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    Die Sonntagslesung: Christus verwandelt das Leid

    Jes 50,5–9a; Jak 2,14–18 Mk 8,27–35 Wir hören vom Leiden des Menschensohnes. Warum verhindert Gott das Leiden nicht überhaupt? Für viele ist die Erfahrung, die zu dieser Frage führt, der hauptsächliche Grund, an Gott zu zweifeln.

    Jes 50,5–9a; Jak 2,14–18 Mk 8,27–35

    Wir hören vom Leiden des Menschensohnes. Warum verhindert Gott das Leiden nicht überhaupt? Für viele ist die Erfahrung, die zu dieser Frage führt, der hauptsächliche Grund, an Gott zu zweifeln. Woher kommt und was soll Leiden, Böses und Tod?

    Viele Kirchenväter haben sich faszinieren lassen vom Gedanken der Rebellion gegen Gott. Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts lassen uns das zumindest begreiflich erscheinen. Es war immer das Grundschema: die Kreatur tritt an die Stelle des Schöpfers und will an seiner Statt eine revolutionäre Neuordnung etablieren. Auch manch nachkonziliare Fehlentwicklung war und ist zum Teil von dieser Art. Der Teufel ist der „Revolutionär“. Diese Rebellionslinie hat vor allem den Nachteil, nicht ausreichend biblisch begründbar zu sein. Das gilt trotz Kirchenvätern, die sich immer auf den König von Babel nach Jesaja 14, 12 beriefen. Aber dieser Morgenstern (Lucifer) ist nicht der Teufel. So gibt es über den Ursprung des Bösen keine haltbare biblische Theorie.

    Neben der Rebellionstheorie gibt es eine Alternative, die von Genesis 1,31 („Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“), von Prov und Hiob vertreten wird. Ich nenne sie „Weisheitstheorie“. Sie spielt nicht mit den titanischen Elementen der Rebellionstheorie, sondern endet bei Demut, Geduld und Anbetung.

    Im Sinne der Weisheitstheorie ist folgendes zu bedenken: Genesis 1, 31 und all die schönen Weisheitstexte über die Herrlichkeit der Schöpfungsordnung werden nicht in Blindheit gegenüber dem Tod und dem Bösen formuliert, sondern in voller Kenntnis. Oft hat man den Eindruck, die Kritiker der weisheitlichen Lösung könnten mit Genesis 1, 31 im Grunde nichts anfangen, rebellierten eigentlich dagegen. Aber schon das ganze Buch Hiob versucht zu sagen, dass wir unsere Vorstellungen von Vollkommenheit, die sehr subjektiv sind, nicht zum Maßstab für Welt oder Gott machen dürfen. Es könnte ja zum Beispiel durchaus in Ordnung sein, dass wir angesichts der Größe und Herrlichkeit Gottes nur sterben können. Es könnte auch sein, dass der biologische Tod der Menschen durchaus auf der Linie der üblichen Biografie der Kreaturen liegt. Schlimm ist erst der „zweite Tod“, die Verbindung mit moralischer Korruptheit; das heißt nicht der Tod ist ordnungswidrig, sondern die Sünde. Sie ist viel schlimmer, als wenn man irgendwann „satt an Tagen“ oder durch eine Krankheit stirbt. Aber gegen die Sünde, die zur wahren Hoffnungslosigkeit führt, hat Gott etwas unternommen (Vergebung, Sühne).

    Denn die meisten Fälle von „Bösem“ in der Schöpfung sind nur naturgesetzliche Notwendigkeiten. Der Tod ist zunächst Folge von Naturgesetzen. Diese sind (außer im Falle des Wunders) alternativlos. Es geht daher überhaupt nicht um die Grausamkeit der Natur. Natürlich sollte man unnötigen Schmerz vermeiden. Überdies lässt Gott vieles geschehen, um unsere Geduld und Treue zu testen. Der Weisheit Gottes entspricht die Geduld des Menschen. Daher gibt es beides in griechischen hoode-Sätzen: Hier ist der Ort der Geduld (Offenbarung 14, 12). Hier ist der Ort der Weisheit (Offenbarung 13, 18).

    Am wichtigsten ist für mich Hiob 36, 22–37, 1: „Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer wie er? Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: Du tust Unrecht? Denk daran, dass du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen. Denn alle Menschen schauen danach aus, aber sie sehen's nur von ferne. Siehe Gott ist groß und unbegreiflich, die Zahl seiner Jahre kann niemand erforschen. Er zieht empor die Wassertropfen und treibt seine Wolken zusammen zum Regen, dass die Wolken überfließen und Regen senden auf die Menge der Menschen. Wer versteht, wie er die Wolken türmt und donnern lässt aus seinem Gezelt? Siehe, er breitet sein Licht um sich und bedeckt alle Tiefen des Meeres. Denn damit regiert er die Völker und gibt Speise in Fülle.“ Und gegen Ende des Römerbriefes sagt Paulus – nachdem er den Ungehorsam Israels, seine Verstockung und deren Überwindung geschildert hat – „Gott ist so weise und vorausschauend... und sein Handeln ist unbegreiflich“ (11, 33). Am Ende gilt: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Der Name des Herrn sei gelobt.“

    Viele Kritiker dieser „weisheitlichen Linie“ sagen: Alles sähe anders aus, wenn der weltferne Gott das alles selbst erlebt hätte, dessen Duldung wir ihm vorwerfen: ungerechte Urteile, Zertreten der Schwachen, Leiden ohne Grund und Schuld, gottverlassen sterben. Es hätte Gott und der Menschheit gut getan, wenn er wenigstens etwas davon selbst erfahren hätte. Dann könnte auch sein Bodenpersonal, die Zunft der Theologen, nicht so kaltschnäuzig und unbarmherzig über das Leiden der Welt reden. Aber vor allem Gott selbst könnte nicht so ruhig und tatenlos zusehen, wie es täglich geschieht. „Nein!“ würden alle Evangelisten und Apostel sagen: Gott hat doch in der Tat genau alles dieses selbst durchgemacht, und zwar freiwillig. Deshalb ist, wie wir das im „Engel des Herrn“ beten, die Menschwerdung Gottes mit Leiden und Kreuz verbunden. Gott hat also in seinem Sohn Unrecht, Schmerz und Leiden bis zum Übermaß erfahren. Aber was hat sich dadurch geändert?, könnten wir kritisch fragen.

    Zunächst dieses: In Leiden, Tod und Verzweiflung („Mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“) sind wir nicht mehr allein. Da im Sohn immer der Vater selbst getroffen wird („Wer mich verachtet, verachtet den Vater“), ist der Sohn auch in seinem Leiden Stellvertreter des Vaters. Und so wie im Sohn Gott Mensch wurde, so wird durch sein Leiden und Sterben der Mensch Gottes Kind. In Jesus Christus beginnt die Verwandlung alles entsetzlichen Leidens in Herrlichkeit. Wer zu Jesus gehört hat daran Anteil. Genauso beten wir es in dem zitierten Text aus dem „Engel des Herrn“.

    Das Ziel dieser Verwandlung wird in der Verklärung Jesu angedeutet und in der Auferstehung und den Erscheinungen des Auferstandenen im wahrsten Sinne des Wortes greifbar. Die Gegenprobe liefert Paulus im ersten Korintherbrief in Vers 15, für den die Verwandlung das Entscheidende bei der Auferstehung der Toten ist. Auch die Wandlung bei der Eucharistiefeier liegt hier in der Nähe, denn auch hier wird Irdisches in Himmlisches umgewandelt. Verwandlung von innen her – nicht durch einschüchterndes äußeres Getöse und Gehabe von Macht – und letztlich aus Liebe Gottes zur Kreatur ist daher das Merkmal des Handelns Gottes im Neuen Bund. Und niemand zweifelt daran, dass diese verwandelnde Kraft Gottes Heiliger Geist, sein Schöpfergeist ist. Denn um den Heiligen Geist wird in allen alten christlichen Liturgien vor der Wandlung gebetet, und durch den Heiligen Geist kommt Auferstehung zustande (Römer 1, 3f; Offenbarung 11, 11).

    In den Leidensweissagungen Jesu wie in Markus 8 ist auch deshalb vom Menschensohn die Rede, weil sich alle Menschen, die Adressaten der Mission, im Geschick des Menschensohnes wiedererkennen können. Denn „alle“ sind die Adressaten, auch wenn nur „viele“ erreicht werden und gerettet werden. Erst in Glauben und Taufe können Menschen dann wirklich die Geschicksgemeinschaft mit dem Menschensohn ganz erlangen. Der Glaubende und Getaufte lässt sich auf den mit Jesus gemeinsamen Weg ein. Im Neuen Testament schildert der Hebräerbrief eindrücklich, wie Jesus als unser aller Bruder auch unser Hoherpriester werden konnte. Weil er Mensch war, konnte er auch für die Menschen Stellvertretung leisten. Und weil er gleichzeitig Sohn Gottes war, konnte diese Stellvertretung vor Gott gültig sein.