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    Würzburg

    Empfangt den Heiligen Geist - Eine Frage der Hörbereitschaft

    In den Lesungen vom Pfingstsonntag wird den Jüngern die Verkündigung des Evangeliums aufgetragen. Zugleich beginnt hier die Traditionsbildung der Kirche.

    In zwei biblischen Lesungen des Pfingstsonntags wird von der Übertragung des Heiligen Geistes auf die Jünger Jesu erzählt. Sehr dramatisch wird das Geschehen in der Apostelgeschichte geschildert (Apostelgeschichte 2, 1-11). Ein mächtiger Sturm erhebt sich vom Himmel her und der Heilige Geist kommt in Zungen wie von Feuer auf die Jünger herab. Diese Erzählung kennen wir. Genau sie verbinden wir mit dem Pfingstsonntag. Im Johannesevangelium (Johannes 20, 19-23) wird weniger spektakulär von der Übertragung des Geistes gesprochen. Der Auferstandene wünscht den Jüngern den Frieden. Dann heißt es (Johannes 20, 22): Jesus „hauchte die Jünger an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“

    Apg 2,1-11
    Röm 8,8-17
    Joh 20,19-23
    Die Lesungen des Pfingstsonntags

    In beiden Lesungen geht es um das gleiche Geschehen, die Vermittlung des Heiligen Geistes an die Kirche. Es wird aber auf ganz unterschiedliche Weise erzählt. Beide Erzählungen bieten narrative Theologie, das heißt sie vermitteln bedeutende theologische Gedanken in Form einer Erzählung. Erzählungen sprechen uns unmittelbar an, bewegen uns innerlich und prägen sich leicht ein. Man erinnert sich gut an sie und damit auch an die in ihnen enthaltenen Glaubensaussagen. Der Heilige Geist ist unsichtbar und sein Wirken im Leben der Kirche und im Leben jedes Getauften ist nicht immer unmittelbar erfahrbar. Die beiden Erzählungen von der Übermittlung des Heiligen Geistes an die Jünger sagen uns etwas über die Bedeutung des Heiligen Geistes und über sein Wirken in der Kirche.

    Die bekannte Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte stellt die Macht des Heiligen Geistes heraus. Er kommt vom Himmel her, also von Gott, und wird mit einem Sturm verglichen und mit Feuerzungen, die sich auf jedem der Anwesenden niederlassen. Der Akzent der Erzählung liegt auf dem Sprachenwunder, das von Lukas als eine erste mächtige Wirkung des Heiligen Geistes dargestellt wird. Die Jünger verkünden die frohe Botschaft und jeder kann sie in seiner eigenen Sprache verstehen. Die Vertreter der einzelnen Völker werden aufgezählt. Es geht hier noch nicht um die Verkündigung an die Heiden. Zur Heidenmission kommt es nach der Apostelgeschichte erst nach und nach.

    Verkündigung des Evangeliums

    Zunächst geht die Verkündigung des neuen Glaubens an die Juden. Das Pfingstgeschehen spielt in Jerusalem. Hier leben in erster Linie Juden. Bei den Menschen aus den unterschiedlichen Völkern und Regionen handelt es sich also um Diasporajuden (Apostelgeschichte 2, 5: „Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“), die in die Heilige Stadt umgezogen sind. Sie „wohnen“ in Jerusalem, wie es ausdrücklich heißt, sie werden also nach dem Pfingstereignis nicht gleich in ihre Heimat zurückkehren und dort schon vorzeitig das Evangelium den Heiden verkünden. Für Lukas repräsentieren sie aber schon die Völker. Die spätere Heidenmission kündigt sich schon vorsichtig an. Immer wieder wird Lukas in der Apostelgeschichte zeigen, wie der Geist die Kirche von nun an leitet, wie er die Mission voranbringt - zuerst unter den Juden, dann unter den Heiden - und wie er die Apostel, Paulus und die anderen Verkünder des Glaubens lenkt, inspiriert und zu neuen Erkenntnissen führt.

    Das Anhauchen der Jünger in der Erzählung aus dem Johannesevangelium macht deutlich, dass mit der Auferstehung Jesu eine neue Phase in der Geschichte Jesu mit den Jüngern angebrochen ist. Jesus verlässt diese Welt und kehrt zum Vater heim. Er ist von jetzt an nicht mehr leiblich-sichtbar unter den Jüngern. Jesus hatte den Jüngern im Evangelium bereits den Heiligen Geist angekündigt. „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll“ (Johannes 14,16). Diese Ankündigung erfüllt sich nun. Als erste Wirkung des Geistes wird die Vollmacht der Jünger zur Vergebung der Sünden genannt (Johannes 20,23). Das Anhauchen der Jünger erinnert an Genesis 2, 7, wo Gott bei der Schöpfung dem Menschen Lebensatem einhaucht. Die Vollmacht zur Sündenvergebung bedeutet eine Neuschöpfung des Menschen.

    Kirchliche Tradition als Werk des Heiligen Geistes

    Jesus hatte noch mehr über den Geist gesagt. Der Geist wird die Jünger an „alles erinnern“ (Johannes 14, 26), was Jesus gesagt hat, und er wird sie „in der ganzen Wahrheit leiten“ (Johannes 16, 13). Wenn Jesus nun den Jüngern den Geist vermittelt, dann erfüllen sich diese Ankündigungen. Mag der Abschied der Jünger von Jesus schmerzlich sein. Jesus lässt sie nicht allein. Der Geist begleitet sie und führt die Lehre Jesu weiter, ja er führt die Jünger sogar noch tiefer in die Lehre Jesu hinein. Unter der Einwirkung des Geistes, des Beistandes, verstehen sie erst richtig, was Jesus ihnen gesagt hat. Es werden neue Herausforderungen und Fragen auf die Jünger zukommen. Der Geist wird die Jünger an die Worte Jesu erinnern und ihnen helfen, sie wirklich zu verstehen und in neuen Situationen aus ihnen die richtigen Entscheidungen abzuleiten.

    Der Geist bestimmt also die Traditionsbildung in der Kirche. Als katholische Christen glauben wir, dass sowohl die Heilige Schrift als auch die Tradition die entscheidenden Quellen der Erkenntnis für unseren Glauben sind. Nicht nur die Schrift ist vom Geist inspiriert, auch die Lehrtradition der Kirche, wie sie sich vor allem - wenn auch nicht nur - in den Beschlüssen der Konzilien vom Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, 1962-1965, manifestiert. Es wäre gegen die biblischen Aussagen über den Heiligen Geist, versuchte man unter Missachtung der kirchlichen Tradition auf das Neue Testament zurückzugreifen. Der Geist hat durchgehend - von Anfang an bis heute - in der Kirche gewirkt. Wenn man manche aktuellen Vorschläge zur Reform der Kirche liest, meint man, ihre Urheber seien der Meinung, der Geist habe sich im ersten Jahrhundert aus der Kirche verabschiedet und tauche erst heute in bestimmten kirchlichen Zirkeln wieder auf. Wenn wir ernst nehmen, was die Lesung aus der Apostelgeschichte und was das Johannesevangelium uns über den Heiligen Geist sagen, dann ist der Geist nicht dort, wo Menschen meinen, die Kirche neu erfinden zu müssen, möglicherweise noch unter Zuhilfenahme glaubensfremder Ideologien, sondern da, wo Menschen hören, was der Geist mitzuteilen hat und was er uns in Schrift und Tradition offenbart.

     

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