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    Bonn

    „Ein Missverhältnis von Quantität und Qualität“

    Der emeritierte Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke erörtert Chancen und Grenzen des Theologiestudiums – Teil II.

    Herr Professor Menke, wie aussagefähig ist die Exzellenzinitiative mit Blick auf theologische Fakultäten? Taugt sie als Gütesiegel?

    Ich wage die Behauptung, dass die Vergabe des Titels „Exzellenz-Universität“ nirgendwo auf der Qualität der dortigen Theologie basiert. Das liegt nicht nur an der vergleichsweise bescheidenen Größe theologischer Einrichtungen, sondern auch an den Kriterien des Exzellenz-Wettbewerbs – Drittmitteleinwerbung; Verbindung der Grundlagenforschung mit Forschungsinteressen von Wirtschaft und Industrie et cetera; Zahl der Graduiertenkollegs; Zahl der Empfänger hochdotierter Preise et cetera.

    „Selbst wenn eine vakante Professur nicht nur für Priester ausgeschrieben wird, ist die Zahl der habilitierten BewerberInnen im Vergleich zu anderen Fakultäten erschreckend gering.“

    Die deutsche Theologie, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts weltweit hohes Ansehen genoss, scheint an Glanz eingebüßt zu haben. Man schaue auf das geringe Angebot/die geringe Nachfrage nach deutschen theologischen Fachzeitschriften im Ausland. Worauf ist das zurückzuführen?

    Wissenschaftliche Qualität setzt konsequente Auslese voraus. Dieses Prinzip ist leicht zu realisieren, wenn die Zahl der sich auf einen Studienplatz bewerbenden StudentInnen größer ist als die Zahl der angebotenen Studienplätze; wenn sich auf einen frei werdenden Lehrstuhl Dutzende von habilitierten Nachwuchswissenschaftlern bewerben; und wenn die über Neuberufungen entscheidenden Institutionen – in der Regel Fakultäten – so groß sind, dass Berufungskommissionen auf einen großen Pool von entsprechenden Experten zurückgreifen können. Das alles trifft auf die Theologie in Deutschland schon lange nicht mehr zu. Während die Zahl der TheologiestudentInnen kontinuierlich gesunken ist, hat sich die Zahl theologischer Professuren kontinuierlich erhöht. Selbst wenn eine vakante Professur nicht nur für Priester ausgeschrieben wird, ist die Zahl der habilitierten BewerberInnen im Vergleich zu anderen Fakultäten erschreckend gering. Und in einer Fakultät von maximal fünfzehn Lehrstühlen entscheiden die immer selben Leute – nach oft subjektiven statt objektiven Kriterien! –, wer eine frei gewordene Professur erhält.

    Welche Folgen hat das?

    Die Quantität der akademischen Theologie Deutschlands steht in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Qualität. Es ist erstaunlich, dass unsere Landesregierungen nicht längst auf eine Anpassung der Lehrstühle und Einrichtungen an die ständig sinkende Zahl der Theologiestudenten drängen. Offensichtlich sind theologische Falultäten im Vergleich zu medizinischen oder naturwissenschaftlichen Fakultäten so kostengünstig, dass man ihretwegen keinen Konflikt riskieren will. Hinzu kommt in Deutschland das Proporzprinzip in der Behandlung der beiden in etwa gleich großen Kirchen: Was der evangelisch-theologischen Fakultät gewährt wird, ist auch der katholisch-theologischen zu gewähren; und umgekehrt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Fakultät jeden in Frage gestellten Lehrstuhl zäher verteidigt als den Glauben der Kirche an die Gottheit Christi.

    „Wo die Wahrheitsfrage verdrängt und die Einheit der theologischen Disziplinen verabschiedet wird, kann man auch von dem begabtesten Theologen keine große Synthese erwarten.“

    Ergibt sich daraus das Fehlen großer Namen in der Theologie der Gegenwart?

    Das Fehlen großer Namen in der gegenwärtigen theologischen Landschaft beider Konfessionen ist allerdings nicht nur mit mangelnder Auslese zu erklären. Eine große Theologie wie die von Karl Barth oder Karl Rahner setzt eine zeitgenössische Philosophie voraus, die den christlichen Glauben für die Gegenwart neu erschließen hilft. Das, was man ,postmoderne Multiperspektivität und Pluralität‘ nennt, ist dazu nicht geeignet. Wo die Wahrheitsfrage verdrängt und die Einheit der theologischen Disziplinen verabschiedet wird, kann man auch von dem begabtesten Theologen keine große Synthese erwarten. Die nicht abreißende Zahl von Sammelbänden und Lexika zu allen nur denkbaren Themen sind Symptom für Leerlauf und Wirkungslosigkeit. Hinzu kommt: In einer vom Internet bestimmten Gesellschaft wird nur noch gelesen, was digitale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Deswegen glaube ich, dass theologische Bücher und Zeitschriften überall – keineswegs nur in Deutschland! – ihre Leserschaft nicht nur auf Grund abnehmender Qualität einbüßen. An der Abonnentenzahl von Fachzeitschriften würde ich den unbestrittenen Ansehensverlust der deutschen Theologie nicht festmachen. Er beruht vor allem auf dem besagten Missverhältnis von Quantität und Qualität.

    Das Theologiestudium hat sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und mit der sogenannten Modularisierung aller Studiengänge geändert. Welche Konsequenzen haben zum Beispiel die rückläufige Bedeutung des Philosophiestudiums und der alten Sprachen?

    Was das Philosophiestudium für die Systematische Theologie, das sind die alten Sprachen für die Historische Theologie. Die meisten Theologiestudenten bringen nur noch geringe Lateinkenntnisse und meistens keine Kenntnisse der hebräischen und der griechischen Sprache mit. Die Crashkurse, die das Versäumte in kürzester Zeit aufholen sollen, erreichen ihr Ziel in der Regel nicht. Die wenigsten Absolventen dieser Kurse sind in der Lage, eine deutsche Übersetzung am Urtext kritisch zu überprüfen. Nicht besser sieht es auf dem Feld der philosophischen Studien aus. Wo Theologiestudenten ihr Philosophiestudium nicht an der theologischen, sondern an der philosophischen Fakultät absolvieren, sind sie in der Regel hoffnungslos überfordert.

    Warum?

    Denn in den für Philosophiestudenten konzipierten Lehrveranstaltungen werden ein Überblick über die Philosophiegeschichte und die Klärung philosophischer Grundbegriffe vorausgesetzt. Die wenigsten Theologiestudenten eignen sich diese Voraussetzungen selber an. Oft sind sie ausgerechnet in den ersten Semestern ihres Studiums durch Sprachkurse und überfordernde philosophische Spezialvorlesungen frustriert. Sie „überwinden“ die Philosophie oft genug nur deshalb, weil die Philosophie-Anteile nicht mehr wie zu Zeiten des Diplomstudiengangs in Gestalt von Traktaten – Metaphysik; Erkenntnislehre; Ethik; Logik et cetera – sondern in Gestalt von Themen studiert werden. Diese Themen sind auf verschiedene theologische Module – mit jeweils sechs bis zehn Anteilen unterschiedlicher Disziplinen – so verteilt, dass sich die Wahrscheinlichkeit, jemals von einem Philosophieprofessor geprüft zu werden, in Grenzen hält.

    „Wenn die Säkularisierungsschübe der letzten Jahrzehnte anhalten, wird die Zahl der praktizierenden Katholiken und Protestanten immer kleiner werden.“

    Welche Zukunft prognostizieren Sie der Theologie an staatlich finanzierten Universitäten?

    Allein die Tatsache, dass es staatlich finanzierte Theologie nur noch im deutschsprachigen Raum gibt, sollte zu denken geben. Es wird an staatlichen Universitäten immer Lehrstühle geben, die das Christentum unter verschiedenen Aspekten historisch analysieren und vergleichend einordnen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Staat auf Dauer die kritische Selbstreflexion zweier Konfessionsgemeinschaften an seinen Universitäten in Gestalt eigener Fakultäten finanzieren wird. Wenn die Säkularisierungsschübe der letzten Jahrzehnte anhalten, wird die Zahl der praktizierenden Katholiken und Protestanten immer kleiner werden. Es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, bis eine politische Partei mit dem Programm einer gänzlichen Trennung von Staat und Kirche Stimmen gewinnt. Dann wird der konfessionelle Religionsunterricht dem Fach „Religionskunde“ oder dem Fach „Ethik“ weichen. Und dann werden die theologischen Fakultäten zu Abteilungen der Philosophischen Fakultäten mit Lehrstühlen für Religionsphilosophie, vergleichende Religionswissenschaft, Christliches Mittelalter, Christliche Archäologie et cetera.

    Wie könnte die Kirche in Deutschland darauf reagieren?

    Es würde der Kirche in Deutschland gut anstehen, wenn sie nicht warten würde, bis man ihr von außen aufzwingt, was sie von sich aus anbieten kann: Verkleinerung der aufgeblähten Verwaltungsapparate; Zusammenlegung der Theologenkonvikte; Anpassung der theologischen Institutionen an die abnehmende Zahl der Studierenden; Befolgung des Auslese-Prinzips „Qualität vor Quantität“.

    Wie sehen Sie das Kölner Hochschulprojekt?

    Das von Rainer Maria Kardinal Woelki initiierte Experiment einer nicht vom Staat finanzierten theologischen Hochschule, die höchste wissenschaftliche Standards – Auslese-Prinzip – mit strikter Anbindung an die katholische Bekenntnisgemeinschaft verbinden will, muss keine überflüssige Vermehrung der ohnehin zu großen Anzahl theologischer Institutionen sein. Im Gegenteil: Möglicherweise ist diese Neugründung Vorreiter einer Zukunft, die nicht mehr aufzuhalten ist. Gewiss, das Experiment kann gelingen oder scheitern. Das hängt von seiner Qualität und Attraktivität ab. Aber das gilt vermutlich schon bald auch für jede vom Staat finanzierte theologische Einrichtung. Überleben wird auf Dauer nur, wer der Zukunft der Kirche dient.

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