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    Leipzig

    Corona und die Ehe

    Durch die Pandemie wird die Zahl der Scheidungen wohl steigen. Umgekehrt dürfte die Zahl der Eheschließungen sinken. Die Ehe ist aber auch in Corona-Zeiten kein Auslaufmodell.

    Scheidungstorte
    Sogenannte „Scheidungstorten“ werden immer beliebter. Foto: adobe stock

    Corona verstärkt Trends, besonders in der Beziehungswelt. Räumliche Nähe bringt Glück, kann aber auch Probleme schaffen. Beispiel Ehe: Die Zahl der Scheidungen in Deutschland war im letzten Jahrzehnt, vor allem seit 2011 rückläufig, 2019 aber stieg diese Zahl wieder leicht an, insgesamt ließen sich rund 149 010 Paare scheiden, etwa Tausend mehr als 2018. Das lässt sich den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes entnehmen. Diese Trendwende dürfte durch Corona deutlicher werden. Denn die Zahlen der Paar- und Familienberatungen sind ebenso gestiegen wie die der Scheidungsanfragen in Rechtsanwaltskanzleien.

    Zwar gibt es noch keine verlässlichen Daten, aber eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Sommer ergab, dass der Entschluss zur Scheidung in und durch die Corona-Zeit gefallen sei. Man rechnet mit einem Plus von mindestens zehn Prozent, also insgesamt rund 160 000 Scheidungen für 2020. Die scheidungswilligen Paare gaben vor allem zwei Gründe für ihren Entschluss an. Zum einen habe der Lockdown schon länger getrennt lebende Paare motiviert, eine brüchige Ehe endgültig zu beenden. Zum anderen hätten die räumliche Enge und erzwungene Gemeinsamkeit sie zum „Nachdenken“ über ihre Ehe gebracht. Beim zweiten Motiv kann man allerdings vermuten, dass diese Ehen ebenfalls schon angebrochen waren. Man fand nicht mehr zueinander oder Parallel-Beziehungen wurden offenbar.

    Ehen auf Inseln sind harmonischer

    Auch der Blick ins europäische Ausland in Corona-Zeiten bestätigt den Trend. Dabei scheinen Ehen auf Inseln (weniger große Städte) harmonischer zu verlaufen. Irland und Malta haben die geringsten Scheidungsquoten in der EU. Dort kommen auf Tausend Einwohner jeweils 0, 7 Trennungen. In Deutschland sind es 1, 9 Scheidungen, was ziemlich genau dem Durchschnitt in der EU entspricht. Die europäischen Zahlen finden sich bei Eurostat und gelten für das Jahr 2017. Neuere Eurostat-Zahlen sind noch nicht verfügbar. Auch bei den Eheschließungen liegen die Inseln vorn, vor allem Zypern verzeichnet mit 78 Hochzeiten im Jahr 2018 die Spitzenposition. In Deutschland sind es nach Eurostat 49 Eheschließungen, in Frankreich 35 und beim Schlusslicht Luxemburg 31. Bei Zypern muss man jedoch in Rechnung stellen, dass viele Israelis und Libanesen, die eine religiös gemischte Ehe oder auch nur eine Zivilehe eingehen wollen, auf die nahegelegene Insel ausweichen.

    Die Zahl der Eheschließungen in Europa dürfte 2020 allerdings einen veritablen Einbruch erleben. Viele Ämter und Kirchen waren entweder ganz geschlossen oder nur für ein kleines Publikum zugänglich, so dass viele Paare ihre Hochzeit verschoben. Je nach Verlauf der Pandemie dürfte es im nächsten Jahr also einen Hochzeitsboom geben. 2019 gaben sich in Deutschland 416 340 Paare (davon 14 000 gleichgeschlechtliche) das Ja-Wort. Das waren zwar 7, 4 Prozent weniger als 2018, aber das Jahr 2018 fällt insofern aus dem Rahmen, als zum ersten Mal gleichgeschlechtliche Paare in die Statistik aufgenommen wurden.

    Mittelfristig ein leichter Aufwärtstrend

    Der mittelfristige Trend geht bei Eheschließungen eher leicht nach oben. Die Ausschläge von 2020 und 2021 werden zusammen veranschlagt werden müssen, um den Trend zu ermitteln. Ein Trend allerdings bleibt von Corona unberührt: Das Alter der Paare vor dem Traualtar steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich nach oben. Anfang der neunziger Jahre lag es bei 26 Jahren, heute sind die Frauen durchschnittlich 32, die Männer 34 Jahre alt. Das beeinflusst auch die Zahl der Geburten und der familiären Situation der neugeborenen Kinder. In Ostdeutschland werden mehr als die Hälfte der Kinder unehelich geboren, in Westdeutschland ist es ein gutes Viertel. Oft führt die Geburt dann aber zur Hochzeit, so dass in 86 Prozent der Paarhaushalte mit minderjährigen Kindern die Eltern auch verheiratet sind. Insgesamt sind, Stand Juli dieses Jahres, 35, 5 Millionen Personen verheiratet, 6, 3 Millionen Personen geschieden, 5, 6 Millionen verwitwet.

    Die „Leipziger Volkszeitung“ hat jüngst in einem Artikel die Trends am Beispiel Sachsen erläutert. Demnach ist die Zahl der Eheschließungen im April dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr um ein gutes Viertel gesunken (888 Trauungen zu 2018 im Jahr zuvor). Dagegen hatte es im Februar im Freistaat noch fast doppelt so viele Trauungen gegeben wie 2019. Insgesamt haben 2019 in Sachsen 18 302 Paare geheiratet, 2 124 weniger als im Jahr zuvor. Gleichzeitig wurden 6 238 Ehen geschieden, 140 mehr als im Vorjahr. Bei etwas mehr als der Hälfte der Scheidungen waren ein oder zwei Kinder betroffen, insgesamt zählt Sachsen 5059 neue Scheidungskinder im Jahr 2019. Im gesamten Bundesgebiet sind es 122 010 minderjährige Kinder, die 2019 von einer Scheidung betroffen waren, vor einigen Jahren waren es noch zwischen 140 000 und 150 000.

    Die Ehedauer ist leicht gestiegen

    Die Corona-Scheidungen werden auch Einfluss auf die Ehedauer in Deutschland haben. Insgesamt ist die durchschnittliche Ehedauer seit dem Jahr 2007 bis 2017 gestiegen: 2006 lag sie noch bei 13, 7 Jahren, 2017 bei 15 Jahren. Das laufende Jahrzehnt wird wegen der vielen Eheschließungen in den fünfziger Jahren einen Rekord an goldenen und eisernen Hochzeiten (65 Jahre Ehe) erleben. Seit dem Jahr 2018 ist die durchschnittliche Ehedauer erstmals wieder gesunken und lag im Jahr 2019 bei 14, 8 Jahren. Die Scheidungsquote (Zahl der Scheidungen in Relation zur Zahl der Eheschließungen im selben Zeitraum) lag bei 35, 79 Prozent, also rund drei Eheschließungen pro eine Scheidung im Jahr 2019. Im Jahr zuvor war sie auf den tiefsten Stand der letzten 25 Jahre gefallen. Sie könnte 2020 trotz mehr Eheschließungen steigen. Das durchschnittliche Alter geschiedener Männer beträgt 46, 5 Jahre, bei Frauen sind es 43, 9 Jahre.

    Ehe bleibt erstrebenswert

    All diese Zahlen lassen sich auch in Corona-Zeiten in einem großen dauerhaften Trend zusammenfassen: Die Ehe ist für die meisten Menschen nach wie vor erstrebenswert. Gerade in Krisenzeiten erweist sie sich als Halt für den Einzelnen und als stabilisierendes Element für die Gesellschaft. Und das trotz des permanenten und seit Jahrzehnten andauernden Trommelfeuers aus den Medien. Immer wieder schwärmen selbst große Sonntagszeitungen von den Vorteilen der Untreue, der sogenannten „Freundschaft plus“ (bindungsfreie Freundschaft mit Sex) oder dem Feuer von Seitensprüngen. Nur selten liest, sieht oder hört man im medialen Mainstream vom sozialen Kapital der Ehe, von der Geborgenheit in der treuen und verlässlichen Beziehung der Ehe, davon, dass zwei Drittel aller Ehen ein Leben lang halten und die meisten dieser Ehen ein religiöses Fundament haben. Angesichts dieses Trommelfeuers ist es schon erstaunlich, dass die Institution Ehe nach wie vor einen so hohen Stellenwert hat.

    Eine in Stein gemeißelte Institution

    Natürlich nagt der Relativismus an diesem Fundament der Gesellschaft. Der tektonische Umbruch im Wertebewusstsein geht nicht spurlos an der Ehe vorüber. Gerade deshalb müsse, so Benedikt XVI. schon vor 15 Jahren, die Gemeinschaft der Kirche „den außerordentlichen Wert der Ehe in ihrem ganzen Reichtum aufzeigen und erklären, dass sie als naturgegebene Institution ein Erbe der Menschheit“ sei. Die Ehe ist keine Erfindung der Kirche, man kann aber sagen, dass die Kirche heute die einzige Institution ist, die dieses Erbe der Menschheit im kanonischen Recht kodifiziert, sozusagen in Stein gemeißelt hat.

    Das Bundesverfassungsgericht hat die Institutionen Ehe und Familie längst im Stich gelassen und es ist nicht abwegig zu vermuten, dass die politischen Parteien weiter geradezu besinnungslos das stabilisierende Fundament der Gesellschaft untergraben und aushöhlen werden, indem sie zum Beispiel wie die Grünen die Abschaffung des Ehegattensplittings fordern, wie die FDP die Scheidung erleichtern wollen – ein Standesbeamter soll sie nur noch bestätigen – oder indem sie der Polygamie mehr Raum zugestehen, um die „islamischen Mitbürger“ nicht zu diskriminieren. Auch die Kirche steht hier vielfach unter Druck, denn nicht wenigen Paaren geht es um eine schöne Feier mit Orgel und Tränen. Sicher, in den Augen der Welt gilt: Rührseligkeit schlägt Seligkeit. Aber entscheidend ist, wie es im Katechismus der katholischen Kirche heißt, der Konsens der Eheleute, ihr Wille zu einem „treuen und fruchtbaren Ehebund“. Aus diesem Konsens erwächst die Stabilität der Beziehung. Diese Stabilität trägt auch die Gesellschaft. Es ist ein Fundament, das große Sozio-Anthropologen wie Claude Levi-Strauss das „konjugale Prinzip“ nennen und das seit Jahrtausenden durch viele Krisen getragen hat. Es wird auch die Corona-Trends überdauern.

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