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    Die Sonntagslesung: Pointierte Gegenwart Gottes

    Exodus 34, 4b.5–6.8–9; 2 Korinther 13, 11–13; Johannes 3, 16–18 Der Schlusssegen im Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther hat Geschichte gemacht. Denn seither ist es die Regel für christliche Segenssprüche, dass sie trinitarisch sind.

    Exodus 34, 4b.5–6.8–9; 2 Korinther 13, 11–13; Johannes 3, 16–18

    Der Schlusssegen im Zweiten Brief des Apostels Paulus an die Korinther hat Geschichte gemacht. Denn seither ist es die Regel für christliche Segenssprüche, dass sie trinitarisch sind. Der schlichte Grund dafür ist, dass in den messianischen Zeiten der biblischen Religion Segen immer in Fülle gespendet wird. Wenn die drei Namen, Vater, Sohn und Heiliger Geist, genannt werden, so ist das die reine und unüberbietbare Fülle. Und wenn Menschen gesegnet werden, so wird die kreatürliche Leere geheilt durch die göttliche Fülle. Das ist wohl der entscheidende Grund dafür, dass der christliche Gott trinitarisch ist. Denn Trinität ist kein Rechenexempel und noch viel weniger ein „Rubic Cube“, also ein rätselhafter Zauberwürfel, für arbeitslose Geisteswissenschaftler.

    Vielmehr ist es so: Nach der wunderbaren Schöpfung und ihrer noch wunderbareren Erneuerung sind die Christen, speziell sie, so unglaublich reich beschenkt und begnadet, dass einem dafür die Worte fehlen. Ausdruck dieser Sprachlosigkeit ist die Rede von den drei Personen in dem einen Gott. Denn unsere Sprache und unser Fassungsvermögen sind ganz ärmlich gegenüber der Wucht und Herrlichkeit des Reichtums Gottes. Insofern trifft auch auf unser Bekenntnis zur Dreifaltigkeit der alte Erfahrungssatz der Mönche zu, dass der Ursprung der Dogmatik im Lobpreis liegt. Nur dann, wenn man das nicht vergisst, wird aus der Trinität kein Rechenexempel.

    In dem Segen von 2 Korinther 13 nennt Paulus nun nicht drei Instanzen nebeneinander, sondern – ein wenig dem vergleichbar, was Hans Urs von Balthasar als Theodramatik beschrieben hat, die Grundlinien eines Dramas voller Bewegung. In einem ersten Akt dieses Dramas geht es um die Bedingung zur Zulassung. Paulus ruft mit den Worten über die Gnade Jesu Christi das Bild von der Audienz in Gottes Thronsaal in Erinnerung. So tut er es in Römer 5,1f und spricht davon, dass wir Zugang haben zu Gott und deshalb in seiner Gnade stehen, und zwar „durch unseren Herrn Jesus Christus“.

    Wegen des „Zugangs“ denkt der Leser an den herrscherlichen Audienzsaal, in den nur Einlass findet, wer zugangsberechtigt ist. Und „Gnade“ meint nicht ein diffuses herrscherliches Wohlwollen, sondern den vertraglich abgesicherten Friedenszustand dessen, was „Neuer Bund“ genannt wird. In allen diesen Punkten gebraucht Paulus politische Vokabeln, die wie alle Bilder gegenüber dem, was sie sagen können, das Meiste nicht sagen können. Denn die Unähnlichkeit zwischen den Bildern und der Sache ist größer als die Ähnlichkeit.

    Gnade bedeutet tiefer Friede und Freiheit von Angst

    Trotz dieser Einschränkungen bedeutet „Gnade“ unseres Herrn Jesus Christus hier: Angstfreiheit, Versöhntheit, tiefer Frieden und nicht zuletzt die Redefreiheit, alles sagen und vorbringen zu dürfen, was das Herz beschwert. Gnade bedeutet auch das Ende der Feindschaft zwischen allen denen, die diesem Herrn zugehören. Sie ist immer tendenziell umfassend und gegen niemanden gerichtet. Der durch die Gnade ermöglichte freie Zugang zu Gott ist mithin jeder Furcht vor Gotteszorn entgegengesetzt.

    In positiver Hinsicht erschließt der freie Zugang zu Gott das, was Paulus hier „die Liebe Gottes“ nennt. Auch „Liebe“ bedeutet biblisch gesehen nicht zuerst Gefühl und Gemüt, sondern nüchterne und treue familiäre Solidarität. Daher ist es kein Zufall, dass schon das Judentum das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk im Bild der Ehe beschreibt. So wird das Hohelied Salomos zum zentralen Bild für das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Die frühen Kirchenlehrer (Hippolyt, Origenes) übernehmen dieses Bild auch und gerade für das unter dem Bräutigam Jesus erneuerte Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Das zweite Jahrhundert nach Christus bildet das „Sakrament des Brautgemachs“ aus, in dem die „Liebe“ des Bräutigams, also des Messias, zu seinem Volk gefeiert wird. Eine Konkurrenz zwischen dem himmlischen Vater und dem Sohn Jesus Christus gibt es da nicht, denn im Himmel „gibt es keine Konkurrenz zwischen Personen“. Der große judenchristliche Theologe Aponius hat in seinem Kommentar zum Hohenlied Salomos um 400 nach Christus dargestellt, wie Gottes Liebe zu Israel jetzt seinem Volk aus Juden und Heiden gilt. Ähnlich war das schon nach Epheser 5. Wichtig ist dabei bis heute, dass es bei der Liebe Gottes, von der wir hier mit Paulus sprechen, immer zuerst und vor allem um die Liebe zu Gottes Volk geht. Der Einzelne ist nur gemeint, wenn er Glied dieses Volkes ist.

    Das ist mit dem Geistbesitz nach Paulus genauso. Der Heilige Geist ist jedem Einzelnen nur dann und insoweit verliehen, als er zum Tempel Gottes gehört, der in Bezug auf den Heiligen Geist Gottes erste Adresse ist. Der einzelne Christ ist Tempel, weil alle Christen gemeinsam Tempel sind. Umgekehrt funktioniert diese Logik nicht. Denn die Kirche als Leib Christi ist nicht die Addition aus lauter kleinen Tempelchen. Weil das so ist, deshalb spricht Paulus hier in 2 Korinther 13,13 von der „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“: Denn es wäre komplett widersinnig, beriefe sich ein einzelner Christ gegen den Heiligen Geist, der allen in der Kirche gegeben ist, auf seinen privaten eigenen Heiligen Geist. In der Kirchengeschichte hat man das wiederholt durchgespielt. Aber selbst Protestanten, die nach eigenem gusto die Bibel meinten übersetzen zu müssen, wurden dafür mit Festungshaft belohnt (wie C.F.Bahrdt 1781).

    Als Christen haben wir alle denselben Geist

    Bei Paulus gibt es bekanntlich beides: Der einzelne Christ ist Tempel des Heiligen Geistes (1 Korinther 6, 11.17.19) und die Gemeinde im Ganzen ist es (1 Korinther 3, 16). Aber von einer Spannung an dieser Stelle ist deshalb keine Rede, weil die Verknüpfung von Individualismus mit dem Heiligen Geist eine Sache der frühen Neuzeit ist. Nicht „mein“ Heiliger Geist kann oder darf die Kirche zerstören, sondern als Christen haben wir alle denselben einen Geist. Deshalb spricht Paulus in 2 Korinther 13, 13 auch von der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die „mit allen“ sein soll. Denn der Heilige Geist ist immer Gott als der, der die trennenden Grenzen niederliegt und die Gräben zwischen Menschen zuschüttet. Wo Gott als Heiliger Geist wirksam ist, wird daher eine Grundvoraussetzung von Kirche geschaffen: Die scheinbar unüberwindlichen Mauern zwischen Christen werden in dieser Kraft übersprungen. Das meint Paulus mit „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“. Warum kann man so reden?

    Der Heilige Geist ist zugespitzte, pointierte Gegenwart Gottes. Diese ist so unwiderstehlich, dass alle kreatürlichen Differenzen einfach angesichts ihrer verblassen. Es ist wie bei Sonnenaufgang im Gebirge. Noch in der Dämmerung stehen die Bergwände bedrohlich und hinderlich dem Betrachter entgegen, als wollten sie sein Weiterkommen blockieren. Mit Sonnenaufgang ist jedoch die kalte, bedrohliche, abschreckende Finsternis wie weggeblasen. Was zittern ließ, ist durch das ersetzt, was fasziniert. Nicht zuletzt deshalb ist der Heilige Geist derjenige, der Gemeinschaft stiftet, weil er schön ist und schön macht. Schönheit wird die Welt erlösen, weil und wenn sie Verletzungen heilt. Und das hat man vom Heiligen Geist schon länger gesagt (sana quod est saucium; „heile, was verwundet ist“).

    Die wenigen Segensworte des Apostels in diesem kurzen Vers sind damit ein Kompendium seiner Theologie und Verkündigung. Nicht ganz zufällig steht der Segenswunsch über die Gemeinschaft des Heiligen Geistes am Schluss dieses Satzes. Denn diese Gemeinschaft in der einen Kirche ist das Ziel. Hier wird Gott voll zum Zuge kommen. Insofern ist 2 Korinther 13,13 auch ein Programm christlicher Hoffnung. Denn der Satz bietet eine typisch christliche Geschichtstheologie, das ist seine ureigenste Dramatik.