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    „Swinging Beirut“ – eine Neuentdeckung

    Auferstanden aus Ruinen und aufpoliert zu neuem Glanz! Schon bei seiner Eröffnung vor fünfzig Jahren galt das „Phoenicia“ als eines der Prunkstücke in der zum Mythos erhobenen „Schweiz des Nahen Ostens“. Doch dann geriet das Vorzeige-Hotel hinein in den Strudel des Libanon-Konflikts und versank mit einem großen Teil der Beiruter Innenstadt in Schutt und Asche. Wie Phoenix erhob es sich daraus in relativ kurzer Zeit und ist seit der Jahrtausendwende wieder präsent. Nun geben sie sich wieder die Klinke in die Hand, die Stars des Showbizz wie Shakira und Tom Jones, die Musikbands und Sportmannschaften, die Sheikhs der Arabischen Liga und die Wirtschaftsführer aus den westlichen Industrieländern.

    Das Nachtleben in Beirut bietet feurige Unterhaltung. Foto: Kregel

    Auferstanden aus Ruinen und aufpoliert zu neuem Glanz! Schon bei seiner Eröffnung vor fünfzig Jahren galt das „Phoenicia“ als eines der Prunkstücke in der zum Mythos erhobenen „Schweiz des Nahen Ostens“. Doch dann geriet das Vorzeige-Hotel hinein in den Strudel des Libanon-Konflikts und versank mit einem großen Teil der Beiruter Innenstadt in Schutt und Asche. Wie Phoenix erhob es sich daraus in relativ kurzer Zeit und ist seit der Jahrtausendwende wieder präsent. Nun geben sie sich wieder die Klinke in die Hand, die Stars des Showbizz wie Shakira und Tom Jones, die Musikbands und Sportmannschaften, die Sheikhs der Arabischen Liga und die Wirtschaftsführer aus den westlichen Industrieländern.

    Manches erinnert an die Geschichte Berlins

    „Wäre die Zeit nicht reif“, so fragen sich manche Besucher aus Deutschland, „für eine Städtepartnerschaft zwischen Beirut und Berlin?“ Kein abwegiger Gedanke bei den Gemeinsamkeiten, die beide Hauptstädte miteinander verbinden. An erster Stelle die mit geradezu schicksalhafter Wucht über die beiden Städte hereingebrochene Teilung. Und damit ein Leben beiderseits von unüberwindlichen, ja lebensgefährlichen Demarkationslinien, die als „Mauer“ und „Grüne Linie“ mit hoher negativer Symbolkraft in die Geschichte des Ost-West-Gegensatzes und des Libanon-Konflikts eingegangen sind. Heute jedoch muss man nicht nur in Berlin, sondern auch in Beirut lange suchen nach diesen Relikten einer politisch so aufgewühlten Zeit.

    Und auch den Menschen sieht man ihr Trauma kaum noch an. Aus der einstmals umkämpften Stadt ist längst ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes „Swinging Beirut“ geworden, in dem eine unbändige Lebensfreude die Oberhand gewonnen hat. Nach Sonnenuntergang wird hier die Nacht noch einmal zum Tage gemacht. Besonders an den Wochenenden, wenn in den Bars und Discos die Post abgeht, und sich die Jugend der Stadt zu ausgelassener Musik mit Feierlaune ins Vergnügen stürzt. Zum Beispiel im eleganten „Whisky Mist“, wo sich Frauen und Männer mit ausgewählter Designermode stilvoll zur Schau stellen.

    „Wo aber sind diese modischen Kleidungsstücke erhältlich?“ Auf diese Frage scheint Kunstexperte Amine gewartet zu haben. Er kennt sich in der Kulturszene der Stadt bestens aus und versucht als studierter Designer, bei seinen Projektentwürfen für Hotels und Restaurants stets Mode und Architektur unter einen Hut zu bringen. Das Nachkriegs-Beirut empfindet er dabei geradezu als ein Fashion-Eldorado. Denn wie Pilze schießen in der Altstadt – besonders im Viertel von St. Michael – die Studios und Boutiquen aus dem Boden und repräsentieren mit ihren jeweiligen Konzepten und Angeboten völlig unterschiedliche Welten.

    Zum Beispiel das Modestudio von Elie Saab, der bereits seit seinem 18. Lebensjahr „an die Mode glaubt“, und nicht selten von seinen Freunden als „Modegenie“, ja sogar als „Mode in Person“ verehrt wird. Als libanesische Mode-Ikone will er – und das zeigt sich besonders in seinen duftig wallenden Brautgewändern –, dass sich die Frauen in seinen Kleidern wohlfühlen. Und indem er Stars wie Halle Berry mit femininer Eleganz umhüllt, wird er international gar zu einem ungekrönten König des roten Teppichs.

    Was sich in Beiruts Modeszene im Hintergrund jedoch wirklich abspielt, erklärt Insider Amine hinter vorgehaltener Hand im IF-Laden von Johnny und Soha Farah. „1 800 Dollar für ein Paar unscheinbare graue Lederschuhe?“ Reiche gebe es genug in Beirut, erklärt er ohne zu zögern auf die mit einem unüberhörbaren Unterton gestellte Frage: „Der eine Teil von ihnen ist markenbewusst und stellt seinen Reichtum mit einschlägigen Namen des Modehimmels in der Öffentlichkeit zur Schau. Ganz im Unterschied zu den ,trendy rich people‘, die diesen speziellen Laden aufsuchen. Sie geben sich äußerlich zurückhaltend, um nicht aufdringlich zu wirken. Doch finden sie ihrerseits mit Kennerblick sofort heraus, wer mit seinen gehobenen modischen Ansprüchen zu ihnen gehört.“

    Einen völlig anderen Blickwinkel hat Karen Chekerdjian im Stadtteil Saifi, der man ihre armenischen Wurzeln sofort anzusehen glaubt. Als erste in ihrer Straße eröffnete sie vor Jahren ein Kunstdesigner-Studio. Viele finden regelmäßig den Weg zu ihr. Denn mit ihren Kunstobjekten, durchweg eigene Kreationen, versucht sie, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen und ist dabei wie kaum jemand sonst im Kunstbetrieb offen für Anregungen und Kritik. Denn sie könne sich durchaus vorstellen, so lässt sie durchblicken, auch in Europa Fuß zu fassen. „Vielleicht sogar in Berlin?“ Für durchaus machbar hält sie das.

    Soviel Mode und Kunst auf einmal machen hungrig. Amine weiß Rat und empfiehlt „The Porter House“, eines jener stilvollen Restaurants, dessen innenarchitektonischer Entwurf von ihm selber stammt. Das Interieur erscheint insgesamt als stimmig und gefällt mit seinen runden Formen bis hinauf zu den mächtigen Leuchtern, die zylindrisch ausladend von der Decke hängen. Bei aller filigranen Verspieltheit wird im Gesamtkonzept jedoch auch eine gewisse liturgische Strenge erkennbar.

    Schon wird die Vorspeise serviert. Sie besteht aus einem überbackenen Ziegenkäse mit frischen aromatischen Kräutern. Als Hauptgericht überzeugt anschließend eine in zarte Strähnen auseinanderfallende Meerbrasse, übergossen mit einer Creme aus süßen Gewürzen auf einem Bett von provencalischer Ratatouille. Chefsommelier Pierre Freige lässt es sich nicht nehmen, seinen 2006er Rotwein aus dem Weingut Kafraya, zwölf Monate in französischer Eiche herangereift, vorzustellen. Ein göttliches Mahl!

    Esskultur in einer herrlichen Natur

    Solche Esskultur bedarf eines Bewegungsausgleichs in der Natur. Und den bieten die nahegelegenen Jeita-Grotten, die im Jahr 1958 in einer Karstformation nahe Beirut entdeckt wurden. Seit 1969 sind sie für Besucher geöffnet, für die sich hier die zauberhafte Kulisse einer unwirklich scheinenden Märchenwelt öffnet. Ein gewundener Pfad führt in der oberen Höhle durch ein Gewirr von wachsähnlich aussehenden Stalagmiten und Stalaktiten. Und vorbei an kräftigen, von Mineraloxyden eingefärbten Calciumsäulen, die sich in langen geologischen Zeiträumen durch Berührung beider herausgebildet haben.

    Ein Naturabenteuer bieten auch die verschneiten Gipfelkämme des Libanongebirges im Skigebiet von Faraya. Hier findet sich zwischen 2 000 und 2 500 Metern alles, was man für ein Schneeabenteuer benötigt: Skiausleihe, Skihütten, Restaurants und Nachtklubs. Für Stimmung ist also gesorgt.

    Die Tempelanlage Baalbek lockte schon Wilhelm II.

    Daher wohl auch die vielen Stammgäste, die der Gipfelregion jedes Wochenende einen Besuch abstatten, wie Generalmanager Andrea vom „Mzaar Lebanon Mountain Resort & Spa“ zufrieden anmerkt. Es ist das dritte Intercontinental Resort weltweit. Dort lässt sich auch gut träumen von dem nur eine gute Stunde entfernten Baalbek, jener Tempelanlage, mit der einst die Römer ihre politische und kulturelle Überlegenheit demonstrierten. Selbst Kaiser Wilhelm II. ließ es sich nicht nehmen, bei seinem Palästinabesuch vor mehr als einhundert Jahren dem weitläufigen Areal einen Besuch abzustatten und die inzwischen zur Ikone gewordenen sechs mächtigen Säulen des Jupitertempels zu bewundern.

    So wie er kann sich jeder Reisende auch heute noch die Libanon-Geografie für den Eigenbedarf an nur vier Fingern verdeutlichen. Das jedenfalls behauptet Alain auf der Rückfahrt nach Beirut, der sich als Archäologe besonders gut mit dem kulturellen Erbe des Libanon auskennt: parallel zum Meer die Küstenregion mit ihren historischen Städten wie Byblos, Tyros und Sidon. Daran anschließend das Libanon-Gebirge, dahinter die fruchtbare Bekaa-Ebene und schließlich die Höhen des Antilibanon.

    Zu dieser geografischen Übersichtlichkeit sei in den letzten Jahren auch wieder die politische Überschaubarkeit hinzugekommen. Für Alain Grund genug, um dem kleinen aber feinen Land an der Levante den bisher aufgeschobenen aber längst fälligen Besuch abzustatten.

    www.libanesische-botschaft.info; www.lebanon-tourism.gov.lb; www.phoeniciabeirut.com