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    Die Sonntagslesung: Die Kirche eint Jesu neue Angehörige

    1 Sam 1, 20–28; 1 Joh 3, 1–2.21–24; Lk 2, 41–52 In der Pfalz fragt man ein fremdes Kind: „Wem ghörrschn du?“ Und dann sagt das Kind, wie seine Eltern heißen.

    1 Sam 1, 20–28; 1 Joh 3, 1–2.21–24; Lk 2, 41–52

    In der Pfalz fragt man ein fremdes Kind: „Wem ghörrschn du?“ Und dann sagt das Kind, wie seine Eltern heißen. Der zwölfjährige Jesus hätte in gleicher Situation geantwortet: Ich gehöre zu Gott, er ist mein Vater, und daher könnt ihr mich, wenn ihr mich irgendwie suchen solltet, grundsätzlich im Tempel suchen. Denn er ist das Haus Gottes. Dort, wo mein Vater ist, muss ich sein. Stellen wir uns die Szene „Jesus im Tempel“ vor: Mitten in den Gerüchen von Weihrauch und Opfertieren, lauscht er dem Psalmengesang der Sänger und Leviten. Und genug zu sehen, zu riechen und zu hören gab es jedenfalls. Jesus wird da gesessen sein und das alles in sich aufgenommen haben. Ihm ging auf, dass er in diesem Haus seine Heimat hatte, hier, wo alles nur nach oben wies, zur Ehre des unsichtbaren Hausherrn. Wie fröhlich und stolz wird Jesus darüber gewesen sein, dass er hier und nirgends anders der Sohn des Hauses war. Die Theologen haben guten Grund für die Annahme, dass Jesus seit diesen zwei Tagen im Tempel genau um seine eigene Gottessohnschaft wusste. Daher hat Papst Benedikt XVI. völlig Recht mit der (neuen) These, der Satz Jesu, er müsse im Hause seines Vaters sein (Lk 2, 49), sei ein völlig klares Bekenntnis zur eigenen Gottessohnschaft. Die alte Theorie der Bibelgelehrten, Jesus sei erst nach Ostern zum Sohn Gottes gemacht geworden, stimmt deshalb hinten und vorne nicht. Die Beziehung zu den Gerüchen übrigens ist Jesus erhalten geblieben, deshalb hat er nichts dagegen, wenn Frauen ihn salben. Und zur Erinnerung daran sind bis heute vier der sieben Sakramente Salbungssakramente. Heimat kann man riechen.

    Nun heißt dieser Sonntag „Fest der Heiligen Familie“. Bekanntlich tun sich besonders die dem Namen nach christlichen Parteien mit einem christlichen Familienbild in der Gegenwart merkwürdig schwer. Man sollte sich nicht professoral-triumphierend über diese Not erheben. Aber die Sache, um die es geht, ist so ernst, dass sie nur in Heiterkeit gelöst werden kann. Unter den folgenden Bedingungen können christliche Familienpolitiker aus dem Lukasevangelium etwas lernen: Sie sollten den Glauben der Väter und Großväter, der Mütter und Großmütter praktizieren und dadurch ein Gespür bekommen für das, was Menschen überhaupt zusammenhalten kann. Dass es also etwas gibt, das sie nicht „leisten“ müssen wie Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen musste, etwas, in dem Menschen zusammengehalten werden über die Generationen hin.

    Zweitens wird an der heiligen Familie deutlich, was es bedeutet, nicht um die eigene Familie zu kreisen, als wäre sie der Nabel der Welt. Gerade von dem Tempel, in dem Jesus ausbüxte, weiß man, dass er seit Jahrhunderten als der Nabel der Welt angesehen wurde – und nicht die Synagoge in Nazareth. Der Mittelpunkt der Familie Jesu ist der prächtige Tempel in Jerusalem, das Herz Israels – so wie es heute noch die Tempelmauer in Jerusalem in bescheidenem Maße ist. Unsere Sippe hat vor einem Vierteljahrhundert eine gemeinsame Wallfahrt nach Rom unternommen. Ein Onkel hatte die Quartiere besorgt und die Stadtführung unternommen. Da das Vermögen, wie es zu sein pflegt, unterschiedlich verteilt ist, war es nicht nur ein Zuckerschlecken, aber für manche war es das erste Mal, für andere das letzte Mal, dass man sich sah. Dass es in der Ewigen Stadt geschah, relativierte die Erbärmlichkeiten und die Verschiedenheiten. Da man die Reisekrankheiten des anderen und aller gemeinsam ertrug, gab es Gelegenheit, archaische Solidarität zu erlernen.

    Christliche Familienpolitik besteht demnach nicht darin, über Bestehen oder Zerbrechen der eigenen Kleinfamilie zu grübeln oder Gelder dafür zu sammeln, sondern die Familie oder Sippe insgesamt dem Höheren oder Höchsten auszusetzen. Und sich angesichts dessen neu zu sammeln.

    Drittens kann man an den offenen Büchern, die an jedem Kircheneingang ausliegen und in die jeder etwas hineinschreiben darf, mühelos erkennen, dass es sich beim christlichen Glauben, wenn er überhaupt lebt, nach wie vor und vielleicht mehr denn je um eine Familienreligion handelt. Ich lese regelmäßig diese Texte und bin stets von Herzen berührt und oft zu Tränen bewegt. Wie oft schreibt da nicht eine besorgte Schwiegermutter „dass alles gut wird zwischen Gustav und Emilie“, „dass Rudi seine Schule weiterhin besuchen kann“, „dass unsere Lotte all das Schwere tragen kann, das du ihr zumutest“. Und ich weiß dann genau: Jesus hätte allen diesen Menschen zugehört, für solche Menschen ist er in die Welt gekommen. Bei ihm können sich die Menschen ausweinen. Oder in den Wallfahrtsorten seiner schmerzensreichen Mutter an der Pieta.

    Eine Fundgrube ist auch der Kommentar des Magister Bernhardus Waldschmidt zum Buche Ruth von 1659. Das Buch Ruth, eines der kürzesten im ganzen Alten Testament, handelt von der Moabitin Ruth, und dieser Kommentar von schlanken 1152 Seiten (in der deutschen Übersetzung von Vinzenz Hamp umfasst das Buch Ruth gerade mal fünf Druckseiten) stammt aus der Kapuzinerkirche in Frankfurt. Ruth war die Urgroßmutter von König David und die Schwiegertochter von Noemi. Verwitwet lebte sie mit Noemi in Bethlehem. Der Kommentar von Magister Bernhardus ist ein unergründlicher Schatz von Familienweisheiten. Man sollte diesen schönen Kommentar nachdrucken und jedem Abgeordneten jeder Partei zu Weihnachten schenken.

    Die Familie Jesu ist schließlich offen für die „unmögliche“ geistliche Berufung Jesu. Der heilige Joseph schimpft nicht, und Maria bewahrt Worte und Taten in ihrem Herzen wie bei den Hirten von Bethlehem. Diese Zurückhaltung ist keine Ver- oder Behinderung. Sie nimmt jeden Druck von Jesus.

    Familie ist eine besondere Weise, in der die Menschheit in den Blick kommt. Denn je tiefer man in den Brunnen der Vergangenheit hinabsteigt, um so weiträumiger kommt in den Blick, wie alle Familien und Sippen miteinander verflochten sind. Denn mit jeder neuen Heirat werden über Generationen hin Menschen miteinander verwandt. Meine Tante lehrte mich, dass wir von Karl dem Großen abstammen. Leider kann man sich darauf nichts einbilden. Wenn alles einigermaßen geordnet zuging, müssten zwei Millionen Menschen in Deutschland auf dieselbe Weise mit Karl dem Großen verwandt sein.

    Schon die Stammbäume Jesu im Neuen Testament (Matthäus 1 und Lukas 3) belegen, dass Jesus über Generationen von Familien von Adam abstammt wie wir alle. Die Menschheit ist daher im wörtlichen und ganz biologischen Sinne eine einzige große Familie. Daher hat die Anrede „Brüder und Schwestern!“ ein Fundament in der Sache. Und mit dem neuen Adam, mit Jesus Christus, beginnt die familiäre Verflochtenheit der Menschheit aufs Neue. Auch diese Familie ist nicht „rein geistig“ oder nur eine Idee, sondern die apostolische Sukzession, dass also das Bischofsamt durch Handauflegung weitergegeben wird und nicht anders, bedeutet gleichfalls Verflechtung und Verwandtschaft. Und eigentlich gibt es auch eine Sukzession der Getauften. Denn zu 99, 9 Prozent wird Taufe von Getauften weitergegeben, und parallel dazu gilt, dass Christentum zumeist von christlichen Familien weitergegeben wird – oder von Menschen, die die Rolle der Familie übernehmen.

    Doch an dieser Stelle bemerken wir eine Bruchstelle in jeder christlichen Generation. Jesus hat das Christentum auch von der Familie gelöst, sollte diese, wie so oft, nicht ausreichen. Er hat Jüngerschaft und Kirche als neue Familie gedacht, deshalb beginnt bis heute jeder Hirtenbrief mit der Anrede „Liebe Brüder und Schwestern“. Die Ablösung der Religion von der Biologie, also von der Blutsverwandtschaft und von den Regeln der Familie hat Jesus selbst mitgemacht, und zwar sehr intensiv. Zuvor war es im Judentum Abraham ähnlich ergangen. Denn Abrahams Vater war noch Götzenanbeter gewesen. Doch sein Sohn Abraham verbrannte die holzgeschnitzten Götzenbilder und zeigte, dass sie bestenfalls dazu gut sind, ein Süppchen mit ihnen zu kochen. Sowohl bei Abraham wie auch bei Jesus und bei vielen anderen seither ist die Stiftung der neuen Religion gleichbedeutend mit einer Krise in der bisherigen Familie. So geht es in der Kirche um eine neue Familie auf neuer Basis. Das ist einschneidend genug, obgleich das alte Modell der Familie und auch das der Menschheitsfamilie für die neue Menschheit gerettet wird.