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    „… und führe uns nicht in Versuchung“

    Warum die Zeit reif ist für ein vertieftesGespräch über das Handeln Gottes. Von Robert Spaemann

    Ludwig Schick im Gebet
    Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg, hält am 9. November 2017 in seiner Hauskapelle in Bamberg ein aufgeschlagenes Geb... Foto: Harald Oppitz (KNA)

    Die Kirche beginnt die Fastenzeit mit dem Evangelium von der Versuchung Jesu in der Wüste, wie sie von Matthäus und Lukas berichtet wird. Papst Franziskus nimmt Anstoß an der Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“. Ein guter Vater, so argumentiert der Papst, führe seine Kinder nicht in Versuchung. Aber lässt ein guter Vater seine Kinder verhungern? Heißt das, wir brauchen ihn nicht um das tägliche Brot bitten?

    Worum man nicht bitten soll, dafür braucht man auch nicht danken. Dennoch bitten wir ihn um unser tägliches Brot. Das kann der Heilige Vater doch nicht meinen.

    Der Satz, an dem er Ärgernis nimmt, lautet: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Gott sei aber nicht der Versucher, sondern der Satan. Aber Gott ist es, der es erlaubt, in die Versuchung zu geraten.

    Und das tut er vom Anfang der Schöpfung an. Das heißt, er lässt es die Schlange tun. Die Menschheitsgeschichte ist von Anfang an eine Versuchungsgeschichte, in der Gott immer der Handelnde ist, aber sich immer menschlicher Handlungen bedient, und für diese Handlungen trägt der Mensch die volle Verantwortung. Immer ist er, wie Mephisto, „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

    Unter allen möglichen Welten hat Gott die unsrige gewählt. In ihr sollen wir seinen Willen verehren und tun. Es ist die Frage, ob Gott als liebender Vater Versuchungssituationen entstehen lässt.

    Wir haben heute vielfach ein Gottesbild, das diese Möglichkeit ausschließt und das Wort „Zärtlichkeit“ an die Stelle des Wortes „Liebe“ setzt. Liebe aber erfordert häufig den Ausschluss von „Verzärteln“. Liebe kann sogar Abhärtung erfordern. Ein Gottesbild, das keinen Platz hat für die Warnungen des Jüngsten Gerichts, ist nicht das Gottesbild Jesu.

    Die Heilige Schrift ist von Anfang an voll davon, Gott als Handelnden zu denken. „Gott verhärtet das Herz des Pharao“, sodass dieser dem Volk Israel nachjagt. Und zu Judas: „Was du tun willst, tue bald.“

    Und was bedeutet es, wenn Jesus den Vater im Garten Gethsemane darum bittet, den Kelch des Leidens an ihm vorübergehen zu lassen, eine Bitte, die der Vater nicht erhört?

    Wenn die kritische Bemerkung des Heiligen Vaters ein vertieftes Gespräch über das Handeln Gottes in Gang bringen würde, könnten wir Christen zufrieden sein, denn wir hören und sprechen diesen Schrifttext jahraus, jahrein, ohne ihn zu verstehen oder uns viel dabei zu denken.

    Ein Gespräch darüber wäre zweifellos sehr nützlich, vor allem, wenn es am Ende zu einem verstärkten Verständnis führen würde und nicht zu einem Wegerklären unter Missbrauch des Schlagworts „Hermeneutik“.

    Die deutschen Bischöfe lehnen eine Änderung der Übersetzung des Vaterunser ab. „Gerade die konfessions- und länderübergreifende Einheitlichkeit des Textes im gesamten deutschen Sprachraum ist dabei nicht das unbedeutendste Argument“, heißt es in einer Stellungnahme. Italiens Katholiken werden das Vaterunser bald in überarbeiteter Fassung beten. Ab Herbst soll es heißen „und verlass uns nicht angesichts der Versuchung“.

     

    Hintergrund

    Die deutschen Bischöfe lehnen eine Änderung der Übersetzung des Vaterunser ab. "Gerade die konfessions- und länderübergreifende Einheitlichkeit des Textes im gesamten deutschen Sprachraum ist dabei nicht das unbedeutendste Argument", heißt es in einer Stellungnahme. Italiens Katholiken werden das Vaterunser bald in überarbeiteter Fassung beten. Ab Herbst soll es heißen "und verlass uns nicht angesichts der Versuchung".

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