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    Weihnachten: Tiefes Sehnen und tiefe Freude

    Die nichtchristliche Welt nimmt Weihnachten nichts, sondern wird ein Stück weit "ver-christlicht". In Lichtern und Liedern drückt sich ein tiefes Sehnen und eine tiefe Freude aus. Von Anna Diouf

    Verpackte Weihnachtsgeschenke liegen unter einem Christbaum. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

    Gerne beschwert man sich in christlichen Kreisen über eine zunehmende Verweltlichung des Weihnachtsfestes – wieso, so fragt man sich, wollen plötzlich alle teilhaben an unseren Bräuchen, wo wir doch sonst oft genug gescholten werden um unserer Traditionen willen? Und ist es nicht unrechtmäßig, sich – vermeintlich – das Schöne herauszupicken und die herausfordernden Botschaften unseres Glaubens zu ignorieren?

    Kerzenlicht, Plätzchenduft und Stollen, Weihnachtslieder und Krippenlandschaften

    Im Gegenteil. Die nichtchristliche Welt nimmt Weihnachten nichts, sondern wird ein Stück weit ver-christlicht: Wer immer sein Herz öffnen will, d.h. wer immer guten Willens ist, der bekommt funkelnde LED-Blinklämpchen, Kerzenlicht, Plätzchenduft und Stollen, Weihnachtslieder und Krippenlandschaften. All das ist nicht nur äußerlich, sondern regt ein tiefes Sehnen und eine tiefe Freude im Menschen an. Nicht umsonst hat das europäische Weihnachtsfest eine derart große Anziehungskraft, dass selbst Kulturen, die mit Christentum nichts am Hut haben, in diesen Tagen mit künstlichen Tannenbäumen und Lichterketten die Ankunft des Herrn mitverkünden ohne es zu wissen. Wenn im Irak nun Weihnachten zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden soll, dann ist das ein eindrückliches Zeichen: Weihnachten ist nicht nur ein christliches Fest, es bezeichnet die Realität der Menschwerdung Gottes, die allen gilt.

    Was dem Nichtchristen eine Bereicherung ist, ist dem Christen eine Verarmung

    Nicht die „Verweihnachtung“ des nichtchristlichen Alltags ist also das Problem, sondern die „Entweihnachtung“ des christlichen Lebens. Denn dies ist der umgekehrt ablaufende Prozess: Weil jetzt alle Kerzen und Gebäck haben, scheinen Christen zu vergessen, dass, während der Rest der Welt eine Sehnsucht nach Heil hat, sie die Erkenntnis des Heils haben. Während der Rest der Welt an Weihnachten ausnahmsweise mal an den Nächsten denkt, beginnen Christen, diese ganzjährige Verpflichtung ebenfalls auf diese Zeit zu begrenzen etc. Kurz: Was dem Nichtchristen eine Bereicherung ist, ist dem Christen eine Verarmung, eine Verkürzung seiner von Christus bereits durchleuchteten Lebenswelt. Es liegt also allein an uns, die wir es können, von der Weihnacht aus jeden Tag unseres Lebens zu gestalten.

    Feiern wir Weihnachten – mindestens bis zur Epiphanie

    Während die säkulare Welt schon nach Heiligabend erschöpft aus dem Raum, den ihr das Christentum anbietet, heraustritt um sich wieder ihrer tristen Realität zuzuwenden, ist die Realität des Christen die desjenigen, der sich freut, dass der Bräutigam angekommen ist. Feiern wir also Weihnachten – mindestens bis zur Epiphanie, besser bis zum Fest der Taufe des Herrn. Nutzen wir, was uns die Kirche an Liturgie, Traditionen und Bräuchen anbietet. Wir dürfen unbeirrt frohe Weihnachten wünschen – und sollte die Welt auch nächste Woche bereits mit Schokoladenosterhasen anfangen, nehmen wir es doch zum Anlass, uns der engen Beziehung zwischen Weihnachten und Passion bewusst zu werden.

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    DT (jobo)

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