberg war Hauptstadt dieses Königreichs und die viertgrößte Stadt Österreich-Ungarns. In der multiethnischen Stadt lebten etwa 50 Prozent Polen, daneben Ukrainer und Juden. Jene Juden, die sich assimiliert hatten, wohnten meist in größeren Städten wie Lemberg oder Czernowitz, sprachen Deutsch oder Polnisch. Unter ihnen befanden sich große Schriftsteller wie Joseph Roth, Rose Ausländer, Paul Celan, Manes Sperber und der bekannte Religionsphilosoph Martin Mordechai Buber. Auch Czernowitz, einst Hauptstadt des österreichischen Kronlands Buchenland, an der äußersten Peripherie des alten Reiches gelegen, erstrahlt heute wieder in seinem altem Glanz. Die österreichische Kaffeehaustradition mit ihrer berühmten Mehlspeisküche wird hier besonders hochgehalten.

    Klöster und Kirchen

    Von Czernowitz ist es nicht mehr weit zu den bekannten Moldauklöstern, die im rumänischen Teil des ehemaligen Kronlandes Bukowina liegen. Acht Klöster und Kirchen gehören heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Außenmalereien an den Klöstern zeigen Szenen und Bildnisse aus der Bibel und sind in ihrer Art weltweit einzigartig. Die Region Maramures, die an die Bukowina grenzt und im Norden von Rumänien liegt, ist eine archaische Kulturlandschaft, wie man sie heute nur mehr selten in Europa findet. In der historischen Region Maramures scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die kleinen Dörfer fügen sich in ihrer landestypischen Holzarchitektur wunderbar in die sanfte Hügellandschaft ein. An kirchlichen Festtagen machen sich die Einwohner in ihren buntbestickten Trachten auf den Weg zur Heiligen Messe in die orthodoxen Dorfkirchen.

    Siebenbürgen mit seinen bedeutenden Städten Hermannstadt, Kronstadt oder Schäßburg, die alle von Deutschen erbaut wurden, fasziniert den Reisenden auf eine ganz andere Art. Ein Flair völlig wieder anderer Art bietet sich dem Reisenden bei einem Besuch von Triest, dem multikulturellen Zentrum Österreich-Ungarns an der Adria. Dort hatte die Österreichische Lloyd, die größte Schifffahrtsgesellschaft der Monarchie, ihren Sitz. Städte wie Triest, Pula, Zadar und Dubrovnik erinnern noch heute daran, dass Österreich in dieser ruhmreichen Epoche seiner Geschichte auf allen Weltmeeren zuhause war. Nur wenige Kilometer von Triest entfernt liegt das bekannte Schloss Miramare. Es wurde zwischen 1856 und 1860 für Erzherzog Ferdinand Maximilian von Österreich – den Bruder Kaiser Franz Josephs, der später Kaiser von Mexiko wurde – und seine Gattin Charlotte von Belgien erbaut. Dieses Traumschloss ist weithin sichtbar auf einer Felsklippe gelegen.

    Kurort Abbazia

    Immer einen Besuch wert ist das ehemalige kaiserliche Seebad Abbazia, das auf Kroatisch Opatija heißt und an der Kvarner Bucht westlich von Rijeka liegt. Durch den Bau der Südbahn stieg Abbazia in den Reigen der großen europäischen Seebadeorte auf. Ein kaiserliches Dekret aus dem Jahr 1889 machte die Stadt zum ersten heilklimatischen Kurort an der österreichischen Adriaküste. Die vielen prachtvollen Villen aus der Habsburg-Ära und die berühmte Küstenpromenade Lungamare geben Zeugnis von dieser glanzvollen Ära. Wer durch das alte Österreich reist, stellt – um den Schriftsteller Joseph Roth zu zitieren – immer wieder aufs Neue fest, dass das Wesen Österreichs nicht Zentrum, sondern Peripherie ist, und die österreichische Substanz genährt und immer wieder aufgefüllt wird von den Kronländern. Besonders eindrücklich beschreibt Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“ die Schönheiten von Österreich-Ungarn: „Gletscher und Meer, Karst und böhmische Kornfelder gab es dort, Nächte an der Adria, zirpend von Grillenunruhe, und slowakische Dörfer, wo der Rauch aus den Kaminen wie aus aufgestülpten Nasenlöchern stieg und das Dorf zwischen zwei kleinen Hügeln kauerte, als hätte die Erde ein wenig die Lippen geöffnet, um ihr Kind dazwischen zu wärmen.“

    Kalender Altösterreich“, herausgegeben von Christoph Hurnaus. Medienverlag Christoph Hurnaus, ISBN 9783902354181, EUR 17,90

     

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