Sonntagslesung: Apostelg. 15, 1–29; Offenbarung 21, 10–23; Johannes 14, 23–29. Zu den Lesungen des sechsten Sonntags der Osterzeit (Lesejahr C).

Sonntagslesung: Was darf der Beter von Gott erwarten? Der Heilige Geist ist die eigentliche Gabe des Himmels Genesis 18, 20–32, Kolosser 2, 12–14, Lukas 11, 1–13 Zu den Lesungen des 17. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):

In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten las man die Offenbarung des Johannes, wie es auch heute in der Lesung geschieht. Denn die gesamte Zeit zwischen der Osternacht und dem Pfingstsonntag stellte in der Deutung der Liturgie den Verlauf der Weltgeschichte zwischen der Auferstehung Jesu und dem Ende der Welt dar. Mit der Auferstehung Jesu und der Taufe in der Osternacht gibt es die Kirche als die reine Braut des Lammes, und zu Pfingsten erwartet man den heiligen Geist als den Schöpfergeist der Neuen Schöpfung. Das inhaltliche Zentrum aller Erwartung aber ist das neue Jerusalem, wie es in Offenbarung 21 f. geschildert wird. So erwarten die Christen nicht ein abstraktes „Dasein nach dem Tode“, sondern eine künftige Stadt, so wie sie in der Offenbarung geschildert wird, und zwar als eine Kathedrale des Lichts. Angesichts dieser Vision der zukünftigen Stadt feiern wir Gottesdienst, den Blick auf den wiederkommenden Herrn gerichtet. Zahlreiche Hymnen besonders des Hohen Mittelalters schildern die Vorzüge dieser Stadt, und bei der Schilderung der neuen Schöpfung treffen sich zwei wichtige literarische Gattungen, die Schilderungen des „lieblichen, idyllischen Orts“ und der Hymnus auf Rom oder „die große Stadt“.

Die ältesten dieser Städte-Verherrlichungen beziehen sich auf Rom. Sie sind ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus belegt und werden dann im Lauf der Jahrhunderte auf andere Städte übertragen. Das Lob der Stadt galt zuallererst dem Herrscher. Und damit sind wir beim Thema der Apokalypse.

In der Aufnahme der Gattung „Loblied auf die große Stadt“ leistet der Prophet Johannes auch dieses: Im Geschick Babylons entwirft er das Gegenbild zu der großen, einst prächtigen, doch unglücklichen und todgeweihten Stadt (Babylon/Rom). Indem er das untergegangene Babylon dem himmlischen Jerusalem gegenüberstellt, durchbricht er von Anfang an die potenzielle Eintönigkeit der üblichen und auch später präsentierten Stadt-Hymnen. Der bekannteste Hymnus auf das himmlische Jerusalem beginnt „Urbs Hierusalem beata, dicta pacis visio“ (O selige Stadt Jerusalem, die du Vision des Friedens wirst genannt; anonym, 7. bis 8. Jahrhundert).

Der bevorzugte Ort der Aufführung dieser Hymnen ist die Kirchweihe. Denn jede neue Kirche ist ein Abbild des himmlischen Ziels der Kirche. Denn wie Offenbarung 21, 14 sagt, stehen die Namen der Apostel auf den Fundamenten jeder Kirche. Oft ist das noch erkennbar an den zwölf Apostelkreuzen, die über die Mauern und Pfeiler im Innenraum unserer Kirchen verteilt sind. Keine der Jerusalem-Hymnen nennt auch nur das Stichwort Babylon – geschweige denn Rom: Es gibt nur Jerusalem. Die Hymnen über das Himmlische Jerusalem sind ihrer inhaltlichen Ausrichtung nach Darstellungen des „besseren Roms“, nicht des besseren Jerusalems. Doch keine der christlichen Neu-Jerusalem-Hymnen enthält auch nur im Ansatz antijüdische Elemente.

Für Birgitta von Schweden ist das himmlische Jerusalem einfach „die Kirche“: „Die Mauer Jerusalems, meiner Kirche, sind die Leiber und Seelen der Christen. Denn aus diesen muss meine Kirche auferbaut werden.“ In den Kirchen der Romanik ist der Radleuchter mit seinen zwölf Toren in der Vierung vor dem Altar die Abbildung der Himmelsstadt.

Ein anderer wichtiger Ort der Wirkungsgeschichte dieses Kapitels der Offenbarung sind die Miniaturen in den Büchern, die den Kommentar des spanischen Mönchs Beatus von Liebana (gestorben um 800) illustrieren. Im Schlussteil dieser wertvollen Codices ist jeweils auf einer Doppelseite das himmlische Jerusalem der Höhepunkt der Darstellung. Die Stadt wird hier – anders als bei den Radleuchtern – als Quadrat dargestellt.

Dort, wo die Zwölf (Apostel) im Neuen Testament genannt werden, also in den vier Evangelien und bei Paulus, sind sie nicht als Bild oder Inbegriff der Kirche erkennbar. Vielmehr wirft die wiederholte Nennung des Judas als einer von den Zwölfen auch auf die übrigen Elf, zumal über sie nichts weiter Positives berichtet wird, zumindest ein Schatten. In Apokalypse 21 dagegen stehen die Namen der Zwölf schon allein deshalb für die Kirche, weil sie in Kontrast und als typologische Entsprechung zu den Namen der zwölf Patriarchen genannt werden, die für Israel stehen. Die Miniaturen der Beatus-Tradition legen auf die ganzseitige Darstellung des Himmlischen Jerusalem besonderes Gewicht. Die Gestalten der Apostel sind unterschiedlich, aber stehen in harmonischer Ordnung und in ungeteilter Einheit zusammen. Die Einheit der Kirche ist hier nicht die einer Pyramide, sondern die Gestalten der Apostel sind in einem Viereck angeordnet, keine Bevorzugung durch Vorrang ist angedeutet. Die Offenbarung besteht eben darin, dass Gott durch diesen Tempel in der Welt sichtbar wird. Stabilität und Lichtglanz sind die Hoffnungsgüter, die sich besonders mit Gold und Edelsteinen verbinden.

Die Edelsteine aus Offenbarung 21, 19 f. hat man im Sinne einer umfassenden Theologie der Edelsteine für die christliche Verkündigung attraktiv werden lassen. Denn in der Deutung der Jahrhunderte stehen die Edelsteine für Werte im umfassenden Sinn. Diese Werte reichen von regelrechten Medikamenten und Schmuckstücken auf der Haut bis zu den göttlichen Tugenden. Die Listen mit den Edelsteinen der Apokalypse sind wie die steinernen Heiligenfiguren an den Säulen einer gotischen Kathedrale. Intensiv wie nirgends sonst wird gerade in der „Wissenschaft von den Edelsteinen“ das Verhältnis zwischen Ästhetik, Ethik und Mystik bedacht. Denn Edelsteine sind keine tote Materie, sondern haben, wie man glaubte, Kräfte.

Das Großartige an diesem Buch ist, dass über die Hoffnung der Christen weder drohend noch moralisierend noch abstrakt oder dogmatisch geredet wird, sondern mit farbenfrohen Bildern, die zwei Jahrtausende Sakralkunst, Musik und Liturgie inspiriert haben. Es ist die Faszination der Schönheit, die die Hoffnung der Christen als eine Kathedrale des Lichts darstellt. Dieses Licht ist vielfältig wie die Edelsteine, die Kapitel 21 der Offenbarung schildert.