Die Sonntagslesung: Was Wachsamkeitbedeutet

Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2015

(Lesejahr C) VON HARM KLUETING

Jer 33, 14–16; 1 Thess 3, 12–4, 2; Lk 21, 25–28.34–36

Am Sonntag werden wieder Adventskränze in unseren Kirchen hängen und die Wohnungen auch vieler kirchenfremder Menschen schmücken, denen Advent mehr gefühlvolles Brauchtum als Sache des Glaubens ist. An diesen Kränzen aus Tannen- oder Fichtengrün wird eine Kerze brennen, während die drei anderen Kerzen noch darauf warten, an den folgenden Sonntagen angezündet zu werden. Die eine brennende Kerze ist uns Zeichen dafür, dass dieser Sonntag der ersten Adventssonntag ist, und dass die Adventszeit beginnt.

Das Wort „Advent“ ist lateinisch und kommt vom lateinischen „advenire“. Das bedeutet ,ankommen‘. Die Adventszeit ist eine Zeit der Ankunft. Aber nicht wir kommen an, sondern Gott. Wir warten auf seine Ankunft. Wir warten darauf, dass Gott zu uns kommt, dass Gott Mensch wird. Denn das und nichts anderes bedeutet Weihnachten: Incarnatio – Fleischwerdung oder Menschwerdung Gottes, von dem lateinischen Wort „caro“, Fleisch. Alle anderen Bedeutungen von Weihnachten, etwa das „Fest der Liebe“ oder das „Fest der Familie“, sind von dieser Grundbedeutung abgeleitet, wobei das „Fest der Liebe“ im Ursprung für die Liebe Gottes steht, der uns aus Liebe seinen Sohn in das menschliche Fleisch – „in carnem hominis“ – schickt, das „Fest der Familie“ für die Heilige Familie aus der Jungfrau und Gottesmutter Maria, ihrem Bräutigam, dem hl. Joseph, dem irdischen Nährvater Jesu, und dem Jesuskind. Man kann diese Grundbedeutung von Weihnachten mit dem Kind in der Krippe und mit dem Chor der Engel ausdrücken: „Euch ist heute in der Stadt Davids der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr“ (Lukas 2, 11). Man kann dasselbe aber auch mit dem präexistenten Logos des Prologs des Johannesevangeliums (Joh 1, 1–14) deutlich machen, mit dem Wort, das am Anfang – vor aller Zeit – war, das bei Gott und das (selbst) Gott war, und das Fleisch wurde – „verbum caro factum est“ (Joh 1, 14) – und unter uns wohnte, voller Gnade und Herrlichkeit – mit dem präexistenten Sohn Gottes, der Gott ist und in der Jungfrau Maria Mensch – und damit uns gleich wird. Auf seine Ankunft warten wir im Advent, der unter dem Wort steht, das das Lukasevangelium aus dem Buch des Propheten Jesaja übernimmt: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg“ (Lk 3, 4; Jes 40, 3).

Ähnlich klingt es in Psalm 24: „Ihr Tore, hebt euch nach oben, hebt euch, ihr uralten Pforten; denn es kommt der König der Herrlichkeit“ (Psalm 24, 7), in jenem Vers, nach dem der lutherische Liederdichter Georg Weissel mitten im Dreißigjährigen Krieg seinen Choral „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit; es kommt der Herr der Herrlichkeit“ schrieb.

Adventszeit ist aber nicht nur Warten auf Weihnachten, Warten auf die Ankunft Gottes bei den Menschen in der menschlichen Gestalt Jesu. Advent ist auch Warten auf die Wiederkunft des auferstandenen Christus, auf „das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus“, wie der Priester, die letzte Bitte des Vaterunsers aufnehmend, in der Heiligen Messe im Rahmen des Herrengebetes sagt. Advent ist eine doppelte Ankunft und Warten in doppelter Hinsicht. Deshalb ist der Satz ganz am Ende der Bibel, am Ende der Offenbarung des Johannes, ein adventlicher Satz, der Satz: „Komm, Herr Jesus!“ (Offenbarung 22, 20). Denselben Satz in derselben Bedeutung bringt auch der Apostel Paulus im ersten Brief an die Korinther. Und er bringt ihn auf Aramäisch, der Muttersprache Jesu: Marana tha (1 Kor 16, 22) – „Komm, Herr Jesus!“. Deshalb ist es gut und richtig, dass uns die liturgische Ordnung der Kirche für den ersten Adventssonntag, – wie unlängst noch für den 33. Sonntag im Jahreskreis (Mk 13, 24–32) – einen Auszug aus der apokalyptischen Rede Jesu zur Betrachtung aufgibt, diesmal nicht, wie vor zwei Wochen, nach Markus, sondern nach Lukas. Auch das Matthäusevangelium überliefert, in einigen Punkten abweichend, diese apokalyptische Rede (Mt 24).

Das Wort „Apokalypse“ wird in der Sprache der Zeitungen, des Fernsehens und des Kinofilms oft mit „Katastrophe“ oder „Chaos“ gleichgesetzt. „Apokalyptische Ausmaße“ habe dieses oder jenes Geschehnis angenommen, so kann man lesen oder hören. Und so konnte man es auch nach den Terrorangriffen in Paris am Abend des 13. November vernehmen. Doch bedeutet Apokalypse – das griechische Wort „apokálypsis“ – eigentlich etwas ganz anderes, nämlich Offenbarung, Offenlegung oder Mitteilung von Sachverhalten oder Zusammenhängen, die noch verborgen sind. So ist auch die „Apokalypse des Johannes“ Offenbarung oder Offenlegung über das, was „bald geschehen muss“ (Offenbarung 1, 1).

Auch in unserem Evangelientext nach Lukas ist die Rede von den „Zeichen der Zeit“ und davon, dass Zeichen geschehen werden an Sonne, Mond und Sternen. Auch bei ihm werden Naturkatastrophen angekündigt und große Furcht der Menschen. Und auch hier ist die Rede davon, dass der Menschensohn kommen wird „mit großer Macht und Herrlichkeit auf einer Wolke“ (auch Mk 13, 26). Jesus spricht hier von sich selbst. Denn nur er nennt sich „Menschensohn“ – niemand sonst in den Evangelien und im gesamten Neuen Testament –, was seine göttliche Vollmacht im Gewande der Niedrigkeit des irdischen Wanderpredigers ausdrückt. Das Bild, das damit vor unser Auge tritt, zitiert eine Vision des Propheten Daniel aus dem Alten Testament: „Und siehe, es kam einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn“ (Dan 7, 13). Auch bei Lukas werden wir, wie bei Markus, zur Wachsamkeit aufgerufen: „So seid nun allezeit wach und betet“ (auch Mk 13, 33). Wir sollen uns nicht mit Nebendingen aufhalten, mit Essen und Trinken und Sorgen der Nahrung. Natürlich sollen und müssen wir essen und trinken und für unsere Nahrung sorgen und dürfen uns auch an einem guten Essen erfreuen. Aber es soll nicht zur Hauptsache und zum Mittelpunkt unseres Lebens werden. Wir denken an die Vögel unter dem Himmel und an die Lilien auf dem Felde: „Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie“ (Mt 6, 22; Lk 12, 24).

Aber was soll die Hauptsache sein? – Der Advent! Das Warten auf die Ankunft des Herrn. Nicht das gelangweilte Warten wie an der Bushaltestelle, sondern das wachsame Warten. Das wachsame Warten auf den, dessen Kommen uns Jesus in seiner apokalyptischen Rede offenbart oder ankündigt. Zur Wachsamkeit werden wir aufgerufen, damit es uns nicht geht wie den fünf törichten Jungfrauen, die das unerwartete Kommen des Bräutigams, das sich so lange verzögert, versäumen, und die dann buchstäblich vor der Tür stehen und ausgesperrt bleiben. Die Geschichte von den klugen und den törichten Jungfrauen endet mit dem Wort: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Mt 25, 13). Überhaupt ist die Geschichte von den klugen und den törichten Jungfrauen (Mt 25, 1–13) vielleicht die beste aller Adventsgeschichten. Denn das wachsame Warten der fünf klugen Jungfrauen, die bei der plötzlichen Ankunft des Bräutigams zur Stelle sind, macht die fünf klugen Jungfrauen zum Muster wahrhaft adventlichen Lebens. Die Weihnachtsmärkte, die in der Adventszeit mit ihrem Gedränge, mit ihrem Lärm und mit ihren Duftwolken von Glühwein und Bratwurst unsere Städte erfüllen, haben mit einem christlichen Advent absolut nichts zu tun.

Die alttestamentliche Lesung aus dem Buch Jeremia spricht nicht vom Warten, sondern wiederholt und bestätigt die vorangegangenen Heilsverheißungen und kündet damit auch eine Ankunft an: „Es werden Tage kommen, da erfülle ich“ – so zitiert Jeremia Gott – „das Heilswort“. Denn „in jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich für David einen gerechten Spross aufsprießen lassen“ (auch Jer 23, 5). Am Heiligen Abend, wenn das Warten auf Weihnachten ein Ende hat, werden wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte hören: „Dann erhob er (Gott) David zu ihrem König. Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß, Jesus als Retter geschickt“ (Apg 13, 22f.). Und im Evangelium in der Heiligen Nacht wird es heißen: „So zog auch Josef in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids“ (Lk 2, 4). In der neutestamentlichen Lesung aus dem ersten Thessalonicherbrief lenkt der Apostel Paulus – mit den Worten: „wenn Jesus, unser Herr, mit all seinen Heiligen kommt“ – unseren Blick auf jenes andere Warten, auf das Warten auf die Wiederkunft des Auferstandenen. Am Ende schreibt er: „Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben“. Das Warten ist nicht darunter. Aber das adventliche Warten steht als Auftrag über der Ermahnung zu „wachsen und reich zu werden in der Liebe zueinander“.