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    Würzburg

    Freude über Gottes Barmherzigkeit: Dankbar antworten

    Die Sonntagslesung vom 15. September

    Eine Darstellung der Erzählung vom verlorenen Sohn in der Kirche St. Ignatius in Prag. Foto: Renáta Sedmáková/stock.adobe.com

    Es begab sich einmal im Zweiten Weltkrieg: Ein Soldat kam schwer verletzt von der Front zurück. Die Splitter einer Granate hatten unter anderem sein Gesicht entstellt, und er konnte nicht sprechen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Nach einer langen und schwierigen Operation gelang es, die Wunden in seinem Gesicht so zu nähen, dass er wieder sprechen konnte. Als er aus der Narkose aufwachte, sah er den zuständigen Arzt und eine Krankenschwester. Er öffnete den Mund und formulierte zum ersten Mal nach dem Granateneinschlag ein Wort: „Danke“.

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    Dieses Erlebnis wurde bekannt, da ein solcher Ausdruck der Dankbarkeit durchaus nicht selbstverständlich ist. Häufiger ist leider die Haltung der Undankbarkeit, die wir auch beim verlorenen Sohn im heutigen Evangelium feststellen können. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder – wie wir es auch nennen könnten – vom barmherzigen Vater gehört zu den eindrucksvollsten Seiten des Evangeliums. Viele Ausleger der Heiligen Schrift bezeichnen es als das schönste Gleichnis Jesu Christi. Auch Papst Benedikt XVI. geht in seinem bekannten Werk „Jesus von Nazareth“ darauf ein.

    Jesus heilt Wunden wie ein Arzt

    Das Gleichnis vom verlorenen Sohn findet sich im Evangelium des heiligen Lukas, der auf besonders eindrucksvolle Weise die Liebe Jesu zu den Sündern heraushebt. Bei Lukas findet sich etwa in der Weihnachtsbotschaft der schöne griechische Titel „soter“, den die deutsche Sprache sehr treffend mit „Heiland“ wiedergibt. Dieses Wort ist heute wenig gebräuchlich, passt aber bestens zum Urtext: Jesus ist derjenige, der wie ein Arzt unsere Wunden „heilt“. Wenn Jesus in einem anderen bekannten Gleichnis bei Lukas vom barmherzigen Samariter erzählt, dann können wir in dem Öl, das der samaritanische Nothelfer in die Wunden des Überfallenen gießt, auch einen Hinweis sehen auf das heilende Handeln unseres Erlösers.

    Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist der Höhepunkt von drei Gleichnissen, die jeweils erzählen, wie etwas Verlorenes – ein Schaf, eine Drachme und ein Sohn – wiedergefunden wird. Der Sohn lebt vor seinem Auszug in der Gemeinschaft mit dem Vater. Was der Vater am Ende zu dem älteren Sohn sagt, gilt auch für die Beziehung zum jüngeren Sohn: „Alles, was mein ist, ist auch dein.“ Ganz ähnlich umschreibt Jesus im Johannesevangelium sein Verhältnis zum Vater: „Alles, was mein ist, ist dein und was dein ist, ist mein“ (Johannes 17, 10).

    Die Auslegung der Kirchenväter sieht in den Schilderungen der Gleichnisse nicht nur exemplarische einzelne Geschehnisse, sondern entdeckt darin auch Hinweise auf das ursprüngliche Paradies und den Sündenfall. Diese Deutung geht über den Wortsinn hinaus, passt aber zu anderen Bibelstellen, die sich unmittelbar zu den Ereignissen am Anfang der Menschheit äußern. Die Drachme, auf der sich das Bild des Kaisers findet, wird von den Vätern verglichen mit dem Geschaffensein des Menschen nach dem Bilde Gottes. Dieses nach dem Bilde Gottes geprägt sein umfasst im paradiesischen Urstand auch die Gnade der Gotteskindschaft mit der Gabe des Heiligen Geistes. Durch die Ursünde geht die heiligmachende Gnade verloren, und die „Drachme“ mit dem Bild des göttlichen Kaisers wird gleichsam von Schmutz bedeckt. Das heilende Wirken Jesu befreit den nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen vom Schmutz der Sünde und führt ihn zurück zum ursprünglichen Glanz, Kind Gottes zu sein.

    Der Vater legt ihm das Gewand der Gnade an

    Eine ähnliche Deutung betrifft das Festgewand, das der verlorene Sohn nach seiner Heimkehr vom Vater empfängt. Im griechischen Text ist hier wörtlich vom „ersten Gewand“ die Rede. Die Kirchenväter sehen darin einen Hinweis „auf das verlorene Gewand der Gnade, mit dem der Mensch im Ursprung umkleidet gewesen war und das er in der Sünde verloren hat“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth I, 246). Auf das „Gewand“ der Gnade weist auch das weiße Kleid, das wir am Taufbrunnen empfangen haben als Zeichen für die strahlende Würde, Kinder Gottes zu sein. Diese Würde ist größer als die eines Staatspräsidenten oder eines Kaisers, denn sie gründet in der geschenkten Teilhabe am unendlichen Leben Gottes, das uns hineinführt in die Ewigkeit.

    Durch jede Sünde treten wir diese Würde gleichsam mit Füßen. Jede schwere Sünde beraubt uns des Kleides der Gnade, und wir befinden uns in der gleichen Lage wie die ersten Menschen nach dem Sündenfall und wie der verlorene Sohn, der in der Fremde die Schweine hütet. Der Sohn „zog in ein fernes Land“, heißt es im Gleichnis. Dieses Fernsein steht nach dem Worten von Papst Benedikt für „den inneren Abbruch der Beziehung, die Weite des Weggehens vom Eigenen und vom Eigentlichen“. Die Undankbarkeit führt zum Verprassen des eigenen Vermögens und zur Verelendung: Um zu überleben, muss sich der verlorene Sohn zum Knecht machen und die Schweine hüten, die für die Juden als unreine Tiere gelten. Die vermeintliche Freiheit führt zum Elend und zur bedauernswerten Unfreiheit.

    Der Weg zur Befreiung und zum strahlenden Festgewand in der Gemeinschaft mit dem Vater beginnt bei den Schweinen: Der verlorene Sohn wird auf sich selbst zurückgeworfen und bekommt Gelegenheit zur Besinnung. Eine solche Besinnung halten auch wir, wenn wir unser Gewissen erforschen. Die Gewissenserforschung sollte regelmäßig in unserem Leben vorkommen: Am besten an jedem Abend sollten wir einige Minuten still werden, uns auf den vergehenden Tag besinnen, Gott für alles Gute danken und dann auch um Verzeihung bitten für das, was vor den Augen Gottes nicht gut war. Dabei können wir die Ereignisse des Tages noch einmal durchgehen: Wo haben wir etwas getan, gesprochen oder gedacht, wodurch wir gleichsam in die Fremde gegangen sind, fernab vom Haus des himmlischen Vaters? Überlegen könnten wir auch: Hätten wir etwas Gutes tun können, das wir unterlassen haben?

    Wenn wir eine solche Gewissenserforschung an jedem Abend machen, dann werden wir immer genügend Stoff finden für eine regelmäßige heilige Beichte, auch dann, wenn es sich nicht um Todsünden handelt. Auch lässliche Sünden sind wie Wunden, die einer Heilung bedürfen. Im Sakrament der Versöhnung gießt Christus, der göttliche Heiland, gleichsam Öl in unsere Wunden und flößt uns die Freude über die gottgeschenkte Barmherzigkeit ein. Auch wir können dann ein tief empfundenes „Danke“ sagen und uns freuen, am Fest des himmlischen Vaterhauses teilhaben zu dürfen.

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