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    Begegnung der Kulturen

    Noch immer empfängt den Reisenden, der aus dem Bahnhof Saint-Charles tritt, die Wallfahrtskirche Notre-Dame-de-la-Garde, mit der Schutzpatronin der Hafenstadt am Golfe du Lion. Die 2 600 Jahre alte Stadt, gegründet von Phönikern aus Kleinasien, sucht ein neues Image. Das Kulturhauptstadtjahr ist das beste Mittel, denn die Kulturen des Mittelmeerraums haben Marseille geprägt und mischen sich: „Nur wenige Städte sind so kosmopolitisch wie Marseille“, findet Ulrich Fuchs, Vizedirektor von Europas Kulturhauptstadt 2013 und gebürtiger Oberpfälzer.

    „Europäische Kulturhauptstadt 2013“: In Marseille sollen sich die beiden Seiten des Mittelmeeres und ihre jeweiligen Kul... Foto: dpa

    Noch immer empfängt den Reisenden, der aus dem Bahnhof Saint-Charles tritt, die Wallfahrtskirche Notre-Dame-de-la-Garde, mit der Schutzpatronin der Hafenstadt am Golfe du Lion. Die 2 600 Jahre alte Stadt, gegründet von Phönikern aus Kleinasien, sucht ein neues Image. Das Kulturhauptstadtjahr ist das beste Mittel, denn die Kulturen des Mittelmeerraums haben Marseille geprägt und mischen sich: „Nur wenige Städte sind so kosmopolitisch wie Marseille“, findet Ulrich Fuchs, Vizedirektor von Europas Kulturhauptstadt 2013 und gebürtiger Oberpfälzer.

    Vor drei Jahren kam Fuchs nach Marseille, im Jahre 2009 hatte er zur Mannschaft der Kulturhauptstadt Linz in Österreich gehört. Mit seinem internationalen Team hat Fuchs für „Marseille-Provence 2013“ rund 900 Veranstaltungen zusammengetragen, nicht nur in Marseille, sondern auch in den Nachbarstädten wie Aix-en-Provence, Arles, Gardanne und Salon-de-Provence, praktisch überall im Département Bouches-du-Rhône. Aus den Erfahrungen in Linz hat er auch die Aufarbeitung der Vergangenheit mitgebracht, denn Marseille war im Zweiten Weltkrieg zunächst Sammelbasis für Flüchtlinge, ab November 1942 dann von den Deutschen besetzt und Schauplatz von Juden-Verfolgung und Nazi-Terror. 51 Stationen umfasst der Weg der Erinnerung, Startpunkt ist die Maison Diamantée, in dem Ulrich Fuchs und die Verwaltung von MP 2013 sitzen: Das einstige Patrizier-Haus entging nur durch harte Verhandlungen im Frühjahr 1943 dem Schicksal des restlichen Viertels, das wegen „unhygienischer Verhältnisse“ von deutschen Truppen gesprengt wurde.

    Marseille hat sich verändert in den vergangenen Jahren, nicht nur im Hinblick auf den Titel „Kulturhauptstadt 2013“. Besonders deutlich wird das im Hafen und dort im neuen Euroméditerranée-Viertel, das Platz für 40 000 Menschen bieten soll. Auf 480 Hektar an den Quais d’Arenc werden rund sieben Milliarden Euro investiert: Büros, Geschäfte, Hotels und Wohnungen. Dazu gehören umgebaute Docks und Speicher, der futuristische Wolkenkratzer, 110 Meter hoch mit Doppelfassade, der Reederei CMA/CGM von Stararchitektin Zaha Hadid (Prizker-Preis 2004), es sollen folgen der Turm La Marseillaise in den Farben bleu-blanc-rouge von Jean Nouvel zwischen den Hochbahnviadukten. Der Turm H 99, der erste Wohnturm in Marseille seit 35 Jahren, von Jean-Baptiste Pietri, soll Wohnungen zwischen 52 und 96 m? mit einmaligen Ausblicken bieten, nach dem Motto „habiter la vue“ (den Blick wohnen).

    Die Begegnung der beiden Seiten des Mittelmeeres und der jeweiligen Kulturen ist das erklärte Ziel der Kulturhauptstadt Marseille, wobei das Programm in drei Phasen aufgeteilt ist. Bis Mai 2013 hebt das Motto „Marseille empfängt die Welt“ die Tradition der Gastfreundschaft, das Weltenbürgertum und die Beziehung zu den Nachbarn hervor. Die feierliche Eröffnung war ein Fest der Begegnung und des Austausches, in Aix-en-Provence mit einer im Freien gezeigten Ausstellung zeitgenössischer Kunst, Referenz an das Erbe des Mittelmeeres und dessen Ursprung. In Marseille gab es, eingerahmt von Musik, eine Lichtshow am Meer sowie eine Schnitzeljagd zwischen Istres und La Ciotat beziehungsweise zwischen Salon-de-Provence und Gardanne. Ausstellungen, Feste, Festivals und Spektakel prägen den ersten Programmabschnitt von „Marseille europäische Kulturhauptstadt 2013“.

    Der zweite Themenschwerpunkt „Marseille Provence unter freiem Himmel“ ab Juni bis August 2013 greift den Bezug zwischen Kunst und Natur auf und präsentiert thematische Erlebnistouren zwischen urbanen und ländlichen Landschaften, Veranstaltungsformate unterm Sternenhimmel und entdeckt ungewöhnliche Orte. Wenn Marseille unter freiem Himmel feiert, dann ist das sprichwörtlich Programm: Es gibt eine Vielzahl von Open-Air-Konzerten, zur großen EuroPride kann zehn Tage lang auf den Straßen Marseilles getanzt und gefeiert werden, Jazzfestivals wechseln mit Ballettvorführungen und Straßentheater mit literarischen Lesungen. Als weitere Höhepunkte werden am Fort Saint-Jean das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeerraums, kurz MUCEM (Musée des Civilisations d'Europe et de la Méditerranée) genannt, und in dem Schloss des Parks Borely das Museum für Kunstgewerbe und Mode eröffnet. Im Palais Longchamp werden Kunstwerke von van Gogh bis Bonnard zu bestaunen sein und im Granet Museum in Aix-en-Provence Cézanne und Matisse zu Gast sein.

    Die Herbstphase „Marseille Provence in tausend Gestalten“ vom September bis Dezember 2013 widmet sich dem Austausch und der Lust auf Entdeckung. Vom September bis Dezember werden dabei Technologien zum Schlüssel des kreativen Prozesses, wie in den „Digitallandschaften“. Innovative kulinarische Künste werden im „Koch-Theater“ und neue Theater- und Musikschöpfungen in „Herbst-Szenen“ präsentiert. „Persönlichkeiten aus dem Mittelmeer“ huldigt den namhaftesten Künstlern, die von dieser einzigartigen Gegend inspiriert wurden. „Schriften des Wirklichen“ erzählen von den durch Literatur geknüpften Banden.

    Zum Kulturhauptstadtjahr bekommt Marseille eine Reihe von neuen Bauwerken und Museen, die von öffentlich-rechtlichen Körperschaften finanziert werden: Das FRAC PACA des japanischen Architekten Kengo Kuma mit zeitgenössischer Kunst, die Villa Méditerranée des Architekten Stefano Boeri (Eröffnung: 9. April), das Mucem des Architekten Rudy Ricciotti (Eröffnung: 7. Juni) und das MAMO des jungen Marseiller Designers Ora Ito, ein neues Kunstzentrum auf dem Dach der Cité radieuse von Le Corbusier.

    Das Highlight, das zugleich in Marseille, Palais Longchamp und Aix-en-Provence, Musée Granet stattfindet, ist „Le Grand Atelier du Midi“. Die Ausstellung zeigt die verschiedenen Bewegungen in der Malerei, die das 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben, vom Impressionismus bis zum Postimpressionismus. Die beiden aufeinander bezogenen Ausstellungen finden in Aix-en-Provence und in Marseille statt, vom 13. Juni bis 13. Oktober 2013, in zwei Teilen; der Erste reicht von Van Gogh bis Bonnard, der Zweite von Cézanne bis Matisse. Zu sehen sind zudem Werke von Picasso und de Staël.

    Wer der Kulturhauptstadt, der Museen und Ausstellungen müde ist und etwas von der Seele von Marseille verstehen will, der steigt oder fährt mit dem Linienbus 60 vom Vieux Port hinauf zur Wallfahrtskirche Notre-Dame-de-La-Garde. Seitdem im Jahre 1214 ein Priester namens Pierre hier ein erstes Kirchlein errichtet und die Fischer und Seefahrer die Muttergottes zu ihrer Patronin gemacht haben, pilgern viele Menschen hinauf zur „bonne mere“, der guten Mutter von Marseille. Sie wacht über eine kosmopolitische Stadt, in der auch rund 140 000 Maghrebiner leben und ihr Blick richtet sich auch auf das Mittelmeer, dessen beide Ufer die Kulturhauptstadt Marseille verbinden will.