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    Risikogruppe Alleinerziehende

    Die plötzliche Fragmentierung unserer sozialen Beziehungen durch Corona trifft Trennungsfamilien besonders hart. Was kann man dagegen tun?

    Gesundheitsrisiko durch familiäre Trennung steigt
    In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt 1,5 Millionen Alleinerziehende mit 2,2 Millionen Kindern unter 18 Ja... Foto: adobe.stock

    „Frühkindliche Belastungen wirken lebensverkürzend.“ Mit dieser Aussage konfrontierte kürzlich Universitätsprofessor Matthias Franz in der Ärztekammer Nordrhein in Düsseldorf bei einem Kammersymposium sein Publikum. Die Aussage ist gerade mit Blick auf Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie hoch aktuell. So können die Kita- und Schulschließungen für Alleinerziehende existenzbedrohend werden, denn nach wie vor fallen die Großeltern als Ersatzbetreuer in der Regel aus, da sie zu den Risikogruppen gehören.

    „Man kann Bindungspersonen nicht einfach austauschen“, Professor Peter Zimmermann.

    „Die plötzliche Fragmentierung unserer sozialen Beziehungen durch das Kontaktverbot trifft gerade Trennungsfamilien mit besonderer Härte. Videoplattformen und Telefon können vielleicht kurzfristig hilfreich sein. Auch Paarfamilien werden in dieser Situation spüren, wie sehr der Verlust sozialer Begegnungsmöglichkeiten verunsichert und schmerzt“, erklärt Matthias Franz, der das Klinische Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf leitet.

    Trennung als Gesundheitsrisiko

    Alleinerziehende haben es auch schon ohne Krise schwer genug. Unter dem Titel „Familiäre Trennung als Gesundheitsrisiko“ waren im Haus der Ärzteschaft viele neue Fakten und Studienergebnisse dazu zu hören. Seit Jahren wird die Gruppe der Ehepaare mit Kindern in Deutschland immer kleiner, wohingegen die Zahl der Alleinerziehenden wächst. Jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik Deutschland wird bei nur einem Elternteil groß. Das ist in fast 90 Prozent der Fälle bei der Mutter. 2017 gab es allein in Berlin einen Anteil von 27,6 Prozent von Alleinerziehenden unter den Familien. „Die meisten Alleinerziehenden leben in den östlichen Bundesländern und den Stadtstaaten“, sagt Franz, der nicht nur ein führender Experte für Alleinerziehende ist, sondern auch in der Väterforschung zu den herausragenden Fachleuten der Republik gehört.

    Anfällig für psychische Störungen

    „Müde? Erschöpft? Alleinerziehend?“, ist auf einem Flyer der Deutschen Rentenversicherung und der Walter Blüchert Stiftung (WBS) aus Gütersloh zu lesen. Damit macht man auf eine „Psychosomatische Rehabilitation von Alleinerziehenden mit ihren Kindern“ aufmerksam, die zum Beispiel in der Celenus Klinik Schömberg angeboten werden. „Studien zur Kinder- und Jugendgesundheit weisen bekanntermaßen auf einen engen Zusammenhang zwischen Gesundheitschancen und der sozialen Lage von Familien hin“, erklärt Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein.

    Er verweist auf die Daten, welche klar belegen, dass ein niedriger Sozialstatus und Armut besonders Kinder von Alleinerziehenden treffen. Sie gehören mit Blick auf die Gesundheit zu den Risikogruppen. „Mit knapp 17 Prozent liegt die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen auf einem nach wie vor hohen Niveau“, unterstreicht Henke und sieht „die Gesellschaft insgesamt gefordert“ bei der Stärkung der Gesundheitsförderung von Heranwachsenden aus dieser Gruppe. Das unterstreicht auch Petra Walger, Chefärztin der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des LVR-Klinikums in Düsseldorf: „Einer der Risikofaktoren für psychische Störungen ist es, alleinerziehend zu sein.“ Gute Angebote für diese Gruppen seien zwar vorhanden, „aber sie werden zu wenig oder gar nicht genutzt: Es fehlt am Überblick, den Vernetzungen und sicher auch an ausreichenden Finanzierungen in unserem Wohlfahrtsstaat“, stellt Petra Walger fest.

    Wo gehöre ich hin?

    „Psychosomatische Erkrankungen und Trennungen, da gibt es eindeutige Kausalitäten“, betont auch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Dr. Thomas Fischbach. Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit eigener Praxis verweist dabei auf das wichtige Thema der Bindung. Denn wo diese zwischen Kindern und Eltern gestört wird, lauern viele Erkrankungen. „Man kann Bindungspersonen nicht einfach austauschen“, sagt dazu Professor Peter Zimmermann, Lehrstuhlinhaber „Entwicklungspsychologie“ an der Bergischen Universität in Wuppertal. Am Beispiel von Patchworkfamilien veranschaulicht er Bindungsprobleme. „Wo gehöre ich eigentlich hin?“, fragten sich betroffene Kinder, welche immer die Nähe zu Personen suchen, die ihnen Schutz böten.

    Partnerstreit beeinträchtigt Erziehungsverhalten

    Die Wissenschaft unterscheidet zwischen unsicherer und sicherer Bindung „und zu den Risikofaktoren der unsicheren Bindung zählen: Armut, niedrige Bildung und Alleinerziehung“. Es sei allerdings nicht einfach, Untersuchungen mit Scheidungseltern zu machen, erklärt Prof. Zimmermann die Grundproblematik bei der Frage von Elterntrennung und Bindungsentwicklung von Kindern: „Trennungsfamilien verweigern sich oft der Forschung, auch weil jedes Elternteil die Kinder behalten möchte.“ Die negativen Effekte der Konflikte zwischen den Partnern gingen oft nahtlos als Elternkonflikte weiter und erzeugen so psychische Probleme bei den gemeinsamen Kindern. Zimmermann: „Partnerstreit beeinträchtigt das Erziehungsverhalten. Wenn ich mit meiner Frau oder meinem Mann streite, merke ich da noch, wie es dem Kind geht?“ Die Kinder würden sich nie an den Zwist der Eltern gewöhnen und mit Verhaltensauffälligkeiten oder Zurückgezogenheit reagieren. Sein Fazit: „Jede sichere Bindung, die sinnvoll ist, sollte im Interesse der Kinder erhalten werden.“

    Fehlende gesellschaftliche Unterstützung

    Aktuell haben wir in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 1,5 Millionen Alleinerziehende mit 2,2 Millionen Kindern unter 18 Jahren. Das Phänomen ist keines des 21. Jahrhunderts, denn nach den beiden Weltkriegen gab es viele alleinerziehende Mütter mit Kindern, als viele Väter nicht von der Front zurückkehrten. Nur heute ist die Situation anders. „Viele Eltern und besonders die Alleinerziehenden machten einen ganz tollen Job. Nicht die Alleinerziehenden sind das Problem. Das Problem ist die unzureichende gesellschaftliche Unterstützung. Familiäre Trennung ist ein Gesundheitsrisiko für alle“, stellt Prof. Matthias Franz klar.

    „Kinder ziehen oft die Schuld auf sich, dass es der Mama so schlecht geht und der Papa so weit weg ist.“ Schuldgefühle, Einsamkeit, Armut, ein erhöhtes Depressionsrisiko bis hin zu Gewalt in der Familie und Suizid belasteten überproportional alleinerziehende Mütter und Väter. Die Hartz-IV-Quote unter Alleinerziehenden wird aktuell mit 39 Prozent angegeben und fast die Hälfte der 2,2 Millionen Kinder von Alleinerziehenden in Deutschland leidet unter Armut. Bei den Kindern geht zusätzlich der schlechtere Schulerfolg gepaart mit gesundheitlichen Problemen einher. Professor Franz fordert deshalb zusammen mit der Walter Blüchert Stiftung: „Wir müssen den überforderten Familien und besonders den Alleinerziehenden helfen, wertschätzend die Konflikte zu lösen – besonders im Interesse der Kinder!“.

    „wir2“

    Welche konkrete Unterstützung brauchen Alleinerziehende, jetzt in Krisenzeiten mehr denn je? Laut einer Analyse des Allensbach-Institutes erwarten Mütter und Väter mehr Unterstützung bei der Erziehung und Betreuung. Neben der gesellschaftlichen Beachtung steht auch die finanzielle Hilfe ganz oben auf ihrer Wunschliste, wenn es um wirksame Mittel gegen Armut und Einsamkeit von Alleinerziehenden geht. Ein sehr wirksames Programm ist beispielsweise „wir2“, welches sich an Alleinerziehende mit Kindern bis zum Alter von zehn Jahren richtet. Das strukturierte Elterntraining wurde maßgeblich von Professor Matthias Franz und seinem Team entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Training, das Alleinerziehenden zu mehr Kraft und Selbstbewusstsein verhelfen soll.

    Es arbeitet bindungsorientiert und emotionszentriert und hat unter anderem zum Ziel, „die Mutter-Kind-Beziehung zu stabilisieren durch Reduktion der Depressivität und Stärkung der elterlichen Feinfühligkeit“. Das gelingt bei 20 wöchentlichen Gruppensitzungen a 90 Minuten, mit Diskussionen, Rollenspielen und Übungen, die auch zu Hause vertieft werden können. Bisher wurden bundesweit über 700 Gruppenleiter auf das „wir2-Bindungstraining geschult. Außerdem gibt es seit einiger Zeit „wir2Reha“, ein spezielles Angebot für Alleinerziehende in der Psychosomatischen Fachklinik Schömberg, das als sechswöchige Eltern-Kind-Maßnahme angeboten und von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) finanziert wird.

    Besserung psychischer Belastungsfolgen

    Die Nachhaltigkeit von „wir2“ konnte mit einer Wirksamkeitsstudie durch das Bundesforschungsministerium belegt werden. Die Evaluation ergab bei den Alleinerziehenden „eine Besserung psychischer Belastungsfolgen, eine Stärkung emotionaler Kompetenzen, eine Entspannung im Alltag und viele positive Effekte auch mit Blick auf die Kinder, die sich noch ein Jahr nach dem Training nachweisen lassen“, erläutert Franz. Konkret konnte bei vielen Müttern eine Halbierung ihrer Depressivität nachgewiesen werden. Ängste und Verzweiflung verringerten sich ebenso wie chronische psychosomatische Körperbeschwerden deutlich.

    Ein Teilnehmer bemerkte am Rande des Düsseldorfer Symposiums: „wir2‘ ist eine gute und sehr wirksame Medizin gegen das große Gesundheitsrisiko nach familiärer Trennung“. Die Teilnehmerinnen an den unterschiedlichen Angeboten von „wir2“ sagten unisono, sie würden „das hilfreiche Programm zu 100 Prozent weiterempfehlen“. Und 69 Prozent der teilnehmenden Mütter stellt klar: „Mein Selbstvertrauen und die Beziehung zu meinem Kind hat sich gestärkt“. Es bräuchte, gerade in Corona-Zeiten, mehr solcher Initiativen.

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