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    Marzahn gärtnert für die Welt

    Auf der Museumsinsel drängen sich die Touristenströme. Hunderttausende defilieren an den zahllosen Exponaten vorbei und vergessen sie wenig später wieder. Hier draußen aber herrscht Stille. Nach Marzahn fährt man nicht, da gibt es nichts zu sehen. Außer Plattenbauten. Welch ein Irrtum. In Marzahn ist eine der schönsten und größten Gartenanlagen Deutschlands entstanden, die „Gärten der Welt“. Noch stehen sie in keinem Reiseführer. Aber die Briten sind nicht so schlafmützig wie die Verleger von Reiseführern und haben die prächtige Gartenanlage in diesem Jahr mit dem Green Flag Award ausgezeichnet, als erste in ganz Deutschland.

    Auf der Museumsinsel drängen sich die Touristenströme. Hunderttausende defilieren an den zahllosen Exponaten vorbei und vergessen sie wenig später wieder. Hier draußen aber herrscht Stille. Nach Marzahn fährt man nicht, da gibt es nichts zu sehen. Außer Plattenbauten. Welch ein Irrtum. In Marzahn ist eine der schönsten und größten Gartenanlagen Deutschlands entstanden, die „Gärten der Welt“. Noch stehen sie in keinem Reiseführer. Aber die Briten sind nicht so schlafmützig wie die Verleger von Reiseführern und haben die prächtige Gartenanlage in diesem Jahr mit dem Green Flag Award ausgezeichnet, als erste in ganz Deutschland.

    Der Green Flag Award ist die höchste britische Auszeichnung für Grünanlagen. Wer die Bedeutung von Parks für die britischen Inseln kennt, weiß, was das bedeutet, denn Engländer, Schotten, Waliser und Iren sind gartenverrückt und investieren Unsummen in riesige Landschaftsparks. Doch die „Gärten der Welt“ sind kein englischer Landschaftsgarten, dem man nicht anmerkt, dass er von behutsamer Hand gestaltet wurde. Er erinnert eher an den Frankfurter Palmengarten, nur mit dem Unterschied, dass er in verschiedene Themengruppen eingeteilt ist. Auf dem 21 Hektar großen Gelände finden sich bislang neun verschiedene Themenanlagen, von denen der Chinesische Gelehrtengarten die mit Abstand größte ist. Hier gibt es neben einem in die chinesische Gartenkunst integrierten, 4 500 Quadratmeter großen See auch ein chinesisches Teehaus, ein Restaurant und sogar einen Souvenirladen mit Typischem aus der Volksrepublik. Derzeit dominieren mit dem chinesischen, japanischen, koreanischen und orientalischen Garten asiatische Projekte die Anlage. Bali hat in einem Gewächshaus sogar sein drückend-feuchtheißes Klima nachgebaut.

    Am äußersten Ende des Areals jedoch erwartet die Besucher der italienische Renaissance-Garten, hinter dem in bizzarem, aber reizvollem Widerspruch die Platte Marzahns aufragt. „Giardino della Bobolina heißt die kleine Anlage, benannt nach einer 1,30 Meter hohen Marmorfigur, die man häufig in Renaissancegärten antrifft. Vielleicht bietet der italienische Garten sogar eine bessere Vorstellung eines idealisierten italienischen Gartens als die Originale selbst. Wer im August den „Giardino di Boboli“ in Florenz besucht, findet für einen exorbitant hohen Eintritt nur einen ausgetrockneten und verbrannten Hitzealptraum vor. Hier aber plätschert überall Wasser und wo in Florenz nur gelbliches, verdorrtes Gras vor sich hindämmert, duftet und blüht es in Marzahn allenthalben.

    Die Anlage erschöpft sich aber eben nicht nur in „Gärten der Welt“, sie bietet auch interessante Konzepte von Gartenarchitekten. So bildet etwa der überarbeitete und erweiterte Karl-Foerster-Staudengarten ein Konzept deutscher Gartenbaukunst vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Foerster war Gärtner und Schriftsteller und besaß eine Gärtnerei in Potsdam-Bornim. Mit seinen Büchern hat er die deutsche und internationale Gartenkultur nachhaltig beeinflusst. So erfand er etwa den „Automatischen Blütengarten“, den „Garten für intelligente Faule“ oder den „Garten der sieben Jahreszeiten“. Er brachte Gräser und Farne in die Gärten, heute etwas völlig Normales. Seine Ideen sind in dem ihm gewidmeten Themenareal komprimiert umgesetzt, einerseits in geometrischen Beeten mit Prachtstauden, andererseits aber auch in scheinbar ungestalteten Elementen wie dem Heidegarten, dem offenen Waldsaum und dem Steingarten. Tausende von Blumenzwiebeln von Buschwindröschen, Krokus, Schneeglanz, Wildnarzisse und Tulpe setzen Foersters Anspruch „Es wird durchgeblüht!“ um und setzen ganzjährig gärtnerische Höhepunkte.

    Doch die Anlage ist erst im Entstehen, neue Gärten kommen ständig hinzu. Die Besucher merken davon nichts, die neuen Themenbereiche entstehen abgeschirmt im Verborgenen. Derzeit arbeiten die Berliner sogar an einem christlichen Garten. Er soll einem mittelalterlichen Klostergarten nachempfunden werden. Außerdem soll ein englischer Garten entstehen. Mehrmaliger Besuch lohnt sich also, jedes Jahr gibt es etwas Neues zu sehen.

    Das Projekt im Osten Berlins zeigt auch, dass Marzahn nicht mehr das Reich des „Prekariats“ ist, wo Asoziale und Gesetzlose eine zweite Bronx erschaffen haben. Hier geschieht etwas, hier geht es voran. Auch Marzahn ist Teil dieser Stadt, hat seine versteckten Reize und auch hierhin sollen die Touristen kommen und ihre Vorurteile überprüfen. Auch Marzahn ist Berlin und es ist nicht das Schlechteste von Berlin. Schon allein um dieser Erkenntnis willen hat sich der Bau dieser Gärten gelohnt.

    „Gärten der Welt“ GrünBerlin. Eisenacher Straße 99, 12685 Berlin, Geöffnet täglich ab 9 Uhr, April bis September bis 20 Uhr, Oktober bis März bis 18 Uhr.