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    Die Sonntagslesung: Gott ist Sehnsucht und Zukunft

    Jesaja 63, 16b–17.19b; 64, 3–7; 1 Korinther 1, 3–9; Markus 13, 33–37 Advent wird in diesem Jahr eine besondere Bedeutung haben: Bankenkrise, Tausende von Toten in Syrien und Libyen, Rückzug des Westens aus Irak und Afghanistan, und schließlich Papstbesuch in

    Jesaja 63, 16b–17.19b; 64, 3–7; 1 Korinther 1, 3–9; Markus 13, 33–37

    Advent wird in diesem Jahr eine besondere Bedeutung haben: Bankenkrise, Tausende von Toten in Syrien und Libyen, Rückzug des Westens aus Irak und Afghanistan, und schließlich Papstbesuch in Deutschland. Wenn wir so im Erinnern und Bedenken die großen Ereignisse vor Gott bringen, unsere Wege vor ihm sammeln, wird die Frage nach Sinn und Ziel unabweisbar. So viele Krisen, so viel Rückzug und Versagen – wahrhaft weitläufige Dunkelheit also, und mitten darin ein demütiger, lächelnder Papst, der sichtlich geprägt ist vom lebenslangen Zwiegespräch im Gebet mit seinem, unserem Herrn. Das gibt es also doch noch, dass Menschen geprägt sind durch den lebendigen Erlöser, durch dieses ständige Gegenüber des gegenwärtigen Christus. Omne bonum est diffusivum sui, sagte man im Mittelalter: Was wahrhaft gut ist, teilt sich mit in seiner Ausstrahlung. Ausstrahlung ist nicht Gewalt, aber eine geheimnisvoll bezwingende Macht. Ausstrahlung geschieht sanft und macht die Menschen gesund. Ihre Weltherrschaft ist daher die in den Herzen der Menschen. Nur wer dort ansetzt, hat wirklich gewonnen. Und das heißt: Wer bei der Sehnsucht ansetzt, wer sie wachruft und den Menschen wieder in Erinnerung bringt. Aber: Wenn Christus gegenwärtig ist, warum soll er da noch kommen?

    Aber Advent heißt – übersetzt in die Sprache der Herzen – Sehnsucht. Das ist die schlichte Antwort auf alle Krisen und Dunkelheiten. Und wenn der Papst, ein Lichtblick in den Dunkelheiten, verkündet: Wo Gott ist, da ist Zukunft, dann ist das schon eine vollständige Adventspredigt. Aber wo ist Gott? Wo sein Name angerufen wird, wo die Menschen niederknien und bekennen: Du bist allein unsere Hoffnung. Wo sie die Wegweiser in Richtung Ziel nicht übersehen.

    Eine theologische Fundgrube bleibt für Christen die zisterziensische Theologie, also die des heiligen Bernhard (+1153), des Isaak von Stella (+1168), des Aelred von Rievaulx (+1110), des Wilhelm von Saint-Thierry (+1148). Die Hauptschlagader ihrer aller Theologie ist die Sehnsucht des Menschen nach Liebe – und die liebevolle Sehnsucht Gottes nach dem menschlichen Herzen. Es ist der Traum wahrzunehmen, dass es am Ende und überhaupt nur noch um Gottes Existenz geht, die ganz und gar „für“ uns und niemals gegen uns ist.

    Christsein beginnt nicht dort, wo die Freude aufhört

    Und die Sehnsucht nach Schönheit, Liebreiz, Gesundheit und ewigem Leben besteht eben deshalb als Sehnsucht, weil ich selbst das alles nicht machen kann, sondern mir schenken lassen muss. Weil alle fleißige Leistung nicht hilft. Weil Zuwendung und Tröstung, ja Glücklichsein nicht berechenbar oder erzwingbar ist, sondern auf frei geschenktem Liebreiz beruht. Das Christentum ist, wenn man das sagen darf, durchaus eine eudämonistische Religion. Also eine, in der es darauf ankommt, dass die gläubigen Anhänger jeder und jede für sich glücklich werden und auch jetzt schon sind. Es kommt am Ende nicht darauf an, auf alles oder gar (wie im Buddhismus) auf sich selbst zu verzichten. Sondern mit Gott erfüllt zu sein, sich in seiner Freude zu freuen. Es ist die Religion der Seligpreisungen. Und es ist nicht so, dass alles das schon von vornherein verdächtig ist, was Spaß macht. Christentum beginnt nicht dort, wo die Freude aufhört. Glücklichsein und Freude aber bestehen jetzt schon – in der Kontemplation. Dort, wo sich mir der rote Faden erschließt, der Menschen und Dinge, ja die ganze Geschichte mit Scheitern und Triumphen zusammenhält. Und jedes Stückchen Zusammenhang, das sich mir erschließt, ist ein Stück visio beatifica, Vorausahnung der seligen Schau Gottes, wenn auch ein Bruchstück nur.

    Der Prophet Jesaja ist neben dem Apostel Paulus für mich immer der großartigste Schriftsteller der Bibel, Prediger, Verkündiger und am Ende wohl auch Märtyrer. Für uns ist er der Kronzeuge des Advent schlechthin. Auch Jesus, Paulus und die Zeitgenossen haben das geahnt, die Rollen von Qumran bezeugen das, zum Beispiel die Jesajarolle, auf der viele Kapitel Jesaja auf Hebräisch stehen. Ein Student brachte mir einen Milchbecher aus den Vereinigten Staaten mit, auf dessen Außenseite kitschigerweise die Jesaja-Rolle aus Qumran in Totalansicht aufgedruckt ist. Das erinnert mich jeden Tag an die Sehnsucht des großen Propheten. So fleht der Prophet (63, 19) „Ach, wenn du doch die Himmel zerrissest und herniederstiegest, dass Berge wankten vor dir!“ Ein Echo ist unser Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“. Und in einem äthiopischen Anaphoragebet (Messe mit Wandlung) heißt es bei der Wandlung: „Da! Jetzt steigt herab der Logos, durchbricht in seinem Lauf die Himmel, Gottes Wort, und wird heilig und furchterregend wirklich gegenwärtig auf dem Altar!“ Das heißt: Christen erleben die erneute Ankunft Gottes wiederum verborgen im Sakrament der Eucharistie. Damit aber deutlich werden kann, dass das alles nicht Verspottung der Hoffnungen und Illusion ist, erwarten wir die zweite Ankunft Jesu Christi. Wüssten wir genau, wie das geschehen soll, so ginge es nicht um Gott. Und die Herzensnöte, die Jesaja in Kapitel 63 schildert, bedrängen auch uns allzu oft. Denn Jesaja fragt, ob Gott denn sein Volk überhaupt vergessen hätte. Denn die Väter nützen nichts: „Abraham kennt uns ja nicht, und Jakob weiß nicht um uns!“

    In der Umkehr Gottes liegt der Schlüssel

    Und angesichts der Situation der Christenheit in Deutschland fragen wir mit Jesaja: „Warum o Herr ließest du uns abirren von deinen Wegen, verhärtetest du unser Herz? Ändere dich, deinen Sklaven zu liebe... Wir sind wie ein Volk, das du niemals beherrscht, das nie nach deinem Namen benannt war! Ach, wenn du doch die Himmel zerrissest... Ach, wärest du doch wie Feuer, das Reisig entzündet, wie Feuer, das Wasser zum Sieden bringt...“. Die ungestüme und ungeduldige Sehnsucht nach Gott dient nicht privat dem eigenen Seelenfrieden, sondern der Prophet schreit inmitten der grassierenden Abwendung von Gott. Gott soll sich ändern, nicht in der Umkehr der Menschen sieht Jesaja den Schlüssel, sondern in der Umkehr Gottes selbst! Es sollte uns nicht beruhigen, dass die Abneigung gegen Gott und sein Wort in der biblischen Religion ein Dauerzustand ist. In Wirklichkeit brauchen wir solche Rufer wie Jesaja, dessen Eindrücke nicht eingebildet sind, sondern der den Realismus der brutalsten Fernsehfilme als die Wirklichkeit seiner Zeit schildert. Nur eines kann helfen: Gott selbst, der bitte die Himmel zerreißen möge und dessen Feuer die Götzen verbrennen und unsere Herzen erwärmen kann. Jesaja tröstet uns auch, denn Gott hat die Himmel zerrissen, und es geschieht wieder in jeder Messfeier. Und die Gegenwart Gottes in diesem Stückchen Brot ist nicht „vernachlässigenswert“, sondern knapp und klar wie ein Rezept zur Heilung aller Krisen. Für mich ist es ein staunenswerter Gipfel des Evangeliums.

    Denn Gott konnte es sich leisten, ein Stück Brot zu werden. Das Rezept liegt darin, dass der große Gott klein wird, dass er, der es nicht nötig hat, demütig wird und sich dabei keinen Zacken aus der Krone bricht. Und dass es aus Liebe geschieht, weil Gott uns radikal nahe sein will, so nahe wie kein Mensch es werden kann. Unlängst wurde wieder viel von Kannibalismus gesprochen. Dieser perverseste Aberwitz ist schon „unterirdisch“ zu nennen. Eucharistie ist etwas völlig Verschiedenes. Doch gerade in der grässlichsten Perversion ist die Wahrheit teuflisch verdreht, dass der Mensch vielleicht gerettet werden kann, indem er dieses Heilmittel der Unsterblichkeit schluckt. Das schlichte Essen ist entweder pervers oder aber göttlich. Alle Interessenten für Kannibalismus haben ein Tausendstel Wahrheit erkannt. Nur Essen rettet den Menschen. Die Bildzeitung brachte gar das Foto eines armen Eingeborenen: „Dieser Jäger hat deutschen Touristen gefressen.“ Gott hat sich für die andere Variante entschieden. „Ich habe dich zum Fressen lieb“, das ist ein leicht variiertes Erbstück des Christentums und eigentlich Wort Gottes an die Menschen. Dass es alles Vorstellbare übersteigt, spricht hier nur für eine der üblichen Zumutungen Jesu.