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    Nicaragua – ein echtes Ziel für Entdecker

    Hoch hebt er die rechte Hand über den Pazifik und San Juan del Sur und spendet seinen Segen: der „Jesus der göttlichen Barmherzigkeit“, Jesús de la Divina Misericordia. Hier, unterhalb der 24 Meter hohen Christusskulptur auf einem Hügel außerhalb der Stadt, bietet sich eines der schönsten Panoramen in Nicaragua. Hufeisenförmig breitet sich die Traumbucht von San Juan del Sur in Grün- und Blautönen aus. Jachten und Fischerboote bepunkten das Wasser, Pelikane segeln umher, die Bebauung hinter dem Strandband ist erfreulich niedrig. Kein Hochhaus verschandelt den Blick, kein Ballermann die Akustik. Dass selbst ein Top-Spot wie San Juan del Sur bescheiden daherkommt und sich Fremde herzlich empfangen fühlen, ist typisch Nicaragua. Touristisch steckt das Land in den Anfängen. Noch ist es ein echtes, weitestgehend ursprüngliches Ziel für Entdecker in Mittelamerika. Doch die Besucherkurve geht nach oben. Und mittel- bis langfristig könnte der Bau des Nicaragua-Kanals zu gravierenden Umwälzungen führen. Kurzum: Wer als Traveller zu spät kommt, läuft auch hier Gefahr, vom Leben bestraft zu werden.

    Malerisch: Die Bucht von San Juan del Sur mit einem frisch gestrichenen Boot. Im Hintergrund einer der vielen Vulkane. Foto: Drouve

    Hoch hebt er die rechte Hand über den Pazifik und San Juan del Sur und spendet seinen Segen: der „Jesus der göttlichen Barmherzigkeit“, Jesús de la Divina Misericordia. Hier, unterhalb der 24 Meter hohen Christusskulptur auf einem Hügel außerhalb der Stadt, bietet sich eines der schönsten Panoramen in Nicaragua. Hufeisenförmig breitet sich die Traumbucht von San Juan del Sur in Grün- und Blautönen aus. Jachten und Fischerboote bepunkten das Wasser, Pelikane segeln umher, die Bebauung hinter dem Strandband ist erfreulich niedrig. Kein Hochhaus verschandelt den Blick, kein Ballermann die Akustik. Dass selbst ein Top-Spot wie San Juan del Sur bescheiden daherkommt und sich Fremde herzlich empfangen fühlen, ist typisch Nicaragua. Touristisch steckt das Land in den Anfängen. Noch ist es ein echtes, weitestgehend ursprüngliches Ziel für Entdecker in Mittelamerika. Doch die Besucherkurve geht nach oben. Und mittel- bis langfristig könnte der Bau des Nicaragua-Kanals zu gravierenden Umwälzungen führen. Kurzum: Wer als Traveller zu spät kommt, läuft auch hier Gefahr, vom Leben bestraft zu werden.

    José Marcel Sánchez, 31, ist ein Symbol des Wandels und Aufbruchs in einem der bislang ärmsten Länder Lateinamerikas, in dem das Pro-Kopf-Einkommen unter 2 000 US-Dollar pro Jahr liegt. José Marcel lebt im Süden des Landes nahe Jinotepe in seinem Elternhaus im Dorf Dolores. Er erzählt von seinem Traum, der sich langsam verwirklicht: in seiner Heimat zu zeigen, was sich mit Ideen, harter Arbeit und dem Glauben an sich selbst schaffen lässt. Dass der promovierte Mikrobiologe nun Nicaraguas erster Handwerksbierbrauer ist und den Nationalen Innovationspreis erhalten hat, erfüllt ihn mit Stolz. Nach Abschluss seiner Studien in Seattle und der Rückkehr nach Nicaragua glaubte José Marcel beim Craft Beer eine Marktlücke zu sehen – allerdings ohne Ahnung von der Materie um Hopfen und Malz. Die ersten Experimentalbiere entstanden in der Küche seiner Eltern, bald erwuchs hinter dem Haus eine archaische Zwei-Raum-Brauerei in einem Lagergebäude. Heute ist sein „Moropotente“-Unternehmen umgezogen, füllt Flaschen ab, beliefert Supermärkte und Kneipen. Er produziert drei schmackhafte Biersorten, knapp zwei Dutzend jungen Leuten aus der Gegend gibt José Marcel Arbeit. „Das hat sie vor der Emigration nach Costa Rica bewahrt“, weiß er.

    Apropos Costa Rica. Der südliche Landesnachbar steht als Leitbild für erfolgreichen Öko-, Luxus- und Abenteuertourismus. Nicaragua hat gleichermaßen Potenzial – und die Zukunft vereinzelt bereits begonnen. Die Hacienda Morgan's Rock, ein Stück nordwestlich von San Juan del Sur in versteckter Lage hoch über einem Privatstrand, kann es mit den besten Lodges im übrigen Mittelamerika aufnehmen. Und wenige Kilometer hinter der Bucht von San Juan del Sur wartet „Da' Flying Frog Adventures“ auf erlebnisfreudige Kundschaft.

    Natur und wilder Adrenalinkitzel

    Über zwei Kilometer lang ist das Seilrutschen-System, das sich über die Baumkronen spannt und Adrenalinkicks garantiert. Ein Geländewagen bringt Gäste den Hang hinauf, in der Ferne zeichnet sich die Christusstatue ab – ein gutes Omen. Die Guides Marvin und Ulises sorgen für Helme, Spezialhandschuhe, Seilgeschirre und eine Einführung. Dann geht's im Temporausch in die Tiefe von Plattform zu Plattform. „Immer nur mit dem rechten Handschuh bremsen, den ihr hinter der Griffaufhängung haltet“, mahnt Marvin an, der vormals Barkeeper war. Kollege Ulises brach sein Tourismus-Studium ab, als die Freundin schwanger wurde und er die junge Familie über Wasser halten musste. Er war sich für nichts zu schade, schuftete in einer Automalerwerkstatt, verkaufte Schwarz-DVD's als Straßenhändler in der Hauptstadt Managua. Jetzt ist jeder der beiden froh, bei „Da' Flying Frog Adventures“ einen Job gefunden zu haben.

    Nicaragua, zwischen Pazifik und Karibik gelegen und mit 130 700 km? etwa so groß wie Griechenland, punktet mit seiner Natur, Vulkanen und Seen. Majestätisch steigt die Vulkaninsel Ometepe aus dem Nicaragua-See, die Stadt Granada ist Ausgangspunkt einer Tour zur Reserva Natural Volcán Mombacho. Um einen der dicht bewachsenen Krater des Mombacho führt ein Wanderweg durchs Grün. Hoch in einer Baumkrone döst ein Faultier, kurz vor Einbruch der Dämmerung geben Zikaden ein Konzert.

    Tags darauf macht Käpten Juan Carlos sein Boot „El Pirata“ startklar. Das Ziel: die Isletas de Granada, ein Archipel aus über 350 Inselchen im Nicaragua-See, dem größten Binnengewässer Zentralamerikas. Kormorane und Reiher warten auf Beutefang, Fischer werfen ihre Netze aus, Leguane verharren auf Mauern.

    Treffen auf Mojitos und Caipirinhas

    Einige Inseln sind von protzigen Reichen-Anwesen besetzt, auf einer anderen zeugt die historische Festung San Pablo vom Schutz des nahen Granada – eine Kolonialstadt par excellence, die landesälteste, 1524 begründet. Abends liegen die Fassaden warm eingetaucht in orangefarbenes Licht da, beliebt ist der Straßenzug La Calzada mit Freiluftbars und Livemusik. Hier trifft man sich auf Mojitos und Caipirinhas. Andernorts sitzen die Locals in Plastikstühlchen vor Häusern und lassen das Leben an sich vorbeiziehen: vom unbeleuchteten Fahrrad bis zum Pferdefuhrwerk. Erst bei Tageslicht fällt auf, dass die Pferde Windeln tragen. So bleiben Granadas Gassen sauber.

    Mächtigstes Bauwerk ist die Kathedrale. Neben den Kirchenbänken stehen Ventilatoren, Vögel fliegen durch die offenen Portale hinein. Ein schmaler Aufstieg führt in den Glockenturm, wo sich die Aussicht über die Ziegeldächer genießen lässt – bis Kener kommt, ein junger Mann, der Glockenläuter. Beherzt und ohne Vorwarnung zieht er am Seil. Explosionsartig zerreißt es die Stille. „Ohrenstopfen?“, fragt einer, nachdem sich die letzten Vibrationen gelegt haben und er die angepressten Hände von den Gehörgängen nimmt. „Nein, hab' ich gar nicht“, sagt Kener und lacht.