• aktualisiert:

    Michigan

    Ehe und Glück

    Spielt die Ehe keine Rolle für das Glück? Eine Studie wendet fragwürdige Methoden an.

    Glückliche Familie in der Natur
    Die Liebe ist das wirkliche Geheimnis des Eheglücks. Und dieses Glück ist nicht messbar. Messbar sind lediglich einige F... Foto: Adobe Stock

    Empirische Studien sind heute die neuen Grundlagen des Wissens und damit der Meinungen und Glaubenssätze. Das ist zwar besser als bloße Ansichten und Meinungen ohne empirische Belege, aber nicht jede Studie ist wahr, nur weil mit Zahlen hantiert wird. Manchmal dienen Forschungen nur dazu, alte Wahrheiten und Traditionen in Misskredit zu ziehen. Das gilt vor allem für Studien, die sich mit den natürlichen Institutionen Ehe und Familie befassen. Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

    Im Journal of Positive Psychology ist jetzt eine umfangreiche Studie veröffentlicht worden, die nahelegt, dass es beim Glücklichsein oder dem Sich-glücklich-fühlen kaum Unterschiede gebe zwischen Eheleuten, Alleinlebenden oder Geschiedenen (Loved and lost or never loved at all? Lifelong marital histories and their links with subjective well-being). Autoren sind mehrere Professoren der staatlichen Universität von Michigan. Sie haben anhand einer Umfrage unter 7 532 Teilnehmern (54 Prozent davon Frauen) den Glücksstand der Befragten gemessen und daraus Schlüsse für die Allgemeinheit gezogen.

    Wissenschaftlich fragwürdiges Vorgehen

    Die führenden Autoren der Studie, William Chopik und Mariah Purol, kommen zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede minimal seien. Aber sie haben zum einen die Geschiedenen etliche Jahre nach der Scheidung befragt und die Zeit der Scheidung selbst ausgeblendet, mithin eine Momentaufnahme geliefert. Das ist bei emotionalen Beschreibungen kritisch zu betrachten. In der Regel werden hier Ergebnisse über lange oder längere Zeiträume von mindestens sechs Jahren erfasst, um Schwankungen einzuordnen. Zum zweiten leben nur 13 Prozent der befragten Personen geschieden oder getrennt, was Vergleiche ebenfalls verzerrt. Und zum dritten wurden ganz unterschiedliche Altersgruppen befragt von 18 bis 60 Jahren. Allein dieses wissenschaftlich fragwürdige Vorgehen lässt ernsthafte Zweifel aufkommen.

    Ganz erstaunlich aber ist, dass der Psychologe William Chopik in einer früheren Studie mit einem Kollegen von der Universität Chicago, Ed O'Brian, zu dem Ergebnis kam, dass verheiratete und bereits in Rente lebende Paare gesünder sind als Unverheiratete oder Geschiedene. Hier hatte er sich an die üblichen Kriterien gehalten: Gleiches mit Gleichem zu vergleichen (Altersgruppen von 50 bis 90) und das über einen längeren Zeitraum (sechs Jahre). Diese Studie bestätigte Forschungen seit den siebziger Jahren, wonach Verheiratete gesünder und länger leben, was oft mit der gegenseitigen Pflege und gesünderen Ernährung, Wohlstand im Alter und geringerem Stresslevel zu tun hat. Natürlich können Alleinlebende sich auch gesund ernähren und durch ein gepflegtes Innenleben beziehungsweise eine selbstreflektierende Beziehung zu Gott (etwa regelmäßiges Gebet) Stress abbauen und Glücksmomente erleben. Das allerdings setzt einen praktizierten Glauben voraus.

    Wer am Glück des/der anderen interessiert ist, wird sich entsprechend darum bemühen.

    Trotz der Mängel der Michigan-Studie lassen sich einige Schlussfolgerungen von William Chopik nachvollziehen. So ist offenkundig, dass ein glücklicher Ehepartner, eine glückliche Ehepartnerin, sich mehr um das Glück in der Ehe kümmert und ein unglücklicher Mensch sich eher auf seine eigenen Probleme und Beschäftigungen zurückzieht. Ebenso selbstverständlich erscheint, dass ein glücklicher Ehepartner eher beispielhaft wirkt für den Lebenswandel als ein unglücklicher. Wer am Glück des/der anderen interessiert ist, wird sich entsprechend darum bemühen.

    Hier, bei der persönlichen Mühe und Intention, endet allerdings der Bereich des empirisch Messbaren. Wer will die Liebe messen? „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ So heißt es im Hohelied der Liebe (vgl.1 Kor, 13). Diese Liebe ist das wirkliche Geheimnis des Eheglücks. Und das ist nicht messbar.

    Trotz sozialer Absicherung sinkt die Lebenserwartung

    Messbar sind einige Folgen: Gesundheit, Lebenserwartung, Wohlstand. Aber auch diese Folgen sind von vielen Faktoren abhängig, gerade die Gesundheit, und zwar auch von Faktoren, die jenseits der eigenen Verantwortung und persönlicher Handlungsoptionen liegen, etwa die Sauberkeit der Luft und des Wassers.

    Auch bei der Lebenserwartung ist zu beobachten, dass sie derzeit auch in den reichen Industrieländern deutlich sinkt – trotz sozialer Sicherungssysteme und besserer Ernährung. Möglicherweise gibt es Zusammenhänge zwischen der psychischen Belastbarkeit und Befindlichkeit auf der einen und dem Zustand der Ehe und Partnerschaft sowie der Energie, die man in diese Beziehung investiert, auf der anderen. Deshalb sind Forschungen subjektiver Befindlichkeiten nicht a priori sinnlos. Die Methoden der Vergleichbarkeit müssen stimmig sein.

    Die Ehe ist eine Quelle persönlicher Stabilität

    In diesem Sinn ist eine neuere Studie des amerikanischen Institute for Family Studies interessant. Sie geht von vornherein davon aus, dass die direkten positiven Folgen der Ehe nicht unmittelbar messbar sind. Erst der Vergleich von Altersgruppen und ähnlichen Umständen erlaubt belastbare Schlussfolgerungen.

    So geben 40 Prozent der Verheirateten zwischen 18 und 50 Jahren an, sich sehr glücklich zu fühlen, während es bei den Unverheirateten nur 22 Prozent sind. Bei getrennt lebenden oder geschiedenen Ehepartnern ohne Kinder sind es 24 Prozent (mit Kindern nur noch 18 Prozent).

    Aus den Datensätzen dieses Instituts, die belastbarer sind als die Michigan-Studie, lässt sich also immerhin ableiten, dass die Ehe, statistisch gesehen, eine Quelle persönlicher Stabilität, des Glücks und der Gesundheit ist. Das umso mehr, wenn man an sich und damit an der Beziehung selbst arbeitet.

    Um die anthropologisch in allen Kulturen gegebene, natürliche Institution der heterosexuellen Ehe – das „konjugale Prinzip“ nennt es der Kultursoziologe Claude Levy-Strauss – in Zweifel zu ziehen und demnächst womöglich mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu relativieren, reichen schiefe Vergleiche und fragwürdige Methoden jedenfalls nicht aus.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.

    Weitere Artikel