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    Pilgern nach Alexanderdorf

    Koof dir mal ein Rad, dann musste nich so vielle lofen“, ruft in seinem Berliner Dialekt ein Mann mit Schnauzer und Basecap von seinem Drahtesel, als er vorbeistrampelt. Auch andere Menschen, denen man auf der Tour begegnet, reagieren auf die Wanderer mit Stock und Rucksack durchaus kommunikativ. „Guten Tag“, „Schöne Tour“ und sogar ein „Ola‘“ war zu hören. Nur leider kein „Grüß Gott“, wie in südlichen Bundesländern üblich, obwohl es doch so gut zur selbst gewählten Pilgertour in das östlichste Benediktinerinnenkloster Deutschlands im brandenburgischen Alexanderdorf gepasst hätte.

    Auf einem ehemaligen Gutshof hinter einer Backsteinmauer befindet sich das Kloster Alexanderdorf. Heute leben, beten und... Foto: IN

    Koof dir mal ein Rad, dann musste nich so vielle lofen“, ruft in seinem Berliner Dialekt ein Mann mit Schnauzer und Basecap von seinem Drahtesel, als er vorbeistrampelt. Auch andere Menschen, denen man auf der Tour begegnet, reagieren auf die Wanderer mit Stock und Rucksack durchaus kommunikativ. „Guten Tag“, „Schöne Tour“ und sogar ein „Ola‘“ war zu hören. Nur leider kein „Grüß Gott“, wie in südlichen Bundesländern üblich, obwohl es doch so gut zur selbst gewählten Pilgertour in das östlichste Benediktinerinnenkloster Deutschlands im brandenburgischen Alexanderdorf gepasst hätte.

    Der Rucksack mit Proviant und persönlichen Sachen wurde für vier Tage geschnürt und vom Bahnhof in Königswusterhausen am Berliner Stadtrand ging es die ersten sieben Kilometer immer am Nottekanal entlang, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts den Mellensee, Zossen, Mittenwalde und eben Königswusterhausen verbindet. Die heutige touristische Nutzung des Kanals ist auch für Fahrradfahrer und Wanderer von Vorteil. Zwischen Mittenwalde und Zossen muss man allerdings auf den neben der Landstraße neu asphaltierten Fahrradweg ausweichen, was aber immer noch besser ist, als die letzten Kilometer bis zum Kloster, wo es an diesem Ausbau leider mangelt und nur der weiße Randstreifen bleibt.

    Geistliche Auszeit zwischen ausgedehnten Wäldern

    Es gibt auf dem Weg zum Kloster Alexanderdorf viel zu sehen, riechen und schmecken. Je nach Jahreszeit duften die knallgelben Rapsfelder oder der lila Flieder am Wegesrand. Auch der knoblauchartige Geruch von wildem Bärlauch oder Birkenpollen stieg den Pilgern – die von Zeit zu Zeit ein Lied aus dem „Gotteslob“ oder ein „Ave Maria“ anstimmten – immer wieder in die Nasen. Kleine Tische und Bänke laden hier und dort zu Pause, Rast und Brotzeit ein.

    Die Geschichte der Gegend wird anhand von alten Kirchen und Friedhöfen sowie zahlreichen Denkmälern aus der Zeit der deutsch-französischen Kriege, des Ersten oder Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen in Form von sowjetischen Soldatengräbern sichtbar. Neben schönen, restaurierten Prachtvillen aus dem 19. Jahrhundert, kann man hier und da auch verfallene Bauernscheunen oder Reste von ehemaligen Kasernen entdecken, so am Ortsrand von Rehfelde. Nach der deutschen Teilung hatten in den Brandenburger Wäldern die russischen Truppen ihre geheimen Kommandozentralen und viele bewaffnete Truppen waren hier rund um Berlin stationiert.

    Eine geistliche Auszeit im südlich von Berlin zwischen ausgedehnten Wäldern, Seen und weiten Feldern gelegenen Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf lohnt eigentlich zu jeder Jahreszeit – doch besonders im Frühsommer und Herbst – wenn die Natur ihre Pracht entfaltet und man beim Laufen ihre Fülle und Farben genießen kann.

    Auf einem ehemaligen Gutshof hinter einer gelblich-roten Backsteinmauer am Rande von Alexanderdorf leben, beten und arbeiten heute noch über 20 Nonnen. Es ist übrigens das einzige nachreformatorische Benediktinerinnenkloster in Brandenburg. Das Jahr 1919 gilt als geistige Gründungsstunde und Fundament der Schwesterngemeinschaft. „Es war eine Sehnsucht nach benediktinischem Leben“, resümiert Schwester Ruth Lazar, sowie die Begeisterung einer Gruppe Berliner Krankenschwestern für das monastische Leben nach dem Ersten Weltkrieg.

    In den zwei Gästehäusern der Abtei gibt es 22 Zimmer. Alles ist praktisch und einfach, dennoch aber sehr wohnlich eingerichtet: ein großes Bett, Nachttisch, Stehlampe, ein Sofa als weitere Schlafgelegenheit, Schreibtisch mit Lehnsessel aus den 30er Jahren. An der einen Wand hängt eine Reproduktion eines antiken Kruzifixes in Bronze mit den Evangelistensymbolen. Der Blick in den Innenhof des Klosters mit einem kleinen Teich ist dank großer Fenster frei. Die große Stille und Ruhe wird in den frühen Morgenstunden nur durch die vielen Singvögel oder später das Ertönen der Glocke unterbrochen.

    Ein Priester aus Berlin hält seit über 30 Jahren die Messe

    Der Tag beginnt mit den „Laudes“ um sechs Uhr. Das Gotteshaus kommt einfach und schlicht daher. Unverputzte Ziegelsteine und die wuchtige Holzbalkenkonstruktion verleihen dem sakralen Raum Natürlichkeit und Wärme. Alles ist überschaubar und im Vergleich zu vielen anderen katholischen Kirchen mit sehr wenig Inventar ausgestattet. Über dem Altar, einer einfachen Platte aus Sandstein auf einem Holzgerüst hängt ein kunstvolles Kruzifix. Auf der Vorderseite ist der thronende Christus in einem Kranz aus Edelsteinen dargestellt. An den Balkenenden des Kreuzes aus schwarzer Eiche und Silber befinden sich Bergkristalle mit Reliefs der vier Evangelisten, sowie eine Reliquie des heiligen Benedikt. Die Rückseite des Kruzifixes zeigt das Passionsgeschehen als Gravur.

    Die besondere Atmosphäre der Kirche ist von außen kaum zu erahnen. Nur der kleine freistehende Glockenturm weist den Weg zum Eingang. Die Glocke ist ein Geschenk aus einer Berliner Kirche und, wie es der Zufall so wollte, auf ihrem Rand steht die Inschrift: Ora et labora – Bete und Arbeite – das Motto aller Benediktiner-Orden.

    Die Eucharistiefeier beginnt mit der Terz um 7.30 Uhr. Feierlich betreten die Nonnen in einer Zweierreihe das offene Kirchenschiff. Ein Priester aus Berlin, der sich seit über dreißig Jahren hier erholt und vom Stadtalltag entspannt, hält die Messe. Die dritte Stunde vom Morgen (Terz) ist nach alter Überlieferung die Stunde, in der Jesus zum Tode verurteilt und ans Kreuz geschlagen wurde. Im alten Israel war die dritte Stunde der Opferdarbringung im Tempel vorbehalten und nach der Apostelgeschichte kam zur dritten Stunde der Heilige Geist auf die versammelten Apostel. Hier liegen die Ursprünge für die Terz.

    Nach der Morgenmesse geht es ins Hauptgebäude zum Frühstück mit den anderen Gästen. Bevor die Scheune zur Kirche umgebaut wurde und in einem Nebenflügel zur Klausur, befand sich im heutigen Speisesaal die Kapelle der Nonnen. Hier ist der Tisch bereits gedeckt. In Sachen Preis-Leistung braucht sich das Kloster nicht zu verstecken: Vollpension mit Übernachtung kostet für einen Erwachsenen 40 Euro, Jugendliche zahlen 27 Euro. Ermäßigungen für Arbeitslose und sozial Bedürftige sind außerdem möglich. Doch kaum jemand wird wegen des Services ins Kloster gehen, sondern um zu beten, auf Gott zu hören und die Gemeinschaft mit den Schwestern zu erleben. Von den hilfsbereiten Schwestern erfährt man viel Interessantes aus ihrem jahrzehntelangen Klosterleben. So gab es einige Schwestern, die den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Grausamkeiten noch miterlebt haben, die aus Schlesien oder der Neumark im heutigen Polen vertrieben wurden und deren Väter nicht von der Front heimkehrten. Oder Schwestern, die von West nach Ost gingen – zwar im westdeutschen Dinklage noch die Ewige Profess ablegten, aber von vier Jahrzehnten „Kirche in der DDR“ viel erzählen können. „Gerade in der DDR-Zeit waren wir für katholische Familien und Priester aus dieser Gegend ein wichtiger Anlaufpunkt. Hier konnte man vertraulich und frei reden, was anderswo so nicht möglich war“, berichtet eine von ihnen.

    Die Nonnen finanzieren die Kosten teilweise im Kloster

    Je nach Alter und Erfahrung arbeiten die Benediktinerinnen neben der Küche, Wäscherei oder Garten in einer Paramentenwerkstatt, wo liturgische Gewänder entstehen, oder in der Hostienbäckerei. Letztere beliefert fast alle katholischen Gemeinden Ostdeutschlands und zunehmend auch evangelische Kirchen. Damit finanzieren die Nonnen einen Teil der Kosten im Kloster. „Soweit wie möglich wollen wir von unserer Hände Arbeit leben“, betonen die Schwestern. Vom Bonifatius Werk gibt es immer einmal Zuschüsse, besonders für die Bauvorhaben. Außerdem hilft der Förderverein mit Spenden, um die seelsorgliche Betreuung zu garantieren.

    Es ist Mittag und kurz nach dem schmackhaften Menü nach bester Hausmannskost läuten die Glocken zur Sext. Im Lukas-Evangelium, Kapitel 18 steht: „Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten“ – diese Maxime gilt täglich bei den Benediktinerinnen. Das Gebet „heiligt den Tag“. Insgesamt kommen die Schwestern sechsmal am Tag zum Gotteslob zusammen, zu dem auch alle Gäste und Besucher stets willkommen sind. Am Abend um 17.30 Uhr folgen die Vesper sowie Komplet und Vigilien. In bestimmten Zeiten des Jahres werden auch Besinnungstage, Exerzitien und „Ora et labora-Tage“ angeboten.

    Nach zwei Tagen zu Gast im Kloster ist es Zeit, wieder an die Heimreise zu denken. Der ganze Weg zurück nach Königswusterhausen wird dieses Mal nicht zurückgelaufen, denn es ist Sonntag und morgen ruft die Arbeit wieder. Aber ein Fußmarsch von fünf bis sechs Kilometern bis zur nächsten Bushaltestelle bleibt dennoch. Mit dem Überlandbus geht es in gut zwanzig Minuten nach Zossen zum Regionalbahnhof und gut eine Stunde später ist man zurück am Bahnhof Südkreuz in Berlin, um von hier in die S-Bahn zu steigen, die nach Hause führt. Die Pilgerreise hat ihren Zweck erfüllt.