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    Der Memoranden-Streit

    Das Virus spaltet. Nicht nur Regierende und Regierte. Auch die Wissenschaft ist völlig uneins. Ein Blick auf die verschiedenen Sichtweisen.

    Coronavirus
    Die Wissenschadt streitet über den Umgang mit dem Coronavirus. Foto: stock adobe

    Derzeit scheint es, als lägen die von der SARS-CoV-2-Pandemie heimgesuchten Länder allesamt an der Straße von Messina. Dort, in der Meerenge zwischen Sizilien und dem italienischen Festland, vermutete man lange Zeit, habe Homer seinen Helden Odysseus vor die Wahl zwischen den Seeungeheuern Skylla und Charybdis gestellt. Das Ergebnis ist bekannt: Die für noch gefährlicher erachtete Charybdis meidend kommt Odysseus‘ Schiff Skylla so nahe, dass sie sechs seiner Gefährten frisst.

    Ein ethisches Dilemma

    Wie Homers Odysseus, so stellt auch die Pandemie die verantwortlichen Politiker vor ein ethisches Dilemma. Denn sowohl das Virus als auch die Maßnahmen, die die Bevölkerung vor einer Infektion schützen sollen, fordern Opfer. Mit dem feinen Unterschied, dass derzeit noch niemand mit Gewissheit sagen kann, was von beiden sich am Ende als Skylla und was als Charybdis herausstellen wird.

    Nicht einmal die Experten sind sich einig. Geht es etwa nach den Initiatoren der „Great Barrington Erklärung“, dann überwiegt bislang der Schaden, der durch die Schutzmaßnahmen verursacht wird. Die von den renommierten Epidemiologen Martin Kulldorff (Harvard), Sunetra Gupta (Oxford) und Jay Bhattacharya (Stanford) in Great Barrington im US-Bundesstaat Massachusetts gemeinsam verfasste und Anfang Oktober veröffentlichten Erklärung wurde von 43 Wissenschaftlern aus England, Israel, Kanada, Deutschland, Neuseeland, Schottland, Schweden und den USA mitunterzeichnet und seitdem in ebenso viele Sprachen übersetzt. Bis Anfang dieser Woche haben sich ihr fast 12 000 Gesundheitswissenschaftler und mehr als 34 000 Ärzte angeschlossen.

    Folgen für die öffentliche Gesundheit

    Nach ihrer Ansicht hat die bisherige Lockdown-Politik „kurz- und langfristig verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit“. Als Beispiel führen Kulldorff, Gupta und Bhattacharya „niedrigere Impfraten bei Kindern, schlechtere Verläufe bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weniger Krebsvorsorgeuntersuchungen und eine Verschlechterung der psychischen Verfassung“ an. Dies und anderes mehr werde „in den kommenden Jahren zu einer erhöhten Übersterblichkeit führen“. Als Übersterblichkeit, mitunter auch „Exzess-Mortalität“ genannt, werden Sterberaten bezeichnet, die höher ausfallen, als herangezogene Vergleichsgrößen (Zeiträume, Gruppen oder Länder) dies erwarten lassen. Laut den Professoren der drei Elite-Universitäten werden „die Arbeiterklasse und die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft dabei am schlimmsten betroffen sei“. Schüler von der Schule fernzuhalten sei eine „schwerwiegende Ungerechtigkeit“. Und weiter: „Die Beibehaltung dieser Maßnahmen bis ein Impfstoff zu Verfügung steht, wird irreparablen Schaden verursachen, wobei die Unterprivilegierten unverhältnismäßig stark betroffen sind.“

    „Verheerende Schäden für die geistige und körperliche Gesundheit.“

    Wie Kulldorff, Gupta und Bhattacharya an anderer Stelle ausführen, hätten Lockdowns in der Geschichte noch nie zur Ausrottung eines Virus geführt. Im besten Fall verzögerten sie die Zunahme der Infektionen zu hohen Kosten für begrenzte Zeit. Dagegen verursache die Lockdown-Politik „verheerende Schäden für die geistige und körperliche Gesundheit“. So schätze die UNO, dass infolge des Lockdowns weitere 130 Millionen arme Menschen von Hunger bedroht werden. Weitere 400 000 Menschen stürben Schätzungen zufolge an den Folgen unzureichender Tuberkulose-Behandlungen. In vielen Ländern seien aufgrund des Lockdowns Impfkampagnen gegen Diphtherie und Polio ausgesetzt worden.

    Gezielter Schutz

    Statt des Lockdowns schlagen die Forscher vor, der Pandemie mit einer Strategie „gezielten Schutzes (Focused Protection)“ zu begegnen, bei dem besonders gefährdete Personengruppen vor Infektionen bewahrt würden. So könnten Pflegeheime Personal mit erworbener Immunität einsetzen und häufige PCR-Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern durchführen. Rentner, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen und Familienmitglieder eher draußen als drinnen treffen. „Diejenigen, die nicht schutzbedürftig sind“ sollten hingegen „sofort wieder ein normales Leben führen dürfen. Einfache Hygienemaßnahmen wie Händewaschen und der Aufenthalt zu Hause im Krankheitsfall sollten von allen praktiziert werden, um den Schwellenwert für die Herdenimmunität zu senken. Schulen und Universitäten sollten für den Präsenzunterricht geöffnet sein. Außerschulische Aktivitäten, wie zum Beispiel Sport, sollten wieder aufgenommen werden. Junge Erwachsene mit geringem Risiko sollten normal und nicht von zu Hause aus arbeiten. Restaurants und andere Geschäfte sollten öffnen können. Kunst, Musik, Sport und andere kulturelle Aktivitäten sollten wieder aufgenommen werden. Menschen, die stärker gefährdet sind, können teilnehmen, wenn sie dies wünschen, während die Gesellschaft als Ganzes den Schutz genießt, der den Schwachen durch diejenigen gewährt wird, die Herdenimmunität aufgebaut haben.“

    Gefährlicher Irrweg

    Bei anderen Wissenschaftlern stieß die „Great Barrington Erklärung“ dagegen auf massive Kritik. Fast 7 000 von ihnen haben inzwischen das „John Snow Memorandum“ unterzeichnet, das Mitte Oktober in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ publiziert wurde. In ihm verteidigen die Initiatoren um die Gesundheitsforscherin Deepti Gurdasani von der Queen Mary University of London die Lockdown-Strategie. Sie sei erforderlich gewesen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, die Sterblichkeit zu verringern und eine Überforderung der Gesundheitssysteme zu verhindern. Dagegen sei „jede Pandemie-Management-Strategie“, die auf eine durch Infektion erworbene Immunität der Bevölkerung in der Niedrig-Risiko-Population setze, um vulnerable Personen zu schützen, ein „gefährlicher Irrweg“. Einer, der sich nicht auf wissenschaftliche Erkenntnis stützen könne.

    Starker Tobak, zweifellos. In der nach dem britischen Arzt John Snow (1813-1858) benannten Gegenerklärung, der 1854 erkannte, dass sich die bakterielle Infektionskrankheit Cholera in London über das Trinkwasser verbreitete, behaupten die Unterzeichner ferner, es gebe einen „evidenzbasierten Konsens zu COVID-19“. Ihm zufolge sei die Infektionssterblichkeitsrate von COVID-19 um ein Vielfaches höher als die der saisonalen Influenza. So hätten sich weltweit mehr als 35 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert. Bis zum 12. Oktober habe das Virus laut der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als eine Million Todesfälle gefordert. Angesichts einer „erneut rapide beschleunigten Zunahme von COVID-19-Fällen in weiten Teilen Europas, den USA und vielen anderen Ländern der Welt sei es daher „wichtig, entschlossen und schnell zu handeln. Wirksame Maßnahmen zur Verhinderung und Steuerung der Übertragung des Virus müssen umfassend umgesetzt werden.“

    Kein Konsens der Wissenschaft

    Das Problem hier: Der behauptete „evidenzbasierte Konsens zu COVID-19“ existiert nicht. Und zwar nicht nur, weil es den nicht geben kann, wenn rund 12 000 Wissenschaftler eine und beinah 7 000 weitere, eine andere, nahezu diametral entgegengesetzte Erklärung unterstützen, sondern auch, weil es immer noch zu wenig belastbare Daten gibt.

    Beispiel Mortalität: Anfang der Woche meldete die Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 49,5 Millionen bestätigte Infektionen, einschließlich 1 245 717 an oder mit COVID-19 Verstorbene. Selbst wenn diese Zahlen über Zweifel erhaben wären und das Infektionsgeschehen zuverlässig abbildeten, was sie aufgrund unterschiedlicher Testsysteme und -strategien gar nicht vermögen, ließen sich aus ihr keine Sterblichkeitsraten errechnen. Denn da viele Infektionen mit COVID-19 symptomfrei verlaufen – Schätzung gehen von bis zu 80 Prozent der Fälle aus – wissen viele Betroffene gar nicht, dass sie infiziert sind. In der Statistik tauchen sie nur auf, wenn sie zufällig getestet wurden.

    Wie hoch ist die Sterblichkeit?

    Es bedarf also ausgeklügelter Rechenmodelle, um eine halbwegs realistische Infektionssterblichkeit zu ermitteln. Eine Studie, die dies leistet, wurde unlängst im offiziellen Bulletin der WHO veröffentlicht. Der Autor dieser Studie ist niemand Geringeres als der Gesundheitswissenschaftler und Statistiker John Ioannidis. Der in New York geborene und in Athen aufgewachsene Ioannidis lehrt an der Universität Stanford Medizin, Epidemiologie und Bevölkerungsgesundheit und zählt seit Jahren zu den meistzitierten Wissenschaftlern der Welt. Für seine aktuelle Publikation hat der 55-Jährige 61 Studien aus der ganzen Welt ausgewertet, die aus Antikörpertest-Stichproben die Infektionsraten der jeweiligen Bevölkerung errechnen.

    Für seine Metastudie hat Ioannidis die Ergebnisse der Einzelstudien einer statistischen Korrektur unterzogen und zu den offiziellen COVID-19-Todesfällen jeweils in Beziehung gesetzt. Ergebnis: Im Mittel liegt die „Infection Fatality Rate“ (IFR) bei 0,23 Prozent. Das heißt, in 50 Prozent der von Ioannidis ausgewerteten Studien liegt die errechnete IFR darunter, in der anderen Hälfte darüber. Verantwortlich für die unterschiedlichen IFRs – sie variieren zwischen Null in Guangdong (China) und 1,63 Prozent (in Orleans im US-Bundesstaat Louisiana) – seien die Altersstruktur der Bevölkerung, die Qualität des Gesundheitswesens, die Bevölkerungsdichte sowie die Beschaffenheit von Infektionsherden, etwa überfüllte Verkehrsmittel.

    Die Frage, was Skylla und was Charybdis ist, beantwortet jedoch auch die Ioannidis-Studie nicht. Denn wenn Gesundheitssysteme unter dem Ansturm kritischer Verläufe von Patienten zusammenbrechen, die sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, spielt die Frage, wie tödlich das Virus selbst ist, nur noch eine untergeordnete Rolle.

    Kurz gefasst

    Mit der „Great Barrington Erklärung“ und dem „John Snow Memorandum“ beziehen Wissenschaftler im Theatergraben Stellung und bieten sich der Politik bereitwillig als Souffleure an. Das Problem: Beide Lager haben für das Drama, das derzeit uraufgeführt wird, völlig unterschiedliche Skripte.

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