• aktualisiert:

    Würzburg

    Es geht nicht ohne Familie

    Das Modell Familie hat sich in der Corona-Krise bewährt. Umso bitterer ist die Ignoranz der Politik. Katholische Verbände hingegen haben klare Forderungen.

    Weltfamilientag wird in der Öffentlichkeit zumeist ignoriert
    Der Weltfamilientag wird in der Öffentlichkeit zumeist ignoriert. Dabei ist die Familie der Garant für gelingende Erzieh... Foto: dpa

    Keine Zeile, nirgends in den Print-Leitmedien. Kein Wort, kein Bild, nirgends in den öffentlich-rechtlichen Sendern. Der Internationale Tag der Familie (15. Mai) fand nur im Netz statt und da auch nur bei den Verbänden, Vereinen und Stiftungen, die sich sozusagen von Beruf(ung)s wegen mit der Familie befassen.

    Die Stiftung für Familienwerte hatte die originelle Idee, ihre Partner um einen Satz für die Familie zu bitten und herausgekommen ist ein Strauß bunter Forderungen, Wünsche und Feststellungen. Kostprobe: „Dass die Eltern den Allerkleinsten zukünftig mehr gemeinsame Zeit schenken!“ (Christa Leonhard, Präsidentin der Stiftung); „Die Gesellschaft sollte endlich die Erziehungsleistung der Eltern anerkennen gemäß den Urteilen des BVG.“ (Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.); „dass das Recht der Eltern, Erziehungs- und Erwerbsarbeit innerhalb der Familie nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen aufzuteilen, umgesetzt wird und finanzielle Anerkennung findet.“ (Bündnis Rettet die Familie); „dass die Familie in der Politik auf Platz EINS gesetzt wird!“ (Demo für Alle); „Politiker sollten realisieren, dass sie Kleinstkinder unter drei Jahren in Krippen nachweislich chronischem Stress aussetzen, der die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigt“ (Verantwortung für die Familie e.V.); „dass sich die Familien der Größe ihrer Berufung wieder neu bewusst werden und daraus Freude, Mut und Ideenreichtum schöpfen!“ (Vision Liebe).

    Beschenkung mit Menschlichkeit

    Der Strauß ist reichhaltig, entsprechend dem Sujet. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte 1993 diesen Tag und ein Jahr der Familie ausgerufen und der heilige Johannes Paul II. hatte zu diesem Anlass seinen berühmten Brief an die Familien geschrieben, in dem er die Familie als „Weg der Kirche“ beschreibt und zwar als „ersten und wichtigsten“ ihrer „zahlreichen Wege“. Es sei „ein gemeinsamer Weg und doch ein eigener, einzigartiger und unwiederholbarer Weg, so wie jeder Mensch unwiederholbar ist; ein Weg, von dem kein Mensch sich lossagen kann“. In dem Brief gab er auch eine Definition von Erziehung, die in ihrer Knappheit, Tiefe und Weite unerreicht ist.

    Erziehung sei „Beschenkung mit Menschlichkeit“ und die Eltern „Lehrer in Menschlichkeit“. Im gleichen Brief sprach er sich auch dafür aus, „die Belastung der Arbeitstätigkeit der Frauen innerhalb der Kernfamilie hervorzuheben: Sie müsste in höchstem Maße anerkannt und aufgewertet werden“. Denn „die Mühen der Frau, die, nachdem sie ein Kind zur Welt gebracht hat, dieses nährt und pflegt und sich besonders in den ersten Jahren um seine Erziehung kümmert, ist so groß, dass sie den Vergleich mit keiner Berufsarbeit zu fürchten braucht“. Deshalb müsse „die Mutterschaft und all das, was sie an Mühen mit sich bringt, auch eine ökonomische Anerkennung erhalten, die wenigstens der anderer Arbeiten entspricht, von denen die Erhaltung der Familie in einer derart heiklen Phase ihrer Existenz abhängt“.

    Das Familienbild als Feindbild

    In den 27 Jahren seit Ausrufung des internationalen Familientags hat sich nicht nur in den meisten Medien das Bild der Familie zur Unkenntlichkeit verzerrt und verwässert – das traditionelle Familienbild ist medial zum Feindbild geworden –, die Kernfamilie mit Vater, Mutter, Kind(er) ist trotz der wachsenden Belastungen das Zukunfts- und Lebensmodell der meisten Jugendlichen geblieben. Und sie hat sich in den Krisenzeiten wie jetzt auch erneut bewährt als Zuflucht, Raum der Geborgenheit, Schutz vor äußeren Gefahren. Natürlich sind in der Corona-Zeit auch die Zahlen von familiärer Gewalt gestiegen und darüber berichten viele Medien ausführlich. So wie sie auch ausgiebig den internationalen Frauentag am 8. März gefeiert und als Gelegenheit für feministische Forderungen an Staat und Gesellschaft genutzt haben.

    In Sachen Familie sind die Forderungen dagegen ziemlich kleinlaut. Während man in den ersten Jahren des Jahrhunderts noch auf Symposien und Tagungen laut über Möglichkeiten eines Erziehungslohns nachdachte und diskutierte und die vorhandenen Modelle mit den bereits verwirklichten in anderen europäischen Ländern verglich, ist die Idee heute zu einer Diskussion über die Lohnfortzahlung geschrumpft. Die Leistung der Familie in der Krise soll als Lohnfortzahlung um weitere vier Wochen bis maximal zehn Wochen anerkannt werden. Das gelte aber nur bis Ende des Jahres und sei auch gedeckelt, bei 2 016 Euro hört, so die Vorstellung der Großen Koalition, die Anerkennung auf.

    Das Schweigen der Kirchen

    Die Ignoranz des politisch-medialen Establishments gegenüber der traditionellen Familie, die immer noch knapp drei Viertel aller Familienformen in Deutschland ausmacht, ist erstaunlich. Selbst die Kanzlerin warnt in bester feministischer Manier davor, in „alte Rollenbilder“ zurückzufallen. Noch erstaunlicher ist das Schweigen der Kirchen zum Weltfamilientag.

    Gerade jetzt, da viele Familien wegen der Pandemie-Bestimmungen stärker auf sich zurückgeworfen sind und vermutlich mehr Zeit miteinander verbringen als sonst, wären Aktionen zur Selbstvergewisserung und Anerkennung auf fruchtbaren Boden gefallen. Dagegen müssen die Familien sich selbst in bürgerlichen Zeitungen wie die Frankfurter Sonntagszeitung eher beschimpfen lassen als Lebensform, „die sich aus der gemeinsamen Erbweitergabe speist“ oder die vor allem „nervt“.

    Solche Artikel und die Ignoranz, die in ihnen zum Ausdruck kommt, mag sich teilweise aus dem Faktum erklären, dass 70 Prozent der Journalisten kinderlos sind und die meisten dieser Kollegen zu dieser Welt keinen Bezug pflegen (es gibt auch die Kollegen, die sich um Nichten, Neffen und andere kümmern). Entscheidend ist jedoch die Leistungsgerechtigkeit, die Johannes Paul II. schon einforderte.

    Generative Beiträge

    Bei der Behandlung dieses Themas spielt es keine Rolle, ob jemand Kinder hat oder nicht. Es geht, wie die meisten Wünsche und Forderungen für die Stiftung für Familienwerte zeigen, um die Anerkennung der gesellschaftlich notwendigen Erziehungsleistung, die das Bundesverfassungsgericht als „generativen Beitrag“ bezeichnet. Demnächst wird das Bundesverfassungsgericht, dessen Urteile zum Thema Gerechtigkeit für Familien von der Politik bisher weitgehend übergangen oder schlicht ignoriert wurden, erneut darüber befinden, ob in den Umlagesystemen (Rente, Pflege, Arbeitslosenversicherung) dieser generative Beitrag in die Berechnung des finanziellen Beitrags einfließen muss. Das könnte ein gewichtiges Thema im kommenden Bundestagswahlkampf werden.

    Ganz unbemerkt ist der Internationale Familientag nicht geblieben. In Österreich hat das „Forum Beziehung, Ehe und Familie der Katholischen Aktion“ den Tag der Familie zum Anlass genommen, um eine bekannte Forderung wieder ins Rampenlicht zu stellen: eine Familienverträglichkeitsprüfung für Gesetze und Erlässe. Es sei im Interesse des Gelingens von Beziehungen notwendig, die Auswirkungen gesetzlicher Veränderungen und Verordnungen auf das Familienleben in den Blick zu nehmen. Im Interesse der Menschen und besonders der Zukunft der Kinder sei eine Beziehungs-, Ehe- und Familienverträglichkeitsprüfung der Gesetze in Zukunft unerlässlich.

    Diese Forderung hatte seinerzeit auch der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber erwogen.

    Familien als Maßstab des Denkens

    Auch der Katholische Familienverband (KFV) hat den Weltfamilientag genutzt, um von der Politik zu fordern, den Familien mehr Verantwortungsbewusstsein zuzutrauen. Der Katholische Familienverband habe es sich zur Aufgabe gemacht, den Kontakt zwischen den Generationen zu fördern. In Deutschland schrieb die Bundesvorsitzende des Verbands kinderreicher Familien e.V., Elisabeth Müller, zum Weltfamilientag eine Art Zwischenbilanz der Corona-Zeit: Familien hätten nun täglich gezeigt, „was sie leisten. Sie synchronisieren die Erfordernisse von Beruf und Schule, Hobby und Alltag. Alles, was sonst wohlgeordnet nebeneinander funktioniert, wird nun von einer Einheit getragen und treuhänderisch weitergeführt. Die Gesellschaft hat sich stillschweigend auf die Familien verlassen, wohl in der unerschütterlichen Annahme, dass sie verlässlich sind.

    Wenn wir jetzt beginnen, unsere Gesellschaft wieder zu aktivieren, dürfen wir die Familien nicht bloß mitdenken, sondern alle Pläne müssen von der Familie ausgehen. Sie muss wieder ein relevanter Maßstab gesellschaftlichen Denkens werden. Mütter und Väter haben ihre Qualitäten gezeigt und jetzt ist es eine Frage der Verantwortung und wirtschaftlichen Weitsicht, Müttern und Vätern auf dem Arbeitsmarkt mit Flexibilität, Kulanz und Wertschätzung entgegenzukommen.“

    Familie im Zentrum

    Man darf skeptisch sein, ob Politik, Wirtschaft und Medien trotz der guten Erfahrungen mit der Familie in der Corona-Zeit sich zu diesem gesellschaftlichen Denken aufraffen und dieser Institution jetzt mehr Anerkennung und Achtung zollen. Aber auch wenn eine zweite oder gar dritte Welle folgen sollte, eins ist in dieser Krise erneut klar geworden: Es geht nicht ohne Familie.

    Um es mit Johannes Paul II. und Worten aus seinem Brief an die Familie zu sagen: „Eine wahrhaft souveräne und geistig starke Nation besteht immer aus starken Familien, die sich ihrer Berufung und ihrer Sendung in der Geschichte bewusst sind. Die Familie steht im Zentrum aller Probleme und Aufgaben: Sie in eine untergeordnete und nebensächliche Rolle zu versetzen, sie aus der ihr in der Gesellschaft gebührenden Stellung auszuschließen, heißt, dem echten Wachstum des gesamten Sozialgefüges einen schweren Schaden zufügen.“

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .

    Weitere Artikel