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    Sonntagslesung

    Lernen, immer und überall für Gott zu leben Amos 7, 12–15; Eph 1, 3–14; Mk 6, 7–13 Zu den Lesungen des 15. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B). Von Martin Grichting

    'Die Sonntagslesung' - jede Woche ausgelegt in der 'Tagespost'
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    Gottes Botschaft stößt nicht immer auf Gegenliebe. Das ist uns heute gut vertraut. Freilich ist es nichts Neues. Wir sehen es daran, dass die erste Lesung und das Evangelium des heutigen Sonntags davon berichten. Schon im Alten Testament gibt es Beispiele dafür, dass den Mächtigen nicht gefallen hat, was Gottes Boten verkündet haben. Das musste auch der Prophet Amos erfahren. Er bekam den Auftrag von Gott, in Bet-El, im Norden Israels, den Willen Gottes zu verkünden. Amos sollte den König und das Volk davon abbringen, fremde Götter, Götzen, anzubeten. Aber der König, der damals auch die Herrschaft über die Religion ausübte, lässt dem lästigen Propheten durch einen Priester ausrichten, er solle anderswo als Prophet reden. So muss Amos ins Exil gehen, nach Juda, in den Süden (Amos 7, 12–13).

    Im Evangelium sagt es Jesus den Jüngern voraus: Es kann vorkommen, dass ihr an einen Ort kommt und man euch nicht aufnimmt. Man will dort die Botschaft vom Reich Gottes nicht hören. Wenn das geschieht, dann schüttelt den Staub von euren Füßen und zieht weiter. Verkündet dann dort das Wort Gottes, wo man euch aufnimmt (Markus 6, 11).

    Der Glaube an den Auferstandenen hat sich nach diesem Muster über die Welt verbreitet. Nicht überall wollte man die Botschaft von Jesus, dem Sohn Gottes, hören. Und man hat deshalb die Boten des Herrn vertrieben, zuerst aus Jerusalem, dann aus vielen Städten im Römerreich. Paulus war ein auch immer wieder Vertriebener und Abgelehnter. Auch viele Christen der ersten Generationen waren auf der Flucht. Noch im dritten Jahrhundert gibt der „Brief an Diognet“ Zeugnis davon, wenn es dort von den Christen heißt: „Sie bewohnen Städte von Griechen und Nichtgriechen, wie es einem jeden das Schicksal beschieden hat (…). Sie bewohnen ihr Vaterland, aber nur wie Zugereiste (…); jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde. (…). Sie lieben alle und werden von allen verfolgt. Man kennt sie nicht und verurteilt sie doch, man tötet sie und bringt sie dadurch zum Leben“ (Nr. 5).

    Diese Existenz der Christen in der Welt, die Jesus vorausgesagt hat, ist menschlich betrachtet nicht angenehm. Aber gerade durch die Ablehnung und Verfolgung der Christen hat der Glaube an den Auferstandenen das ganze Römerreich erfüllt und ist dann um die Welt gegangen. Gott hat das Böse, das man den Christen angetan hat, in Gutes zu verwandeln vermocht. Die Verfolgung wurde ein Segen für die Verbreitung des Glaubens.

    Ein schönes Beispiel für das geheimnisvolle Wirken Gottes stellt der heilige Athanasius von Alexandrien dar. Er wurde 328 Bischof dieser Stadt in Ägypten. Bald aber geriet er in die Auseinandersetzungen seiner Zeit um den wahren Glauben. Als sich der Kaiser aus politischen Motiven einmischte, wurde Athanasius nach Trier verbannt. Das war ungefähr so, wie die Sowjet-Kommunisten missliebige Bürger nach Sibirien verschickten. Aber nun kam Gottes Vorsehung zum Zug, so dass die Verbannung des Athanasius zum Segen wurde: In Ägypten lernte er das Mönchtum kennen. Und so brachte er die Weisheit der Wüstenmönche von der Peripherie des Reiches in andere Gebiete, auch nach Rom, wo er auch eine Zeit der Verbannung erlebte. Von dem, was Athanasius vermittelt hat, konnten später viele zehren, nicht zuletzt der heilige Benedikt von Nursia. Und wenn wir an die Christianisierung unserer Lande denken, können wir fragen: Was wäre geworden ohne die Benediktiner, ohne Bonifatius, ohne Augustinus von Canterbury?

    Gott will nicht unsere Arbeit, sondern unsere Liebe

    Immer wieder hat Gottes Wirken aus dem Bösen Gutes zu schaffen vermocht, auch in unseren Zeiten. Ein zeitgenössisches Beispiel ist der frühere Erzbischof von Prag, Miloslav Vlk. Von den Kommunisten daran gehindert, als Priester zu wirken, war er jahrelang als Fensterputzer in den Prager Straßen unterwegs und schon zu diesen Zeiten ein Vorbild für viele. Noch mehr wurde er es, als er später Erzbischof von Prag wurde und in dieser Aufgabe viel Gutes tun konnte für den Neuaufbau der Kirche in seinem Land. Aber es ging dabei nicht nur um die Kirche. Es ging auch um ihn selbst. Seine Erinnerungen an die Zeit der Verfolgung hat er zusammengefasst in einem Buch, dem er den Titel „Reifezeit“ gab. Darin schreibt er über die Lektion, die er durch seine Marginalisierung gelernt hat: „Durch das Verbot, als Priester zu wirken, ist mir etwas sehr Tiefes aufgegangen. Es war, also würde Gott mir sagen: ,Ich will nicht deine Arbeit. Darin gibst du dich nur mittelbar. Ich will deine Zeit für mich. Deine Arbeit soll kein Hindernis zwischen uns sein; ich möchte, dass du nicht für die Arbeit, sondern für mich lebst‘.“

    Die Haltung, die hier zum Ausdruck kommt, macht es uns leicht, das, worum es im heutigen Evangelium und in der ersten Lesung geht, auch auf unser Leben zu beziehen. Auch da kommt es ja leider vor, dass uns manchmal Böses zugefügt wird. Oder es stellen sich uns unvermittelt Hindernisse in den Weg. Es gibt Leiden und Krankheiten, die plötzlich über einen kommen. Oder es zeigt sich das Unvermögen, das zu tun, was man sich vorgenommen oder gewünscht hat. Hoffnungen zerschlagen sich. Das kann einem dann als unsinnig, absurd, ungerecht oder unzumutbar vorkommen. Wenn uns solche Erfahrungen begegnen, Ereignisse, die es nicht mehr zulassen, so weiterzuleben und zu arbeiten, wie wir es uns vielleicht gewünscht hätten, dann stellt sich die Frage: Wie stelle ich mich dazu? Wie gehe ich damit um?

    Das Evangelium des heutigen Sonntags und die erste Lesung, aber auch das Beispiel vieler Christen, legen uns dann nahe, dass wir in solchen Situationen, die uns beengen, stören oder behindern, nicht rebellieren sollen. Wir sollen uns auch nicht in die Resignation treiben lassen oder in einen frustrierten Rückzug. Nein, die Botschaft der Heiligen Schrift und zahlreicher unserer Brüder und Schwestern im Glauben lautet: Bleib angesichts der Schwierigkeiten und Hindernisse dabei, beharrlich das Gute zu tun. Harre aus, nutze die Spielräume, die dir bleiben oder die sich eröffnen, weil anderes nicht mehr geht. Gib dort, wo es dich hinverschlägt, das gute Beispiel des Christen, der Christin. Denn wir kennen Gottes Pläne nicht. Sie können oft erst im Rückblick erkannt werden. Und doch gibt es sie, wie es heute in der zweiten Lesung aus dem Epheserbrief heißt: „Durch ihn [Jesus Christus] sind wir als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt“ (Epheser 1, 11).

    Betrachten wir die Hindernisse, auf die wir im Leben stoßen, als „Reifezeit“, als eine von Gott uns gegebene Gelegenheit, im Vertrauen auf ihn zu wachsen, ja, letztlich einfach für ihn da zu sein, ihm unsere Zeit zu schenken, wenn wir nichts mehr anderes haben, was wir tun können. Denn vergessen wir nicht: Wir sind im Letzten nicht geschaffen worden, um dieses oder jenes für Gott zu tun. Wir sind aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, Söhne Gottes zu werden durch Jesus Christus und zu Gott zu gelangen, wie es in der zweiten Lesung heißt (Epheser 1, 5). Dieses für Gott da sein und bei Gott sein müssen wir einüben in unserem Leben. Unser Leben ist eine Schule, immer mehr bei Gott zu sein. Die Hindernisse, denen wir begegnen, sind so betrachtet immer neue Einladungen Gottes, dass wir – wie es Kardinal Vlk gesagt hat – für Gott leben. Das ist das Ziel unserer christlichen Existenz. Das wird bleiben, wenn alle Hindernisse Vergangenheit sind.

    Von Martin Grichting

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