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    Würzburg

    Vermessene Hinterwäldler

    Wie man sich durch eine unsportliche, unsinnige Protestaktion selbst disqualifiziert. Von Anna Diouf

    Fußball-Schiedsrichter
    Ein Schiedsrichter bläst in seine Trillerpfeife und hält die rote Karte hoch (Symbolbild). Foto: C2829 Frank Kleefeldt (dpa)

    „Alte, rückwärtsgewandte Hinterwäldler im Vatikan“, so ein Kommentar in den sozialen Medien zu einem Video der Sportschau, das sich einem Vorfall in Österreich widmet: Beim Freundschaftsspiel der Frauenfußballmannschaft des Vatikan und des Wiener FC Maria Hilf hoben Spielerinnen des FC während des Abspielens der Hymnen ihre Trikots an und enthüllten auf ihre Körper gemalte Eierstöcke und „Botschaften“ für Abtreibung wie etwa „My body my rules“. Daraufhin wurde das Spiel abgesagt.

    Brüskierend und demütigend

    Sicher haben die Spielerinnen ihr Verhalten als sozial couragiert empfunden – erreicht haben sie aber, dass das Debüt der gerade erst gegründeten Damenmannschaft des Vatikan geplatzt ist. Dass ein derart kleiner Staat, der naturgemäß wenig Frauen aufbieten kann, die für sportlichen Wettkampf zur Verfügung stehen, sich überhaupt bemüht, eine solche Mannschaft aufzustellen, ist erstaunlich und beachtlich und ein Zeichen für die Wertschätzung gegenüber Frauen und ihrem Beitrag zum internationalen Sport. Die an der Protestaktion Beteiligten haben dagegen ihre Geschlechtsgenossinnen brüskiert, gedemütigt und ihnen ein freudiges Ereignis zunichte gemacht. Ist das ihr Verständnis von Solidarität?

    Ablehnung von Abtreibung nicht nur im Vatikan

    Abgesehen davon ist Ablehnung von Abtreibung kein Alleinstellungsmerkmal des Vatikan: Abtreibung ist in vielen Staaten der Welt verboten, Millionen katholischer Gläubiger, dazu viele evangelische und evangelikale Christen (deren Gegnerschaft häufig deutlich radikaler ausfällt als die der Katholiken), auch Angehörige anderer Religionen und Nichtgläubige sind sich einig darin, dass das Leben des Menschen von Beginn an schützenswert ist. Zählt man diejenigen hinzu, die „eigentlich“ gegen Abtreibung sind, sie aber angesichts von Notsituationen für vertretbar halten, kann man davon ausgehen, dass die Riege der „Hinterwäldler“ die Mehrzahl der Menschen auf diesem Planeten ausmacht. Mit gutem Grund genießen nur sehr wenige politische Demonstrationen im Rahmen des Sports ikonischen Status, etwa die „Black Power“-Geste der schwarzen Sportler bei den Olympischen Spielen 1968. Solche historischen Proteste bilden den Maßstab, und dementsprechend gut müssen Sportler überlegen, ob sie sich zum Sprachrohr einer Ideologie oder einer außersportlichen Angelegenheit machen dürfen. Ehrlicher, respektvoller und konsequenter wäre in jedem Fall der Boykott.

    Dramatisch verschätzt und sich lächerlich gemacht

    Als Ironie des Schicksals (oder der Vorsehung) könnte man überdies das atemberaubend schlechte Timing der Aktion bezeichnen. Während in Österreich Spielerinnen behaupten, Ablehnung von Abtreibung knechte Frauen, droht zeitgleich in England einer nigerianischen Katholikin mit Lern- und Affektstörung die Zwangsabtreibung: Obwohl der Sozialarbeiter keine Notwendigkeit sieht, die Mutter der Frau bereits erklärt hatte, sich um das Kind kümmern zu wollen, und obwohl die Frau selbst das Kind will, spielte sich hier eine Richterin zur Herrin über die Zukunft, über Leben und Tod auf, prognostizierte die mangelnde Eignung der Frau zur Mutterschaft und entschied, dass das Kind getötet gehöre. Diesen Irrsinn hat ein Berufungsgericht gestoppt, anderswo bleibt er Alltag: In China ist Zwangsabtreibung neben erzwungener Sterilisation bittere Realität hunderttausender Frauen, und z.B. in Indien werden gezielt Mädchen abgetrieben, weil sie als weniger wert gelten. Vor dieser globalen Realität, in der Frauen durch Abtreibung entrechtet, unterdrückt und Gewalt ausgesetzt werden, erscheint nur eines als „hinterwäldlerisch“: Fußballerinnen, die sich aus ihrem provinziellen, verengten Blickwinkel heraus dramatisch verschätzen, sich lächerlich machen, indem sie sich pathetisch als Frauenrechtlerinnen inszenieren und auch noch erstaunt sind, wenn sie damit einem tatsächlich global denkenden und agierenden, einem der gesamten Menschheit verpflichteten Staat nicht auf der Nase herumtanzen können.

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    DT (jobo)

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