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    Würzburg

    Ein doppeltes Fest

    Weihnachten in der Großfamilie gleicht einem Spektakel. Familiäre Fundstücke VIII.

    Fröhliche Weihnachten
    Weihnachten ist ein Familienfest. Foto: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

    Die Krippenspiele haben es in sich. Man nahm sich mehrere Szenen vor und einmal – unvergessen – gab es noch eine Zugabe. Die Kinder spielten, wie immer in eigener Regie, die „Flucht nach Ägypten“. Die Szene: Unter dem Tisch stand Tobias, damals zehn Jahre alt, auf allen vieren und sagte, nein, stieß ständig aus: „Iah, iah, iah“. Vor dem Tisch saßen Arnaud (sechs) als der heilige Josef und David (acht) als die „noch heiligere“ Maria, zwischen ihnen eine Puppe, denn der dreijährige Nathanael, den alle Momo nennen, wollte diesmal nicht das Jesuskind spielen. Er streikte.

    Plötzlich schwebte ein großes, weißes Bettlaken durch die Wohnzimmertür, so dass es selbst Tobias den Doppellaut verschlug, und aus dem Engelstuch klang feierlich die Stimme Thibauts (elf): „Josef, Josef, nimm eilends das Kind und flieh' nach Ägypten, denn die Häscher des Herodes trachten ihm nach dem Leben.“ Arnaud blickte hoch und sagte: „Und was mach' ich mit Maria?“ Die wusste, wie alle Mütter, schon Bescheid: „Ich komm doch mit, Mann!“ Dann setzte sie sich auf Tobias, der inzwischen seine Stimme wiedergefunden hatte, Josef legte die Puppe drauf und alle zogen eilends und mit lautem Iah aus dem Wohnzimmer, Richtung Ägypten. Der Applaus war euphorisch.

    Familie wird gefeiert

    Weihnachten ist in Großfamilien ein doppeltes Fest. „Es wird nicht nur die Familie von Bethlehem, sondern auch die eigene Familie gefeiert.“ Man weiß, dass man eben nicht elf Krawatten bekommt. Man bekommt Kunstwerke. Der eine schreibt ein Gedicht über seine Familie und trägt es vor. Das ist dann der Moment, wenn die Mädchenfraktion weint.

    „Die eigentliche Aufgabe der Mächtigen ist es, die ihnen Anbefohlenen zu schützen.“

    Die Kleinen basteln, die Größeren zeichnen, die ganz Großen lassen sich etwas einfallen. So bekam das repräsentierende Oberhaupt der Familie einmal eine Weihnachtstüte mit lauter Papierschnitzeln drin und auf jedem Stückchen stand das Wort „Macht“: Eine Tüte voll Macht. Dazu noch ein Zettel: „Ganz viel Macht – greif dazu, wenn du es für nötig hältst.“ Die Tüte steht noch heute sichtbar im Büro und erinnert den Besitzer an das Wort von Pascal: „Die eigentliche Aufgabe der Mächtigen ist es, die ihnen Anbefohlenen zu schützen.“ Das Macht-Geschenk erklärt sich vielleicht auch aus dem väterlichen Bemühen, an Weihnachten den Schutz zunächst mal der Ordnung an sich zu widmen. Denn es gibt den Run auf die Geschenke und irgendwann war Schluss mit der Hoffnung, jedem Menschen guten Willens leuchte es von selbst ein, dass geben seliger ist als nehmen.

    Und das war auch der Moment, da die Ordnungsmacht meinte, für einen gesitteten Ablauf des Festes sorgen zu müssen. Dazu gehörte nach dem Festschmaus und der Bescherung auch die Mitternachtsmesse. Einige sprachen von der Nachtmesse mitten im Spiel – gingen aber mit und schliefen nicht selten während der Messe ein. …. Da wir ein paar Jahre in Straßburg gelebt haben, wurde eine zeitlang gern die Geschichte vom „Paradiesbaum“, dem Vorläufer des Weihnachtsbaumes, zum Besten gegeben. Denn aus Straßburg ist das erste schriftliche Zeugnis vom Weihnachtsbaum im Wohnzimmer überliefert. Es datiert aus dem Jahre 1605. Zwar gab es schon lange den Paradiesbaum, aber aus der reichen Bürgerstadt am Rhein wurde geschrieben, wie die Bürger am 24. Dezember Äpfel an die grünen Zweige banden.

    Im Mittelpunkt steht das Geschenk der Gemeinschaft

    Der Paradiesbaum mit den Äpfeln wurde Adam und Eva zum Verhängnis, die Krippe daneben enthielt den neuen Menschen, der die Erlösung brachte. Die Straßburger Haus-Chronik erzählt, wie die Sache mit den Äpfeln sich weiterentwickelte: „Auff Weihnachten richtet man Dannenbäum zu Straßburg in den Stuben auff, daran henket am Rossen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Äpfel, Oblaten, Zischgold, etcetera.“ Den Baum haben wir mittlerweile zu großen Zweigen in einer Vase verkümmern lassen, das ständige Geknabbere an ihm war zu nervig. Dafür nimmt die Krippe mehr Platz ein. Eine kleine Landschaft entsteht. Erst recht, seit Annabelle in Spanien herrlich natürliche Figuren findet, die sie selber anmalt. Ein junger Josef ist dabei, eine erschöpfte Mutter mit glücklich entspanntem Gesicht. „Eine Geburt ist ja kein Zuckerschlecken.“ Realistisch soll es sein, lebensnah. Das prägt das Ambiente.

    „Ich wünsche mir, dass wir an Weihnachten alle da sind, dass wir gemütlich am Kamin beisammensitzen und miteinander reden und viel Freude haben.“

    Zum Realismus gehört auch, dass in einer großen Familie nicht jeder jedem großartige Dinge kaufen kann. Überhaupt: Nicht die Geschenke für jeden Einzelnen stehen im Mittelpunkt, sondern die Freude über das Geschenk der Gemeinsamkeit. „Ich wünsche mir“, meinte Momo, „dass wir an Weihnachten alle da sind, dass wir gemütlich am Kamin beisammensitzen und miteinander reden und viel Freude haben.“ Arnaud schrieb vor zwei Jahren in einem Schulaufsatz über das Weihnachtsfest: „Alle kommen. Alle sind da. Und wenn einer nicht kann, weil er kein Geld für die Reise hat, dann macht mein Vater es doch irgendwie möglich.“

    Feste beleben Beziehungen

    Die Mädchen schenken ihrer Mutter seit mehreren Jahren schon das Festmahl. Sie kaufen, kochen, bereiten alles zu, decken, nein schmücken den langen Tisch mit Kerzenleuchtern, Kristallgläsern und feinem Besteck und verleihen dem Wohnzimmer einen feierlichen Glanz. Sie schenken ihren Genius und das hat keinen Preis. Mimi erklärt gern ihre Geschenke. Als sie acht war, bekam Vater ein Gemälde und Mutter eine Tonfigur. Der Engel auf dem gemalten Bild ist so winzig klein, weil der Himmel so groß ist. Und der gebrannte Igel aus Ton sehe zwar aus wie ein Dino, „ist aber in Wirklichkeit ein Igel, weil ich einen Igel machen wollte“.

    Und die Mutter wurde zusätzlich noch überrascht mit der Frage: „Was ist Weihnachten am wichtigsten?“ Nach einer Denkpause bekam Mimi die Antwort: „Dass alle etwas von der Wärme der Liebe spüren, um sie anderen weiterzuschenken.“ Feste beleben Beziehungen, Kultfeiern aktualisieren den Glauben, vertiefen die Überzeugungen. Wenn beides, Fest und Kultfeier, zusammenfallen, etwa an Weihnachten, dann ist das die geglückte Kombination von Freude und Ernst, ein Stück Leben pur. Solche tiefen Glücksmomente verankern im Herzen der Kinder die Gewissheit, dass Liebe und Leben gelingen können. Wenn sie fehlen, schleichen sich Zweifel ein. Aber auch das ist mehr oder weniger reparierbar. Und das Leben darf ja auch mal gut gehen, selbst zu Weihnachten oder an anderen großen Familienfesten.

    Aus: Martine und Jürgen Liminski: Abenteuer Familie. Sankt-Ulrich-Verlag, Augsburg 2004, 2.Aufl., mit einem Vorwort von Paul Kirchhof, hier Seiten 100ff.

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