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    Regensburg

    Der persönliche Ton des Lebens

    Wie Schule und Internat der Regensburger Domspatzen den engen Draht zu den Eltern pflegen.

    Regensburger Domspatzen bei täglicher Chorprobe
    Hinter dem reinen Gesang steckt viel Arbeit: Täglich wird bei den Domspatzen geprobt. Foto: Bernhard Spoettel / Media21.TV

    Musik beschwingt, gute Musik begeistert. Der reine Klang aus Knabenkehlen entrückt. Wer einmal die Domspatzen im Regensburger Dom das Weihnachtslied „Stille Nacht“ hat singen hören, der kann den Dreiklang von Schule, Chor und Internat nachempfinden: Singen, Leben, Lernen. An der Reichsstraße 22 in Regensburg gehen die Schüler sozusagen beschwingt durchs Leben. Am kommenden Samstag öffnet die Institution ihre Tore für die „große Spatzenschau“.

    Top-Förderung in allen Fächern

    Bei aller Beschwingtheit: Schüler und Lehrer schweben nicht durch die Flure. „Unsere Schüler bekommen neben einer außergewöhnlichen musikalischen Bildung auch eine Top-Förderung in allen anderen Fächern, besonders in Naturwissenschaft und Technik“, sagt Christine Lohse, Direktorin des Gymnasiums. Es geht den Lehrern und Trägern um ein ganzheitliches Bild des Menschen. Dazu gehört für sie „selbstverständlich auch die Familie“, und deshalb wird dem Verhältnis Schule-Familie besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Regelmäßig, fünf bis sechsmal im Schuljahr, finden Elternbeiratssitzungen statt. Die Direktorin ist von ihren Eltern geradezu begeistert: „Aber auch so gibt es immer wieder zu bestimmten Projekten den engen Austausch zwischen Lehrern, Erziehungspersonal und Eltern. Unsere Eltern sind höchst engagiert und wir spüren, dass sie hinter dem gesamten Haus stehen. Wir schätzen die Anregungen der Elternvertreter sehr.“

    Das Vertrauensverhältnis, das bei solchen Worten durchklingt, ist nicht selbstverständlich. Auf die Frage, ob Eltern heute noch nach den Missbrauchsvorgängen von früher beziehungsweise danach fragen, wie man heute präventiv dagegen vorgeht, antwortet die Direktorin offen: „Aktuell ist das für Eltern, die mit uns näher in Kontakt kommen, kein so großes Thema. Damals wie heute haben die Eltern uns ihr Vertrauen ausgesprochen. Seit 2002 greift außerdem unser Präventionskonzept, das von Schülern, Lehrern und Erziehern gemeinsam entwickelt wurde und auch öffentlich einsehbar ist.

    Achtsamkeit und Verantwortung

    Achtsamkeit füreinander und im Hinblick auf die Buben ist die große Verantwortung, heute und in Zukunft. Wir legen auch viel Wert darauf, mit den Eltern im Gespräch zu bleiben. Ich glaube, sobald man unser Foyer betritt, wird klar: Das ist eine offene, helle Schule mit einer Willkommenskultur. Daran gilt es jeden Tag zu arbeiten.“ Die Rektorin der Grundschule, Petra Stadtherr, ergänzt: „Die wichtigste Auszeichnung sind für uns zufriedene Schüler und Eltern. Dafür geben wir jeden Tag unser Herz.“

    Wissensvermittlung ist das eine, Persönlichkeitsbildung – früher nannte man es auch Herzensbildung – das andere. Diese Herzensbildung setzt den engen Draht zur Quelle des Urvertrauens, der Familie, voraus. Das geschieht über eine permanente Kommunikation zwischen Elternhaus und Schule im Bewusstsein, dass Erziehung eine gemeinsame Sache ist. Außer auf Elternabenden wird diese Informations- und Kommunikationskultur durch einen Newsletter und das immer mögliche persönliche Gespräch gepflegt. Auch die Schulpsychologin ist eine wichtige Anlaufstelle und Bindeglied für Schüler und Lehr- beziehungsweise Erzieherpersonal.

    „Der Chorgesang ist unser Herzstück.“
    Christian Heiß

    Sie ist dafür weit mehr als an staatlichen Schulen freigestellt. So werden Schlüsselkompetenzen wie Zuverlässigkeit, Höflichkeit, Leistungswillen und die Fähigkeit, sich in Gruppen zurechtzufinden und zu bewähren, also Sozialkompetenz, gemeinsam vermittelt. Lehrer, Erzieherinnen, Pädagogen und Psychologen verstehen sich als Partner der Eltern. In jeder Jahrgangsstufe begleitet ein eigener „Präfekt“ die Schüler durch den Tag; bei der Hausaufgabenbetreuung und in der Freizeit.

    Erziehungsprimat der Eltern

    Eltern haben nach katholischer Lehre den Primat der Erziehung, wissen aber oft nicht, wie sie damit umgehen können. Derzeit denkt man darüber nach, wie man das vorhandene Bewusstsein für die Aufgaben der Eltern weiter schärfen kann, etwa mit Vortragsabenden oder Seminaren. Alle trägt der Gedanke, den der frühere Domkapellmeister Roland Büchner einmal so formulierte: „Was wir wöchentlich im Dom St. Peter singen, versuchen wir auch im Alltag zu leben. Der Chor, die Schulen, die Ganztagsbetreuung und das Internat tragen dazu bei, dass die Jungen als erwachsene Menschen Verantwortung übernehmen können und als Persönlichkeiten in ihrem Umfeld nicht zu überhören sind.

    Der persönliche Ton des Lebens ist die klingende Raison d'etre der Regensburger Domspatzen. Hinter dem reinen Klang steckt harte Arbeit, viel Begeisterung und durchdachte Organisation. Täglich wird geprobt, „der Chorgesang ist unser Herzstück“, sagt Christian Heiß, seit September 2019 der neue Domkapellmeister. Er ist ein Rahmen der ganzheitlichen Erziehung, die „die jungen Menschen musisch und schulisch fördert und sie trägt und halten kann, damit sie christliche Werte weitertragen und in die Gesellschaft einbringen können“. Das sei heute nicht einfach und gehe nur zusammen mit den Eltern. Mathias Deget, Vater eines Schülers, bestätigt es mit den Worten: „Wir sagen Danke“. Er und seine Frau hätten es nie bereut, ihren Leon auf die Schule der Domspatzen geschickt zu haben. Begeistert und stolz erzählt er von der Weltoffenheit der Schule, den Reisen, die der Chor mache in andere Kulturkreise und ferne Länder. „Wenn wir noch einen Sohn hätten, würden wir es sofort wieder tun.“

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