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    Sonntagslesung

    Wo Gott wirkt, wird aus zweien eins Jeremia 23, 1–6; Epheser 2, 13–18; Markus 6, 30–34 Zu den Lesungen des 16. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Klaus Berger

    Sonntagslesung
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    In jeder Messe gibt es zwei Abschnitte, die man „Vereinigungsriten“ nennen könnte, nämlich die Vereinigung durch den Friedensgruß und -kuss einerseits und die Vereinigung mit dem Leib des Herrn im Opfermahl der Kommunion andererseits. Beide Abschnitte, das Agnus Dei und die Austeilung der Kommunion folgen deshalb aufeinander, weil sie sich wunderbar ergänzen.

    Die Überleitung zum voraufgehenden Vaterunser bildet im Gebet „Libera“ die Bitte: „Gib gnädig Frieden, Herr, in unseren Tagen“, damit so die Bitte um Sündenvergebung aus dem Vaterunser erfüllt wird. Der Friedensteil besteht nicht nur aus dem Friedensgruß, sondern auch aus dem Friedenskuss. Heute nennt man den ehemaligen Kuss „Zeichen des Friedens“ und gibt sich oft nur die Hand. Dadurch aber wird dann gar nicht mehr deutlich, dass es sich um einen Kuss als Zeichen der Vereinigung durch den Heiligen Geist handelt und nicht nur um ein Händeschütteln, wie wenn wir einen Vertrag mit einer Zahlung von Bargeld besiegeln. Der Kuss ist viel mehr: Im Ritus der Hochzeit gibt es die Aufforderung des Geistlichen: Nun dürfen Sie einander einen Kuss geben. Dieser Kuss ist Zeichen des Friedens. Und wenn gesagt und gesungen wird, dass das „Lamm Gottes“ diesen Frieden gibt, dann geht es dabei um eine von Gott gestiftete Einheit. Denn das Lamm Gottes ist der Sieger über alles, was Angst macht und daher Stifter des Friedens.

    Ansätze dazu treffen wir schon am Schluss viele Paulusbriefe, wo der Apostel am Ende auffordert: Grüßt einander mit Heiligem Kuss, und in den altkirchlichen Liturgie-Kommentaren wird immer wieder gesagt, dass dieser Kuss Mitteilung, Austausch des Heiligen Geistes ist.

    Und noch mehr: Wir kennen den Kuss beziehungsweise die Küsserei als Beginn der Vereinigung von Mann und Frau. So ist der Vereinigungsteil „Agnus Dei“ der Rest eines kirchlichen Ritus, den man im zweiten und dritten Jahrhundert „Sakrament des Brautgemachs“ nennt und von dem sich beträchtliche Spuren in der armenischen Liturgie erhalten haben.

    Nach allen Spuren, die wir trotz Arkangeheimnis noch erkennen können, bestand dieser Ritus eben darin, dass die Christen einander küssten und so sich gegenseitig den Heiligen Geist der Einheit und des Friedens mitteilten. Der Name „Brautgemach“ führte dazu, dass in den alten Texten die Christen „Kinder des Brautgemachs“ hießen. „Kinder“ eben deshalb, weil sie durch die Mitteilung des Schöpfergeistes aus dem Heiligen Geist wie Kinder neu geboren wurden. Im Kuss-Ritus kommt das alttestamentliche Bild von Gott und seinem Volk als Bräutigam und Braut zur Vollendung.

    An den Heiligen Kuss schließt sich die Kommunion an. Denn auch hier geht es um die leibhaftige Vereinigung mit dem wirklichen Leib Jesu Christi. Das Ziel ist auch hier: Einheit. Was im Agnus-Dei-Teil durch den Kuss erreicht wird, geschieht im Kommunion-Teil durch Essen und Trinken. Beim Agnus-Dei-Teil steht der Heilige Geist im Vordergrund und das Bild der Heiligen Ehe zwischen Gott und Mensch. Im Kommunion-Teil steht Jesus Christus stärker im Vordergrund, obwohl auch bei seinem Fleisch und Blut der Heilige Geist die Macht und Kraft der Umschöpfung und Verwandlung ist.

    Diese beiden aufeinander folgenden Vereinigungsriten der Messe stehen mit Epheser 2, 11–18 in enger Beziehung. Denn nimmt man diesen Text mit dem berühmten Ehe-Text aus Epheser 5 zusammen, so ergibt sich: Aus Zweien Eines zu machen, das ist die typische Handschrift Gottes, denn das ist immer wieder sein eigenstes Wirken. Nach Epheser 2 macht Gott aus Juden und Heiden eines. Und in der Mitte steht Jesus Christus als „unser Friede“, und in Epheser 5 macht Gott aus Mann und Frau eines, denn sie sind nun ein Leib. Wir sahen bereits, dass deshalb das wiederholte Vorkommen des Wortes „Frieden“ hier das Signal ist.

    In beiden Fällen handelt es sich um Akte des Schöpfergottes. In Epheser 2, 15 wird der neue Mensch erschaffen. Und auch wenn Gott Mann und Frau in der Ehe zusammenbindet, geht es um einen Schöpfungsakt (Markus 10, 5). Und auch bei der Eucharistie setzt sich das schöpferische Verwandeln von Brot und Wein in Leib und Blut Christi fort, indem in jeder Kommunion ein Stück Neue Schöpfung zustande gebracht wird. Mir liegt sehr daran, diesen Schöpfungsakt hier zu erkennen. Denn so wird die Funktion dieser Vereinigungsriten nicht als Nebensache zweitrangiger Sakramente sichtbar, sondern ist Wirken des Schöpfergottes in Richtung auf die Neue Schöpfung. Der „neue Mensch“ von Epheser 2,15 ist wirklich der neugeschaffene Mensch. Vor allem oder sogar fast ausschließlich bezieht sich die Neue Schöpfung hier auf den Menschen.

    Unsere Beobachtung über das Vereinigen als Gottes typisches Handeln wird durch Epheser 5, 32 bestätigt, wo Paulus die Vereinigung der Zwei zu einem Leib als das Geheimnis von Christus und Kirche bezeichnet. Ähnlich nennt die Lehre der Zwölf Apostel das zeichenhafte keusche Zusammenleben eines Christen (Propheten?) mit einer Frau (Prophetin) das „kosmische Geheimnis der Kirche“ (Did 11,11), denn diese Zweierbeziehung stellt die Ehe zwischen Christus und der Kirche dar. Sie ist nicht „privat“, sondern „welthaft“.

    Neu ist im Epheserbrief, dass nun eben auch eines der Zentralprobleme des Urchristentums, die Einheit von Juden(christen) und Heiden(christen) in der einen Kirche im Bild des neu zusammengefügten einen Leibes gesehen wird. Denn schon nach Auffassung der Propheten ist Israel Gottes Braut und Frau.

    Entsprechend der Orientierung an der Schöpfung spielt in diesem Abschnitt der Heilige Geist eine größere Rolle als der „Sühnetod“ am Kreuz, der aber dennoch erwähnt wird (Stichwort „Blut“ im Epheserbrief 2, 13 und „Kreuz“ in 2, 16).

    Kreuz und Blut sind hier offenbar so verstanden, dass beides mit der Sünde beladen, ja „vollgesogen“ war, so dass mit der Vernichtung des physischen Lebens am Kreuz und durch Blutvergießen auch die darauf lastende Sünde vernichtet wurde. Der Tod Jesu bezieht sich somit auf die negative und sündenbeladene Vorgeschichte des Glaubens, der Heilige Geist auf die Gegenwart und das Wachstum.

    Was nach dem Epheserbrief für Gott/Israel, Mann/Frau, Juden/Heiden gilt, kann daher auch auf Christus/Kirche angewandt werden. Immer ist es das Bild bräutlicher Liebe, das je neu verwendet wird. Und wir erkennen im Ritus der Messe, dass diese bräutliche Liebe auch in der Stiftung der Einheit in der Kommunion wirklich wird.

    Zu beachten: Frieden ist hier nicht Leerformel oder „Gipfel der Versprechungen“, sondern stets mehr oder weniger leibhaftig (als Kuss, als Brot und Wein, als Ehe von Mann und Frau, als Kircheneinheit von Judenchristen und Heidenchristen). Das ist jeweils eine Folge des leiblich orientierten sakramentalen Denkens, das sich als Zeichen stets in einer Gemeinschaft von Menschen äußert.

    Am Anfang steht dabei das um den Tempel gescharte Israel und Jesus inmitten seiner Jünger, jetzt aber Jesus inmitten seiner Kirche (Epheser 2, 13).

    Relevanz in Zeiten, die das Verbot der Ehescheidung mit Kommunionempfang zusammenbringen möchten: Beides verdankt sich demselben Handeln Gottes und gehört eben deshalb zusammen. Und Störungen der Einheit hängen mit dem Heiligen Geist zusammen. Denn der Kuss, der heilige Kuss jedenfalls, ist Hauchung des Schöpfungsatems Gottes.

    Von Klaus Berger

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