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    Sonntagslesung: Glauben auf ein Wort hin macht selig

    Apg 4, 32–35; 1 Joh 5, 1–6; Joh 20, 19–31 Schon in seinem ersten Bericht zur Auferstehung zeigt der vierte Evangelist eine geradezu pedantische Präzision in der Spurensicherung „vor Ort“.

    Apg 4, 32–35; 1 Joh 5, 1–6; Joh 20, 19–31

    Schon in seinem ersten Bericht zur Auferstehung zeigt der vierte Evangelist eine geradezu pedantische Präzision in der Spurensicherung „vor Ort“. Denn der Evangelist weiß: Bei einem Ereignis wie der Auferstehung weckt jede Ungenauigkeit den grundsätzlichen Verdacht auf Betrug oder Schummelei. Wodurch ist zum Beispiel sichergestellt, dass der Leichnam Jesu nicht gestohlen oder von den Jüngern versteckt wurde? Von Petrus wird gesagt: Er ging in die Grabkammer hinein. Er sah die Leichentücher daliegen, aber das Schweißtuch, das man Jesus aufs Gesicht gelegt hatte, lag nicht bei den anderen Tüchern, sondern einzeln zusammengerollt etwas abseits. Dann erst ging der andere Jünger, der zuerst dagewesen war, in die Grabkammer hinein.

    Der so genannte ungläubige Thomas unterstützt insoweit die Tendenz des Evangelisten, indem er sein Insistieren auf Genauigkeit teilt. Denn die Identität der Wundmale (an den Händen und an der Seite) wäre ein Beweis dafür, dass der Auferstandene wirklich Jesus selbst war. Denn so ist hier die Denkvoraussetzung: Spuren von Verletzungen sind individuell erworbene Merkmale, die auch im Auferstehungsleib erhalten bleiben. Wenn Thomas diese Spuren der Verletzungen sehen kann, dann beweist das auch, dass der Erschienene kein Totengeist ist. Denn einem Geist kann man zu keinem Zeitpunkt eine Verletzung zufügen. Auch in Lukas 24 ist das Beweisziel dasselbe. Hier wird der Beweis dadurch erbracht, dass Jesus etwas essen kann. Ein Totengeist könnte nichts essen.

    Physisch leiden zu können und hungern zu können unterscheidet Menschen von gefährlichen Totengeistern. Nicht selten hat die „moderne“ Forschung dieses Insistieren auf der Leibhaftigkeit der Auferstehung als apologetisches Manöver des Evangelisten bezeichnet, dem keinerlei Wert zukomme. Denn wenn Auferstehung nicht in das rationalistische Weltbild passt, muss sie auch in den Evangelien ein rein gedankliches Wunschprodukt mit dem Wirklichkeitsgehalt eines innerpsychischen Traumbildes sein – und nicht mehr. Denn konkrete Leiblichkeit der Auferstehung würde ja deren Realität bedeuten. Das ist gemeint, wenn der Gegengruß zur Auferstehungsbotschaft in der Ostkirche lautet: „Er ist wahrhaft auferstanden.“ Thomas nimmt wahr: Jesus ist nicht „irgendwie“ auferstanden oder nur erahnbar, es ist auch nicht lediglich seine Idee, die fortlebt, sondern die Leibhaftigkeit garantiert auch die unverwechselbare individuelle Identität.

    Wenn Tote auferstehen, hat das, was mit dem Leib angerichtet wird, Konsequenzen, die weit über das irdische Leben hinausreichen. Die menschliche Existenz reicht weiter als nur bis zum Tod. Weil mein „Name“, wie man den Personkern biblisch nennen würde, nicht einfach verweht, gewinnt jede Person einen unvorstellbar großen Wert, der jedes Opfer lohnt. Im Horizont der Möglichkeit von Auferstehung gewinnt die Person einen maximalen und unvergänglichen Wert. In unserem Menschenbild orientiert sich die Rangordnung der Werte am Maßstab der Unvergänglichkeit.

    In Johannesevangelium ist das Stichwort „glauben“ zentral, und zwar ohne nähere Erläuterung. Nach 20, 8 gilt vom Lieblingsjünger beim Anblick des leeren Grabes „Und er sah und glaubte“, ähnlich Johannes 20, 29: „Selig, die nicht sehen und glauben.“ Die Frage ist: Was glauben sie denn? Der Evangelist würde wohl im Gefolge von Johannes 11, 26f sagen: Glauben bedeutet anzunehmen, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der der Welt das Leben bringt.

    Angewandt auf Johannes 20, 8 und 20, 29 und besehen im Licht dieser Texte bedeutet das: Glauben richtet sich darauf, dass Gott und sein Handeln in Jesus Christus die zentralsten, bestimmenden, wichtigsten Faktoren der Wirklichkeit überhaupt sind. Wer in dieser Perspektive und unter diesen Gesichtspunkten seine Erfahrungen sortiert, der kann glauben, dass Jesus der Ort und der Raum ist, und das ist eine unteilbare Gesamtsicht alles dessen, was das Evangelium anzunehmen auffordert. Zwei Aspekte sind hier wichtig: Einmal geht es um die ganze Wirklichkeit. Denn nach Johannes 1 ist durch das Wort „alles geworden“.

    Zum anderen nennt man das Sortieren von Erfahrungen im Licht des Glaubens „Beten/Gebet“. Die Vermittlung zwischen Alltagsexistenz und Glauben aber liefert nach dem vierten Evangelium das Sehen. Denn der unsichtbare Gott (Johannes 1, 18) ist im Logos erschienen, damit wir an dessen Wirken (besonders in den Zeichen) seine Herrlichkeit erkennen und glauben können.

    Über die Wiedergabe von Johannes 20, 29 (Selig, die nicht sehen und glauben) muss man streiten. Im Gefolge der Luther-Übersetzung, die auch an dieser Stelle sehr volkstümlich geworden ist, hat sich diese Bedeutung eingeprägt: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und (doch) glauben. Selig sind vielmehr die, die...“ Im Rahmen der Systematik Luthers würde das bedeuten: Der Glaube, der nicht auf innerweltliches Sehen wie auf Krücken angewiesen ist, macht wahrhaft selig. Dies ist Glaube erster Klasse. Der Glaube des ungläubigen Thomas war nur „zweiter Klasse“. Der Glaube erst der späteren Christen, die nicht mehr auf Visionen angewiesen sind, reift zum richtigen Glauben. Der Glaube aber, der durch Sehen gestützt werden muss, ist minderwertig. Dagegen ist der Glaube, der selig macht, Glaube auf ein Wort hin.

    Die Position Luthers ist im Kontext seiner Lehre von der Rechtfertigung zu sehen, die Luther stets auch dort einträgt, wo sie nach dem Urteil des nüchternen Exegeten vielleicht keine Rolle spielt. So auch hier. Das Sehen, das den Glauben stützt, ist nach Luther eine innerweltliche Krücke, kein reiner Glaube, sondern es verfälscht den Glauben, der sich doch rein auf Gott richten sollte. Das ist der neulutherische Standpunkt: Der Glaube ist rein nur ohne historische Grundlage und nur ohne Anhalts- oder Haltepunkte in der Geschichte, und deshalb macht es auch nichts, sondern ist geradezu hilfreich, wenn die kritische Exegese landauf, landab die historische Basis der biblischen Texte zerfressen hat. Dann könne der Glaube erst recht Glaube sein. Man nimmt auch den vierten Evangelisten mit vielen weiteren Texten in den Blick. Denn weil Historisches im Ganzen verpönt ist, gilt das umso mehr auch von allen Wundern. Und nicht nur in Johannes 20, 29 sei der vierte Evangelist durchgehend wunderkritisch eingestellt. Das komme bereits in 2, 23–25 zum Ausdruck. Der Einwand, warum Jesus dann hier überhaupt ein Wunder wirkt, wo es doch wertlos sei, kann dann nicht beantwortet werden.

    Ich bin anderer Meinung und möchte Johannes 20, 29 so übersetzen: „Du hast (jetzt) geglaubt, weil du mich gesehen hast. Selig ist aber auch, wer (in Zukunft) auf dein Zeugnis hin glauben wird, ohne mich gesehen zu haben.“ Die ungeteilte Verheißung gilt auch der nachapostolischen Generation. Es gibt zwei Arten von Glauben. Weil diese beiden Arten von Glauben gleichberechtigt sind, und zwar trotz des gegenteiligen Anscheins, ist dem scheinbar weniger privilegierten Glauben der Späteren die Seligpreisung hinzugefügt. In der Gestalt des Thomas können sich die späteren Christen gut wiedererkennen. Denn seine Zweifel sind auch ihre Zweifel, und der Herr lässt sich darauf ein. Er lässt sich durch diese Zweifel nicht vertreiben. Thomas zeigt uns, dass der Osterglaube keine abstrakte oder existenzialistische Konstruktion aus Projektionen und Mutmaßungen ist. Der Osterglaube des heiligen Thomas ist jüdisch und ist dazu eine katholische Bejahung von Materie, Leib und Welt.