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    Ostern – Fest der Auferstehung

    Was ist so besonders an Jesus? Was unterscheidet ihn von anderen Wanderpredigern? Die Antwort lautet: seine Auferstehung. Doch was hat es damit auf sich?

    Die Auferstehung Christi
    Auferstehung Christi, 1505 von Raffaellino del Garbo, Florenz, Galleria dell'Accademia. Foto: unbekannt (AKG)

    Am 6. April des Jahres 30 wird ein jüdischer Wanderprediger ohne festen Wohnsitz aufgrund des römischen Besatzungsstatuts in der Provinz Judäa wegen der Vorbereitung, Planung und Durchführung von Störaktionen gegen die öffentliche Ordnung, insbesondere wegen Aufrufs zur Steuerhinterziehung, nach kurzem Prozess (Anhörung ohne Zeugenbefragung) hingerichtet. Den Behörden zugeführt wurde er nach mehreren Provokationen durch die jüdische Religionspolizei in Jerusalem, die in solchen Fällen eng mit der römischen Verwaltung zusammenarbeitete. Sein Todesurteil ist eines von mehreren, das an diesem Tag vollstreckt wird. In gewissem Sinne ist es gar Routine. Insbesondere, wenn es um Wanderprediger ging, die das Volk vermeintlich oder tatsächlich gegen Rom aufhetzten, wurde sehr oft die Todesstrafe vollstreckt – Historiker schätzen bis zu mehreren zehntausend Mal.

    Die meisten dieser Wanderprediger kennen wir heute nicht mehr. Für die antike Geschichtsschreibung waren sie irrelevant, so wie heute erschlagene Obdachlose nur selten in die Fernsehnachrichten kommen. Ganz wenige sind zumindest namentlich bekannt, etwa ein gewisser „Johannes“ mit dem Beinamen „der Täufer“, der jedoch außerplanmäßig und nicht in Zuständigkeit der römischen Verwaltung, sondern des jüdischen Königs hingerichtet wurde. Vielleicht ist uns deshalb sein Schicksal so gut überliefert.

    Mit einem der Hinrichtungsfälle vom 6. April 30 ist das anders. Der Wanderprediger mit dem Namen „Jeschu“ aus Nazareth in Galiläa ist heute, 1980 Jahre später, bekannter als Coca-Cola oder die Olympischen Ringe. Für viele Menschen ist Jeschu zudem mehr als ein Wanderprediger. Für jeden dritten Menschen ist er der „Sohn Gottes“, für jeden sechsten Menschen ein „Prophet Gottes“ und für jeden siebten Menschen ist er eine „Inkarnation Gottes“. Sechs von zehn Menschen verehren ihn in einer besonderen Weise. Irgendwo auf der Welt wird in einer speziellen Zeremonie immer seiner Hinrichtung gedacht. Sein heute gebräuchlicher Name „Jesus“ erhält bei „google“ über 150 Millionen Treffer.

    Das ist eine erstaunliche Karriere für einen jüdischen Wanderprediger. Was ist so besonders an Jeschu? Wie hat er so weit gebracht? Was unterscheidet ihn von den anderen Wanderpredigern? Die Antwort lautet: seine Auferstehung. Was hat es damit auf sich? Die Auferstehung ist eine Frage des Glaubens. Dennoch kann man sich ihr auch als historisches Ereignis annähern und die Plausibilität der Nachricht prüfen. Zunächst ist dreierlei klar. 1.) Jesus ist gestorben. Das wissen wir nicht nur aus der Bibel. 2.) Der Leichnam Jesu wurde in ein Grab gelegt. In allen vier Evangelien wird von der Grablegung berichtet (Mt 27, 57–61; Mk 15, 42–47; Lk 23, 50–56; Joh 19, 38–42); auch danach wird dieser Umstand betont (vgl. Apg 13, 29; 1. Kor 15, 4). 3.) Das Grab war am Morgen des dritten Tages leer.

    Hier beginnt nun die Interpretation. Im Evangelium ist von verschiedenen Zeugen die Rede, die mit Schrecken und Entsetzen auf das leere Grab reagieren: Soldaten, die das Grab bewachen sollten, Frauen, die kamen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren und die Jünger, die von den Frauen gerufen wurden. Dass das Grab leer war, wurde damals, als eine Nachprüfung noch möglich war, auch von den Juden nicht bestritten, umstritten war lediglich, warum das Grab leer war.

    Eine mögliche Deutung lautet: Jesus ist auferstanden. Und das nicht nur im übertragenden Sinne, sondern leibhaftig. Jesus erscheint nach Seiner Auferstehung den Jüngern – körperlich. Darauf legt der Evangelist Lukas Wert (Lk 24, 39–40). Die Jünger können ihren Augen kaum trauen. Sie „erschraken und hatten große Angst“ (Lk 24, 37), sie „staunten, konnten es aber vor Freude immer noch nicht glauben“ (Lk 24, 41). Kurzum: Sie sind völlig von der Rolle.

    Vielleicht aber haben sich die Jünger die Begegnungen mit dem Auferstandenen womöglich nur eingebildet oder eingeredet? So etwas ist durchaus denkbar. Halluzinationen kommen – zumal in Stresssituationen – nicht gerade selten vor. Nur ist es schwer vorstellbar, dass verschiedene Menschen an verschiedenen Orten urplötzlich unter der gleichen Psychose leiden, die dann Jahrzehnte lang andauert und offenbar hoch ansteckend ist.

    Wenn es keine Täuschung war, dann vielleicht ein gigantischer Betrug. Über solcherlei Betrugsabsichten wurde damals schon spekuliert – unter der jüdischen Obrigkeit (Mt 27, 62–66). Deswegen der Stein, deswegen die Wachen. Warum aber erwähnt der Evangelist Matthäus dies? Wenn es den Betrug gab, könnten diese Worte dazu dienen, ein erklärendes Argument für die Skepsis nachzuschieben, die eine Generation nach Christus auftrat.

    Was jedoch eindeutig gegen die Betrugsthese spricht, das ist die Geschichte der Urgemeinde, der jungen Kirche. Eine Lüge gibt man irgendwann auf, wenn der Preis zu hoch wird, einen Betrug gesteht man ein, wenn der Widerstand zu groß wird. Zumindest zieht man sich schweigend zurück. Das Gegenteil ist aber der Fall: Gegen alle Widerstände wird die Nachricht verbreitet. Warum hielten sie daran fest, obwohl es sie sehr oft das Leben kostete? Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide, der selbst nicht an den Auferstandenen glaubte, hält es für unwahrscheinlich, dass sich das Christentum ohne die leibliche Auferstehung Jesu so entwickelt hätte, wie es sich entwickelt hat.

    Es könnte freilich auch noch andere Deutungen geben. Eine typische Erklärung für das leere Grab lautet, dass der Leichnam Jesu gestohlen worden sei (Mt 28, 13), um eine Auferstehung vorzutäuschen. Gegen die Leichenraubhypothese sprechen drei Dinge. 1.) die Wachen vor dem Grab (Mt 27, 65), 2.) der Stein vor dem Grab (Mt 27, 60) und 3.) der Umstand, dass im Grab Leinentücher gefunden wurden (Joh 20, 5), höchstwahrscheinlich jene, mit denen man Jesu einbalsamierten Leichnam nach jüdischem Brauch umwickelt hatte (Joh 19, 40).

    Die Diebe hätten also zunächst den Stein vom Eingang zum Grab entfernen müssen, ohne die Wachen zu alarmieren. Statt nun den Leichnam möglichst schnell aus dem Grab zu stehlen, sollen sie diesen erst einmal in aller Ruhe aus den Leinentüchern gewickelt haben, um diese dann im Grab zurückzulassen, nicht ohne zuvor das Schweißtuch von den Leinentüchern separiert und säuberlich zusammengebunden zu haben (Joh 20, 7)? Das ist höchst unwahrscheinlich.

    Außer den Evangelien gibt es weitere biblische Hinweise auf die Auferstehung Jesu. In einem Brief an die Gemeinde in Korinth, der etwa zwanzig Jahre nach der Auferstehung verfasst wurde, beschreibt der Apostel Paulus die Stimmung in der Jerusalemer Urgemeinde und nennt neben „Kephas“ (Petrus) und „den Zwölf“ (vgl. 1 Kor 15, 5) weitere Zeugen, „fünfhundert Brüder“, von denen „die meisten“ zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefs „noch am Leben“ sind (1 Kor 15, 6). Wenn Paulus ganz unbefangen schreibt, dass die meisten der Zeugen noch leben, hält er sie offenbar für so glaubwürdig, dass er keine Nachfragen an die Urgemeinde fürchtet.

    Zuvor fasst Paulus den christlichen Glauben zusammen: Christus ist „für unsere Sünden gestorben“, wurde „begraben“ und „am dritten Tag auferweckt“ (1 Kor 15, 3–4). Petrus wiederum stellt sich und die anderen Apostel als Zeugen zur Verfügung. An Pfingsten spricht er in Jerusalem zur mehrheitlich nicht-christlichen Bevölkerung und stellt die Auferstehung in den Mittelpunkt. Er sagt: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen“ (Apg 2, 32). Auch er scheut offenbar keine kritischen Nachfragen.

    Und dann noch etwas: die Zeugen selbst. Es sind Menschen, die in der Antike gar keine Zeugen sein konnten: Frauen. Mal zwei (Mt 28, 1), mal drei (Mk 16, 1), mal eine ganze Gruppe (Lk 24, 10). Dazu ein Mann, der sich selbst diskreditierte, weil er drei Tage zuvor dreimal gelogen hatte: Petrus (Lk 24, 12). Auch darüber berichten die Evangelisten schamlos. Warum aber erzählen sie die Geschichte so unglaubwürdig, mit Zeugen, die keine sind? Die einzig plausible Antwortet lautet: Weil sie genau so geschehen ist. Das heißt: Sie ist wahr. Und die Nachricht von der Auferstehung keine fake-news.

    Josef Bordat