• aktualisiert:

    Zölibat und Missbrauch

    Wie Kirchenpolitik ein unsägliches Verbrechen instrumentalisiert. Von Anna Diouf

    Missbrauch in der katholischen Kirche: Debatte um Zölibat
    Man darf nicht vergessen, dass auch außerhalb der Kirche Missbrauch geschieht, und zwar weit öfter als in der Kirche. Foto: Uwe Zucchi (dpa)

    Deutschlands politische Landschaft hat in den letzten Jahren durchgängig ein Problem, das sich nun auch die Kirche zu eigen gemacht hat: Aktionismus. Etwas passiert, und sofort muss reagiert werden, ob angemessen, sinnvoll oder lösungsorientiert, ist unwichtig.

    Mit dem Missbrauchsskandal öffnet sich dieser Krankheit ein weites Feld: Schließlich ist Kindesmissbrauch eines der abscheulichsten Verbrechen überhaupt, und niemand möchte damit in Verbindung gebracht werden und sich nachsagen lassen, er tue nicht genug dagegen.

    Gewisse Kreise wollen das Übel erkannt haben - der Zölibat muss weg

    Allerdings ist es einmal mehr schändlich, was sich nun angesichts der Ergebnisse der neuen Studie über  Missbrauch in deutschen Diözesen abspielt: Gewisse Kreise wollen das Übel erkannt haben, das es auszumerzen gilt, um Missbrauch verhindern - der Zölibat muss weg. Dabei geht es mitnichten um eine sachliche Diskussion. Es geht um kirchenpolitische Ziele. Wer immer bei diesem Vorgang mitmischt, sollte sich schämen, Verbrechen zu instrumentalisieren um eine Agenda durchzudrücken, während die Öffentlichkei „geschockt“ ist und jede Aktion, die sich das Label „gegen Missbrauch“ verpasst, gutheißen wird, ganz gleich, ob damit tatsächlich effektiver Kampf gegen Missbrauch betrieben wird.

    Zum einen darf man nicht vergessen, dass auch außerhalb der Kirche Missbrauch geschieht, und zwar weit öfter als in der Kirche – leben die Täter außerhalb der Kirche zölibatär? Nein. Wenn aber nichtzölibatäre, sagen wir, Sportlehrer und Stiefväter, Kinder weit öfter missbrauchen als zum Zölibat verpflichtete Priester, wieso wird beim Priester ausgerechnet der Zölibat als Risikofaktor gewertet?

    Es leben ja aber auch die Priester nicht in einem sexualfeindlichen Umfeld

    Dem zugrunde liegt die unausgesprochene Auffassung, man würde krank, wenn man keine sexuellen Akte ausübe. Es wäre zu fragen, ob die betreffenden Gegner des Zölibats besondere Neigung zum Missbrauch auch bei buddhistischen Mönchen und asketischen Yogis vermuten  – oder gilt dies nur für westeuropäische Enthaltsamkeit?

    Und nun leben ja aber auch die Priester nicht in einem sexualfeindlichen Umfeld: Was also würde einen Priester daran hindern, mit einem erwachsenen Partner Sexualität auszuleben? Dies ist zwar kirchlicherseits verboten, aber anders als Kindesmissbrauch keineswegs strafrechtlich relevant, also einfacher und „ungefährlicher“.

    Wer Kinder missbraucht, ist kein Opfer nicht ausgelebter Sexualität

    Nein. Wer Kinder missbraucht, ist kein Opfer nicht ausgelebter Sexualität. Er ist Täter, überlegt und kaltblütig genug um sich wehrlose Opfer zu suchen, um die  Taten zu verstecken und vertuschen zu lassen. Unterdrückte Leidenschaft hat damit nichts zu tun. Weil es aber, wie gesagt, nicht um sachliche Diskussion geht, werden die einsichtigsten Argumente ignoriert um der hanebüchenen gefühlten Schlussfolgerung willen: Wer keinen Sex hat, entwickelt krankhafte Triebe und missbraucht dann nahezu gezwungenermaßen. Das ist ein Narrativ, den ein Täter erfindet, der sich exkulpiert mit dem Hinweis, er sei zu seinen Taten getrieben worden, weil man ihm Unmenschliches abverlangt hätte. Was für ein Zynismus gegenüber dem Leid der Opfer, sich solch eine Haltung zu eigen zu machen! Sicherlich gibt es Täter, bei denen eigene Missbrauchserfahrung die eigene Verantwortung bis zu einem gewissen Grad relativiert. Das aber ist ein völlig anderer Sachverhalt.

    Den Zölibat kann man sachlich und fair, ja, auch emotional und heiß diskutieren. Man sollte aber genügend Anstand und Respekt besitzen, um nicht ein derart widerliches Verbrechen wie sexuellen Missbrauch auszunutzen um mit haltlosen Anschuldigungen den Zölibat zu diskreditieren. Abgesehen davon, dass man dadurch die ehrliche, fromme und selbstlose Hingabe der Mehrheit der Priester, die den Zölibat lebt, verhöhnt. Wer ehrlich am Wohl und vor allem an der Integrität der Kirche interessiert ist, kann sich an derart gewissenlosem Taktieren nicht beteiligen.

    Für die Inhalte der MeinungsMacher-Kolumnen sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Ihre Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Tagespost-Redaktion wieder.

    DT

    Sie fanden diesen Artikel interessant? Dann sollten Sie hier weiterlesen.

     

    Weitere Artikel