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    Keine Zukunft

    Die Abtreibungslobby hat keine Zukunft. Ganz anders die Lebensschutzbewegung, der die Zukunft gehört, die das aber – vor allem in der Fläche – erst langsam zu realisieren scheint.

    Menschlicher Fötus auf wissenschaftlichem Hintergrund. 3D-Darstellung
    Menschlicher Fötus auf wissenschaftlichem Hintergrund. 3D-Darstellung Foto: adobe stock

    In Deutschland wird wieder über Abtreibung gestritten. Laut und vernehmlich. Das war nicht immer so. Fast zwei Jahrzehnte lang herrschte auf diesem Schlachtfeld eine Friedhofsruhe, dominierten exotisch anmutende Themen den bioethischen Diskurs. Die embryonale Stammzellforschung etwa oder die künstliche Befruchtung, eine Gebärmaschinerie, die immer neue ethische Probleme gebiert. Angefangen bei der Präimplantationsdiagnostik und der Geschlechtsselektion, über die Eizellspende und die Leihmutterschaft bis hin zum sogenannten Social-Freezing, dem Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Indikation, und sogenannten Drei-Eltern-Babies. Nicht zu vergessen die Schaffung von Mensch-Tier-Mischwesen oder die Eingriffe in die menschliche Keimbahn mittels der neuen CRISPR/Cas-Technologie.

    Aus katholischer Perspektive ist jedes dieser Themen gleich wichtig und dramatisch. Denn bei allen werden die Rechte von Personen in schwerwiegender Weise verletzt. Und weil jede Person einzigartig, unwiederholbar und durch nichts – oder richtiger – durch niemand anderen zu ersetzen ist, spielt es aus Sicht des Katholiken auch keinerlei Rolle, wie viele Menschen tatsächlich von ihnen betroffen sind. Exakt so wie jeder im Mittelmeer Ertrunkene einer zuviel ist, exakt so ist auch jeder künstlich erzeugte Embryo einer zuviel. Und das gänzlich unabhängig davon, ob er „bloß“ genetisch manipuliert wurde, einen Gen-Check glücklich überstanden hat oder einer von jenen Neunen ist, die Reproduktionsmediziner um des Zehnten willen – so wissentlich wie gewissenlos – auf eine Reise ohne Wiederkehr schicken.

    Wodurch ein „Zellhaufen“ zur Person wird, bleibt noch zu klären

    Natürlich wird bestritten, dass der Embryo – der im Reagenzglas genau so wie der im Mutterleib – Person ist. Deswegen kennt die Empörung über das Versagen der Mittelmeermächte – zu Recht – kaum Grenzen, während sie sich auf Feldern wie der Embryonen verbrauchenden Stammzellforschung, der Selektion in der Petrischale oder auch der vorgeburtlichen Kindstötung – zu Unrecht – noch in eher engen Grenzen hält.

    Der springende Punkt ist nur: Niemand hat bisher auch nur ansatzweise zu erklären vermocht, wie oder wodurch aus einem „Zellhaufen“ eine Person wird. Anders formuliert: Die Begründung, warum dies bis heute – trotz erheblicher Anstrengungen – noch niemandem gelungen ist, ist so naheliegend wie einfach. Nur Personen können die Eigenschaften von Personen ausbilden, aufgrund derer viele Gesellschaften sie – wenn auch oft erst zu einem späteren Zeitpunkt – als solche (an)erkennen.

    Wissenschaftstheoretisch bedeutet das Folgendes: Die von Lebensrechtlern, der katholischen Kirche sowie anderen klar Denkenden erhobene Behauptung, dass eine menschliche, befruchtete Eizelle eine Person sei, konnte bisher – wie gesagt, trotz erheblicher Anstrengungen – nicht falsifiziert werden. Ginge es in den Welten der Wissenschaft, der Politik und der Gesellschaft mit rechten Dingen zu, wäre dies keine „Sondermeinung“ sogenannter „selbsternannter Lebensschützer“, „alter Männer in Soutanen“ oder anderer „Schlaumeier“ sondern – bis zum Erweis des Gegenteils – von allen geteilter Konsens.

    Embryonen durch (Sprach-)Bilder entpersonalisiert

    Dass er das nicht ist, geht auf das Konto der Abtreibungslobby. Die hat es mit geschicktem Fraiming und der Verbreitung wirkmächtiger (Sprach-)Bilder wie „Kaulquappe“, „himbeergeleeartiger Substanz“, „Schwangerschaftsgewebe“ und „Zellhaufen“ geschafft, den Embryo begrifflich zu entpersonalisieren.

    Das ist und bleibt erstaunlich. Denn wer diesen (Sprach-)Bildern anhängt, glaubt gewissermaßen an Zauberei. Noch dazu an eine, die ohne Zauberer auskommen muss, was der Absurdität des Ganzen die Krone aufsetzt. Denn er muss annehmen, dass aus einer himbeergeleeartigen Substanz oder einem Zellhaufen – wie von Zauberhand – während der Geburt ein Kind wird, das, sobald wir es in Händen halten, von jedem als Mensch betrachtet wird. Und das nicht nur hin und wieder, sondern – oh Wunder – exakt jedes Mal. Dasselbe Wesen also, das jetzt als „einer von uns“ erkannt wird und dieselben Rechte wie wir alle genießt, die – wie etwa im Fall des Kindesentzugs – notfalls auch gegen seine Eltern durchgesetzt werden, soll kurz zuvor – einige Monate, Wochen oder auch nur Stunden früher – noch ihrer Willkür gänzlich unterworfen sein oder anheimfallen können. Das ist, einmal abgesehen von der erschreckenden Brutalität, die sich dahinter verbirgt, eine intellektuelle Zumutung, die den Menschen als vernunftbegabtes Wesen in einer nicht mehr überbietbaren Weise verspottet.

    Es gehört zu den unbestreitbaren Erfolgen der Lebensrechtsbewegung, dass sie es mit maßstabsgetreuen Nachbildungen eines Embryos in der 10. Schwangerschaftswoche geschafft hat, das von der Abtreibungslobby ersonnene Fraiming wenn auch nicht gänzlich außer Kraft zu setzen, so doch nachhaltig zu erschüttern. Inzwischen wird die an sich logische und von der Embryologie bestätigte Einsicht, dass sich der Mensch – so wie jedes andere Lebewesen auch – „als“ solcher und nicht erst „zu“ ihm entwickelt, durch leistungsfähige 3-D-Ultraschallaufnahmen, die landläufig gerne auch als „Baby-TV“ bezeichnet werden, weiter befeuert.

    Die Abtreibungslobby stellt das vor große Probleme. Sie unternimmt weiterhin erhebliche Anstrengungen, um „nur nicht vom Kind [zu] reden“, und ihre Gefolgschaft entsprechend zu disziplinieren, wie der Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker unlängst an dieser Stelle eindrucksvoll belegte (vgl. DT vom 27. Juni).

    Sicherstellung der Versorgung abtreibungswilliger Schwangerer

    Damit nicht genug, führt sie seit ziemlich genau zwei Jahren einen Kampf mit dem Ziel, den verhassten, im Ergebnis aber in Wahrheit ziemlich wirkungslosen § 218 endlich aus dem Strafgesetzbuch (StGB) zu verbannen. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Denn auch wenn der § 218 de facto keine Schwangere daran hindert, sich ihres ungeborenes Kind unter Inanspruchnahme eines Arztes zu entledigen, so zeigt doch seine bloße Existenz, dass das von der Lobby behauptete „(Frauen-)Recht auf Abtreibung“ keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung in Staat und Gesellschaft stößt.

    Mehr noch: Je stärker die oben genannten Sprachbilder an Wirkmacht verlieren, umso größer wird aus Sicht der Abtreibungslobby die „Gefahr“, dass es auch in Deutschland zu einer rechtspolitischen Wende kommt, wie sie sich in mehreren US-amerikanischen Bundesstaaten mit ihren „Heartbeat-bills“, den sogenannten Herzschlag-Gesetzen, bereits andeutet. Hinzukommt, dass sich auch in vielen Ländern Europas immer weniger Ärzte bereitfinden, vorgeburtliche Kindstötungen durchzuführen, ihren Beruf als Heiler zu verraten und ihren Berufsstand zu diskreditieren. Eine Entwicklung, die so sehr an Fahrt aufgenommen hat, dass sich die Abtreibungslobby längst genötigt sieht, auch gegen die vielerorts gesetzlich garantierte Gewissensfreiheit von Ärzten und Hebammen zu Felde zu ziehen, um eine Versorgung abtreibungswilliger Schwangerer langfristig sicherzustellen.

    Und noch etwas kommt hinzu: Die Abtreibungslobby altert rapide, während sich die Lebensrechtsbewegung zusehends verjüngt. Das zeigt sich nicht nur jedes Jahr im September, wenn beim „Marsch für das Leben“ in Berlin tausende Lebensrechtler und hunderte Gegendemonstranten aufeinandertreffen. Das lässt sich auch an den führenden Personen ablesen. Das neue Gesicht der Lobby, die Gießener Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel, die am 24. November 2017 vom Amtsgericht Gießen wegen Verstoßes gegen das Werbeverbot für Abtreibungen zu einer Geldstrafe von 6 000 Euro verurteilt wurde, und deren Fall nun – nach der Reform des § 219a StGB – neu verhandelt werden muss, ist 63 Jahre alt. Ihr Münchner Kollege Friedrich Stapf ist gar 73. Die Vorsitzende des Bundesverbands Pro Familia, Dörte Frank-Boegner, ist Jahrgang 1954 und auch der politische Arm der Lobby ist nicht mehr ganz taufrisch. So zählt die frauenpolitische Sprecherin der Linken, Cornelia Möhrig, inzwischen auch schon 59 Lenze, während die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulle Schauws, mit 53 Jahren zu den Jüngeren zählt.

    Bisher kein ein konsequenter Schutz des Lebens aus der Politik

    Wie panisch die Abtreibungslobby inzwischen auf die wachsende Lebensrechtsbewegung reagiert, zeigt sich nicht nur darin, dass Teile von ihnen auch vor Gewalt nicht zurückschrecken, wie die Anschläge auf die ehemalige Geschäftsstelle des Bundesverbands Lebensrecht (BVL) und – erst kürzlich – auf die Beratungsstelle Pro Femina in Berlin belegen, sondern auch in ihrer widersprüchlichen Argumentation.

    Dieselben Frauen, die bis vor kurzem noch als so stark und selbstbestimmt galten, dass sie sich unmöglich durch die Werbung für Abtreibungen zu einem unüberlegten, vorschnellen und später bereuten Schritt verleiten lassen („mittelalterliches Frauenbild“), müssen nun vor dem Beratungsangebot einer einzelnen, privaten Einrichtung, die nicht einmal unter dem Dach des BVL segelt, von staatlichen Behörden geschützt werden.

    Mehr noch: Dieselben Frauen, die so selbstbestimmt und stark sind, dass es als ausgeschlossen gelten müsse, dass ihre Seelen durch Abtreibungen Schaden nehmen, weshalb die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn diesbezüglich geplante Studie eine Verschwendung von Steuergeldern sei, sollen auf Sicht- und Hörweite vor dem Kontakt mit Lebensrechtlern bewahrt werden müssen, die vor Abtreibungseinrichtungen friedlich demonstrieren oder dort auch nur beten. Wer sich selbst so wenig ernst nimmt, wie die Abtreibungslobby, ruft damit früher oder später auch andere auf den Plan.

    Dass es bisher nur einzelne Politiker sind, die sich wiederum einzelne Anliegen der Lebensrechtsbewegung zu eigen machen, es aber weiterhin – von bloßen Lippenbekenntnissen einmal abgesehen – noch keine Partei gibt, die sich den konsequenten Schutz des Lebens von Personen vom Anfang bis zum Ende ihrer Existenz auf Erden zu eigen macht, darf Katholiken betrüben. Mut- oder gar hoffnungslos sollte es sie nicht machen. Denn es spricht sehr viel dafür, dass das, was wir derzeit erleben, womöglich das letzte, verzweifelte Aufbäumen einer überdies sterilen Lobby darstellt, die längst weiß, dass sie auf lange Sicht keine Zukunft hat. Die gehört, nachdem die Abtreibungslobby in Deutschland, aber auch in Europa und den USA ihren Zenit längst überschritten hat, den Lebensrechtlern. Viele wissen es nur noch nicht.