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    Sonntagslesung

    Zur DNA der Gottessohnschaft Am Kreuz führt kein Weg vorbei. Von Harm Klueting

    Sonntagslesung: Zur DNA der Gottessohnschaft Am Kreuz führt kein Weg vorbei Sacharja 12, 10–11; 13,1; Galater 3, 26–29; Lukas 9, 18–24 Zu den Lesungen des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C):
    Zu den Lesungen des 12. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C).

    Wer ist Christus? Das ist die zentrale Frage des christlichen Glaubens. Ist er derselbe wie Jesus? Oder ist Gott nur scheinbar in Jesus Mensch geworden, wie im zweiten Jahrhundert der Doketismus lehrte, der annahm, dass Christus sich vor der Kreuzigung von Jesus getrennt habe, weil Gott nicht leiden könne? Oder ist „Christus“ nur Beiname für den durch sittliche Bewährung ausgezeichneten Menschen Jesus und „Jesus Christus“ gottähnlich, aber nicht gottgleich, wie im vierten Jahrhundert der Arianismus meinte?

    Darum stritt man in der frühen Christenheit. Das Konzil von Nicäa schuf 325 Klarheit: Jesus Christus ist Gottes Sohn, wahrer Gott und zugleich wahrer Mensch. Das sagen wir im Credo. Aber wissen wir eigentlich, was wir da sagen? Auch heute trennen viele zwischen Jesus und Christus und betrachten Jesus bestenfalls als charismatischen Ethiklehrer und lassen Christus als gute Idee auf sich beruhen. Wer also ist Christus?

    Sacharja 12, 10–11; 13,1;
    Galater 3, 26–29;
    Lukas 9, 18–24.
     

    Theologen kennen „christologische Hoheitstitel“. Der wichtigste ist „Herr“ – griechisch „Kyrios“ –, wie man ihn aus dem „Kyrie eleison“, „Herr, erbarme dich“, kennt. Christus ist der Herr über allen an-deren Herren. Christus ist auch „Sohn Gottes“. In der Verkündigung Mariens sagt der Erzengel zu der Jungfrau: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lukas 1, 32). Nach der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer erklingt die Stimme vom Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn“ (Matthäus 4, 17). Kein Titel ist „Knecht Gottes“, etwa bei Matthäus: „Seht, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe“ (Matthäus 12, 18). Diese Bezeichnung nimmt Bezug auf die vier Gottesknechtslieder bei Jesaja, für Christen die wichtigste alttestamentliche Ankündigung Jesu Christi. Dieser Gottesknecht, der „durchbohrt“ wurde „wegen unserer Sünden“ (Jesaja 53, 5), findet sich mit dem „Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ bei Sacharja, was das Johannesevangelium aufnimmt (Johannes 19, 37). Ein Titel ist „Messias“ oder „der Gesalbte“, der aber, was viele Bibelübersetzungen verwischen, im Neuen Testament nur zweimal vorkommt (Johannes 1, 41; 4, 25).

    Auch „Heiland“ ist ein Titel, der – richtig übersetzt – in der Weihnachtsgeschichte begegnet: „Heute ist euch der Heiland geboren, der Christus, der Herr“ (Lukas 2, 11). Es gibt noch einen solchen Titel: der präexistente Logos des Johannesprologs – „das Wort, das bei Gott war“ – (Johannes 1, 1). Jesus nannte sich selbst „Menschensohn“. Dieser Titel kommt aus dem Buch Daniel, wo einer „wie eines Menschen Sohn“ aus den Wolken des Himmels erscheint (Daniel 7, 13). „Menschensohn“ drückt die göttliche Sendungsvollmacht im Gewand der Niedrigkeit eines irdischen Wanderpredigers aus.

    Jesus fragt: „Für wen halten mich die Leute?“. Die Jünger sagen, was die Leute denken: Johannes der Täufer, oder Elija, dessen Wiederkehr von den Juden als Vorläufer des Messias erwartet wurde, oder einer der Propheten des Alten Testaments. Dann fragt Jesus sie, für wen sie ihn halten. Petrus antwortet: „Für den Messias Gottes“ – oder „für Christus den Sohn Gottes“. Das ist das Petrusbekenntnis, das wir wie den ganzen Dialog Jesus mit den Jüngern auch bei Matthäus (Matthäus 16, 16) und bei Markus (Markus 8, 29) finden. Jesus streitet nicht ab, der Christus zu sein. Aber er gebietet Schweigen. Seine Stunde ist noch nicht gekommen (Johannes 2, 4): „Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen.“

    Nicht überhören darf man das „muss“ – die Unausweichlichkeit des Weges zu Kreuz und Auferstehung. Beides muss geschehen. Bei Matthäus und bei Markus versucht Petrus, Jesus von diesem Weg abzubringen, womit er sich das Scheltwort Jesu „Weg mit dir, Satan“ (Matthäus 16, 23) einhandelt. Bei Lukas fehlt das. Deshalb ist der Gegensatz zwischen dem „Geh weg!“ und dem „Folge mir nach!“ bei ihm nicht so deutlich. Aber auch bei Lukas lesen wir: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

    Nachfolge – das ist ein großes Thema des Glaubens seit den Jesusworten, die in die Nachfolge rufen, über das Buch des Thomas von Kempen, „Nachfolge Christi“, aus dem fünfzehnten Jahrhundert bis zu dem Buch „Nachfolge“ des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer von 1937 und bis zu Edith Stein. Jesus bindet Nachfolge an zwei Bedingungen. Die erste ist, sich selbst zu verleugnen, die zweite, das eigene Kreuz auf sich zu nehmen. Was Verleugnung seiner selbst bedeutet, steht in unserem Text: „Denn wer sein Leben retten will“ – das ist menschlich gedacht, wie Petrus menschlich denkt, wenn er Jesus von dem Weg zum Kreuz abbringen will –, „wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.“

    Und dann das eigene Kreuz! Manche haben dabei, verharmlosend, an ein Eigentumszeichen gedacht, wie man es früher dem Vieh einbrannte. Andere verstehen darunter die Bereitschaft zum Martyrium. Gewiss geht es vor allem um die Drangsale, die ein Menschenleben ausmachen, und die wir tragen sollen.

    Doch das ist nicht alles. Dazu Bonhoeffer: „Eine Christlichkeit, die die Nachfolge nicht mehr ernst nahm, die aus dem Evangelium allein den billigen Glaubenstrost gemacht hatte, musste das Kreuz als das tägliche Ungemach, als die Not und Angst unseres natürlichen Lebens verstehen. Das erste Christusleiden, das jeder erfahren muss, ist der Ruf, der uns aus den Bindungen dieser Welt herausruft.“ Aus den Bindungen dieser Welt sind wir herausgerufen durch den Glauben und die Taufe. Das sagt Paulus: „Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt.“ Für Edith Stein ist Nachfolge das Ernstnehmen der Vaterunserbitte „Dein Wille geschehe“, das – wie sie 1931 schreibt – „Richtschnur des Christenlebens“ sein muss.

    Von Harm Klueting

    Von Harm Klueting

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