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    Postfaktischer Gender-Veganismus

    „Thietmars Welt“: Eine packende Ausstellung über einen Merseburger Bischof, der Geschichte schrieb. Von Veit-Mario Thiede

    Kuh auf Butterblumenwiese in der Abendsonne
    SZ-Kolumnistin Charlotte Roche einen Zusammenhang zwischen Tier- und Frauenrechten entdeckt. Foto: (112363536)

    Die Theorie des Intersektionalismus besagt, dass alle Formen institutionalisierter Unterdrückung in der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft miteinander zusammenhängen. Folgerichtig hat SZ-Kolumnistin Charlotte Roche einen Zusammenhang zwischen Tier- und Frauenrechten entdeckt.

    Oops, she did it again: Nach ihrem umstrittenen Essay „Verlasst die Städte!“ versucht Charlotte Roche im Magazin der Süddeutschen Zeitung erneut so zu tun, als verstünde sie etwas von Ackerbau und Viehzucht. Unter der Überschrift „Warum ich Tier-Feministin bin“ liest man Sätze wie: „Wer als Vegetarier lebt, der beendet also nur das männliche Leid. Auf die weiblichen Produkte wird nicht verzichtet: Die Industrie braucht weiter Eier, Milch und Geburten. Deswegen leben die weiblichen Tiere viel länger in Gefangenschaft, damit ihnen diese Dinge rund um die Uhr abgezapft und gestohlen werden können. Ihre Produktivität wird zum Einsperrgrund.“

    Vegetarismus ist chauvinistisch, Feminismus ist vegan

    Nun ja: Man hätte es ahnen können, dass Fragen politisch korrekter Ernährung auch einen Gender-Aspekt haben. Vegetarismus ist chauvinistisch, Feminismus ist vegan. Zugegebenermaßen hat Charlotte Roches Argumentation einen realen Hintergrund: Die Viehwirtschaft benötigt tatsächlich weit mehr weibliche als männliche Tiere, die Natur richtet sich aber nicht nach diesem Bedarf und bringt unverdrossen weiter ungefähr gleich viele Männlein und Weiblein hervor. Wo käme sonst das ganze Lamm- und Kalbfleisch her? Man könnte ja denken, es wäre eigentlich unrentabel, die Tiere zu schlachten, solange sie so klein sind und folglich so wenig Fleisch an ihnen dran ist. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Unrentabel wäre es, die Tiere länger am Leben zu lassen. Auch von geschredderten Küken hat der kritische Konsument in diesem Zusammenhang vermutlich schon gehört.

    Dass Charlotte Roche nun allerdings aus feministischer (Ideo-)Logik heraus argumentiert, die männlichen Tiere seien besser dran als die weiblichen, erscheint auf bezeichnende Weise bizarr (oder umgekehrt). Sie sagt es ganz explizit: „Die männlichen Tiere, Hähnchen und Bullen, werden schnell hochgezüchtet und geschlachtet. Mit dem Tod ist auch ihr Leid beendet.“ Nun gut, in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Abtreibung und Euthanasie zunehmende Akzeptanz genießen, muss man sich über eine solche Argumentation wohl nicht wundern. Leben ist Leiden, das wusste schon Buddha. Aber was genau hat jetzt der Vegetarismus damit zu tun?

    Männliches Tierleid beenden?

    Ehrlich gesagt: Nicht viel. Richtig ist, dass Menschen, die zwar kein Fleisch, wohl aber Milch- und Eiprodukte konsumieren, die Viehwirtschaft damit genauso fördern und unterstützen wie die Fleischesser. Und solange es Viehwirtschaft gibt, wird es auch überzählige männliche Tiere geben. Ob das männliche Lamm oder Kalb nach seinem Tod irgendwo als Braten auf den Tisch kommt oder nicht: Geschlachtet wird es so oder so, einfach weil der Bauer es sich nicht leisten kann, ein Tier großzufüttern, von dem er keinen Nutzen hat. Es ist also offenbarer Unsinn, zu behaupten, vegetarische Ernährung würde „männliches Tierleid beenden“. Warum aber behauptet Charlotte Roche dann so etwas? Offenbar, weil sie es darauf anlegt, den Kampf gegen Tierleid als ein feministisches Anliegen zu apostrophieren. Wegen der Intersektionalität. Und weil sie sich, wie sie zu Beginn ihrer Kolumne zu erkennen gibt, zuweilen selbst wie eine Kuh fühlt. Was wir aus Gründen der Höflichkeit unkommentiert lassen wollen.

    Für die Inhalte der MeinungsMacher-Kolumnen sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Ihre Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Tagespost-Redaktion wieder. DT (jbj)