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    Vom Senfkorn und vom Maulbeerbaum

    Die Sonntagslesung vom 6. Oktober.

    Der Glaube, der Berge versetzen kann
    Jesus spricht in einem Bildwort vom Glauben, der so klein ist wie ein Senfkorn, der aber einen Maulbeerbaum ins Meer ver... Foto: (237500217)

    Der 27. Sonntag im Jahreskreis fällt in diesem Jahr auf das Erntedankfest. Die biblischen Lesungen sind zwar nicht direkt auf das Erntedankfest bezogen, sondern folgen der Leseordnung des Jahreskreises, es lässt sich aber sehr wohl ein Bezug zu diesem Fest herstellen.

    Schauen wir uns aber zunächst die inhaltlichen Schwerpunkte genauer an! Das Evangelium wirkt in seinen beiden Teilen zunächst befremdlich. Im ersten Teil (Lk 17,5-6) geht es um den Glauben, der – klein wie ein Senfkorn – einen Maulbeerbaum ins Meer versetzen kann. Im zweiten Teil (Lk 17,7-10) steht das Selbstverständnis des Jüngers Jesu im Zentrum. Er soll seinen Dienst in der Verkündigung des Evangeliums so verstehen wie ein Sklave, der seine Pflicht erfüllt und dafür nicht einmal Dank erwarten kann.

    Die Apostel sprechen Jesus in seiner hoheitlichen Volmacht an

    Im Abschnitt über den Glauben bitten die „Apostel“ den „Herrn“ (Lk 17,5) zunächst um Stärkung ihres Glaubens. Wenn hier betont von den „Aposteln“ gesprochen wird – in Lk 17,1 war noch allgemeiner von den Jüngern die Rede -, denkt der Lukas-Evangelist an die Zwölf und damit indirekt wohl auch an die Amtsträger seiner Zeit. Die Apostel bitten Jesus als den „Herrn“ um Stärkung ihres Glaubens. Sie sprechen also Jesus in seiner hoheitlichen Vollmacht an. Sie trauen ihm die übermenschliche Macht zu, ihren Glauben zu stärken. Glauben kann mehrere Aspekte beinhalten. Mit dem Glauben, der gestärkt und vermehrt werden kann, ist nicht der Glaube an bestimmte Inhalte gemeint – beispielsweise, dass Gott der Schöpfer der Welt ist, dass Jesus von Gott gesandt ist, dass Jesus von den Toten auferstanden ist usw. –, sondern ein Vertrauensglaube, eine enge innere Bindung an Gott, die dem Glaubenden heilsames Handeln ermöglicht. Paulus zählt in seinen Charismentafeln auch diese Glaubenskraft auf (1 Kor 12,9: Glaube in Verbindung mit der Gabe, Krankheiten zu heilen). Und Jesus selbst hat in einem solchen Glauben im Sinne einer – in seinem Fall einzigartig – engen Bindung an Gott Wunder gewirkt, Dämonen ausgetrieben und Kranke geheilt. Diesen Vertrauensglauben soll Jesus nach dem Wunsch der Jünger stärken.

    Der Glaube des Menschen kann Großes bewirken

    Jesus antwortet mit dem Bildwort vom Glauben, der so klein ist wie ein Senfkorn, der aber einen Maulbeerbaum ins Meer versetzen kann. Geläufiger ist uns das ähnliche Jesuswort vom Berge versetzenden Glauben (Mt 17,20; 21,21; Mk 11,23; vgl. auch 1 Kor 13,2). Vermutlich geht das Bild vom Maulbeerbaum, der außergewöhnlich tiefe Wurzeln hat und deshalb besonders fest im Boden verankert ist, wegen seiner Originalität historisch auf Jesus zurück, während die Rede vom „Berge versetzen“ als Bild für etwas, was eigentlich unmöglich ist, auch in rabbinischen Texten begegnet. Jedenfalls wollen beide Bilder sagen, dass der Glaube des Menschen, der immer machtlos und klein wie ein Senfkorn zu sein scheint, wenn er denn nur überhaupt vorhanden ist, Großes bewirken kann. Die Kraft, die der Glaube vermittelt, ist nicht menschliche Leistung, sondern ein Gnadengeschenk Gottes. Dass der Glaube einen Maulbeerbaum versetzen kann, ist natürlich nur ein Bild. Es geht nicht um Zauberei. Der Mensch, der im Glauben mit Gott verbunden ist, ist zu Großem fähig. Er kann in der Welt Bedeutsames bewirken und daran spürbar mitwirken, die Welt in eine bessere Zukunft zu führen – alles in der Kraft, die Gott ihm durch den Glauben schenkt.

    Welche Kraft und welchen Mut zur Veränderung der Glaube vermitteln kann, kann man in der Geschichte des Christentums oft beobachten. Viele Heilige haben aufgrund ihrer vertrauensvollen Bindung an Gott Großes bewirkt und oft nicht nur die Kirche in ihrer jeweiligen Zeit, sondern auch weit in die Zukunft hinein geprägt. Viele Diktatoren bekämpfen die Kirche, weil sie die Macht des Glaubens fürchten.

    Apostel sollen sich wie Sklaven verstehen

    Im Kontrast zu dieser Zusage an den Glaubenden steht auf den ersten Blick der zweite Teil des Sonntagsevangeliums. Hier sollen sich die Apostel wie Sklaven verstehen, die in der Verkündigung tun, was ihnen aufgetragen ist und die dafür keinen Dank erwarten dürfen. In dem Bild vom Sklaven gibt Jesus uns einen Einblick in die grausame soziale Wirklichkeit der antiken Sklaverei. So Großes die Antike im Hinblick auf politische Theorien (Demokratie, Rechtsentwicklung) und hinsichtlich zahlreicher philosophischer Erkenntnisse (Ethik, Menschenbild usw.) hervorgebracht hat, so dunkel ist die soziale Wirklichkeit der Sklaverei. Im Bild vom Knecht, der den ganzen Tag über hart für seinen Herrn in der Landwirtschaft gearbeitet hat, lenkt Jesus die Aufmerksamkeit auf diese finstere Seite der Antike. Wenn der Sklave müde und hungrig von der harten Arbeit des Tages heimkommt, dann kann er nicht erwarten, dass ihm sein Herr ein Essen vorsetzt. Im Gegenteil, er muss selbst seinem Herrn ein Essen zubereiten und kann erst danach an sein eigenes Wohl denken. Einen Dank darf er nicht erwarten. Er tut nur, was er tun muss.

    Die Apostel sollen in diesem Bild ihren eigenen Auftrag besser verstehen lernen. Wenn sie ihrem Verkündigungsauftrag nachkommen, dann ergeht es ihnen letztlich nicht anders als dem Sklaven. Sie erfüllen nur einen Auftrag und können keinen Dank erwarten.

    "Wer sich von Gott in Dienst genommen
    weiß, bildet sich darauf nichts ein,
    sondern erfüllt einen Auftrag, der ihm gegeben ist"

    Was bedeutet das für uns? Wer sich von Gott in Dienst genommen weiß, bildet sich darauf nichts ein, sondern erfüllt einen Auftrag, der ihm gegeben ist. So sieht es auch der Apostel Paulus: „Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16) Wer von der frohen Botschaft erfüllt ist, kann gar nicht anders, als sie anderen weiterzusagen. Verkündigung ist als Dienst an Christus und seiner Kirche zu verstehen. Dies ist in diesen Wochen besonders denen in Erinnerung zu rufen, die im Rahmen des „synodalen Weges“ für sich mehr „Macht“ in der Kirche fordern. Sie haben Wesentliches nicht verstanden.

    Insgesamt kann man feststellen, dass im besprochenen Evangelium das Bewusstsein gestärkt wird, dass der Jünger Jesu ein Empfangender ist. Er empfängt den Glauben, der ihm Kraft verleiht, und er empfängt einen Auftrag, den er in aller Bescheidenheit ausführen soll. Eine vergleichbare Haltung will uns auch das Erntedankfest in Erinnerung rufen. Auch bezüglich dessen, was wir durch menschliche Arbeit, aber auch durch das Wachstum der Natur an Lebensnotwendigem erhalten, sind wir zu einer empfangenden und dankbaren Haltung Gott gegenüber aufgerufen.

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