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    Die Sonntagslesung: Zeichen der Einzigkeit Gottes

    Apostelgeschichte 4,8–12; 1 Johannes 3,1–2; Johannes 10,11–18 Vor ein paar Jahren erlebte der Beruf des Hirten wieder einen gewissen Aufschwung, vor allem als Schafhirte für Aussteiger und Studienabbrecher; mittlerweile hat sich die Begeisterung wieder gelegt.

    Apostelgeschichte 4,8–12; 1 Johannes 3,1–2; Johannes 10,11–18

    Vor ein paar Jahren erlebte der Beruf des Hirten wieder einen gewissen Aufschwung, vor allem als Schafhirte für Aussteiger und Studienabbrecher; mittlerweile hat sich die Begeisterung wieder gelegt. Doch im großen und ganzen weiß kaum ein Mensch mehr etwas über diese Grundmetapher der Bibel. Dort, wo überhaupt noch so etwas wie eine Herde im Freien weidet, sind Hirte und Schäferhund längst durch einen Elektrozaun ersetzt. Der zweiräderige Schäferkarren, in dem der Hirte nachts bei seiner Herde übernachtete, ist eine kostbare Antiquität geworden. Selbst in den Kinderbüchern sind Hirten und Herden durch Tierärzte ersetzt. Den Wolf gibt es nur noch in Karikaturen, und dort, wo er wieder ausgewildert wird, ist sein Feind nicht der Hirte; wie Problembären ist der Wolf feindlos und eher ein Gegenstand allgemeiner Zuneigung oder quartalsweise auftretenden Mitleids. Kurzum: Die Welt, die Johannes 10 voraussetzt, existiert in unseren Breiten schon lange nicht mehr, und daher kann man auch kein Verständnis für gelegentlich restriktive Maßnahmen geistlicher Hirten erwarten. Denn Hirte zu sein ist vor allem ein unangenehmer Beruf: Der Hirtenstab ist dazu da, die zu hütenden Tiere an den Hammelbeinen zu packen und am Gehen zu hindern. Durch den Umgang mit Schafen stinken die Hirten in der Regel entsprechend. Schafsköttel zu beseitigen erfordert den „ganzen Mann“. Und Schafe sind nicht in erster Linie wollig und lieb, sondern tatsächlich störrisch und völlig unbelehrbare Herdentiere. Für ein zärtlich intimes Verhältnis zwischen Hirte und Schaf bleibt nirgends Zeit. Im Zeitalter der Luftüberwachung durch Polizeihubschrauber muss auch kein Hirte, selbst wenn der Fall einträte, seinem Schaf bis in den übernächsten Supermarkt folgen. Denn Schafe sind vor allem sehr ängstliche Tiere, und unsere Mit- und Umwelt steht den Eskapaden solcher raren Tiere bedrohlich gegenüber. Aus der Welt, die Johannes 10 schildert, stimmt fast nichts mehr. Das Kapitel ist eher ein Wunschtraum über das Verhältnis Mensch und Haustier beziehungsweise Stalltier. Vielleicht war das auch schon zur Zeit Jesu ein Wunschtraum. Dann aber wird es spannend: Nimmt Jesus hier eine mögliche Idylle als Vorlage, um das Reich Gottes zu schildern? Ist das, was Jesus hier schildert, eine Analogie zum Tierfrieden?

    Absolute Monarchie als vergleichbarer Punkt

    Bei jeder Metapher ist wie bei jedem Gleichnis die Frage nach dem Vergleichspunkt zu stellen (sog. tertium comparationis). Der vergleichbare Punkt zwischen der Rolle Jesu und der Rolle des Hirten besteht in der jeweils geltenden absoluten Monarchie. Vom Hirten, und zwar allein von ihm, ist alles abhängig (das Wissen um die Nahrung der Schafe, deren Schutz, die Einheit der Herde, die ihr wichtigster Schutz ist, die Vertrautheit mit dem Hirten).

    Rätselhaft ist 10,17f: Der Vater liebt mich, weil ich mein Leben meinen Schafen schenke. Ich werde es wiederbekommen. (18). Niemand hat es mir genommen, sondern ich verschenke es freiwillig. Ich habe die Freiheit, es zu verschenken und die Freiheit, es mir wieder zu nehmen. So erfülle ich den Auftrag meines Vaters. Der Auftrag ist mithin mit einer bestimmten Vollmacht verbunden, so dass er erfüllt werden kann. So stattet man einen Boten mit Vollmachten aus. Doch diese Vollmacht ist eigenartig: Jesus darf und soll sein Leben einsetzen, riskieren, darangeben. Er muss keine Rücksicht darauf nehmen. Sonst heißt es öfter bei Abgesandten „Achte auf dein Leben!“ Das muss Jesus nicht tun. Er kann da ganz unbesorgt sein. Sein Leben als ein von Gott anvertrautes muss er nicht hüten. Und auch umgekehrt darf er sich dann sein Leben wieder schenken lassen. Seit alters deutet man das auf die Auferstehung. Aber wieso soll das eine „Vollmacht“ sein, das Leben wieder in Empfang zu nehmen? Geschieht das nicht nur passiv wie gekreuzigt werden auch, also Leben zu geben? Ich gehe davon aus, dass die Spannung in den Worten dieses Satzes beabsichtigt ist und eine gewollte Umkehrung des von den Hörern/Lesern Erwarteten ist: Sie erwarten, dass die Sendung Jesu mit einer Vollmacht ausgestattet ist – das pflegt bei jeder Sendung so zu sein. Aber diese Vollmacht ist keine Macht zur Veränderung der Welt, sondern die Vollmacht besteht hier aus dem, was mit Jesus gemacht wird – so würden wir es sehen. Denn wir würden sagen: Jesus wird verraten und misshandelt und getötet. Jesus lässt das zum Aktiv werden: Er gibt sein Leben. Und wir würden sagen: Jesus wird auferweckt; Jesus lässt auch das zum Aktiv werden: Er kann sein Leben wieder annehmen.

    Warum wird aus dem Aktiv das Passiv, aus dem Verändern das Erdulden? Weil der in Wahrheit Handelnde Gott ist? Weil Jesus nur als Figur in Gottes Spiel geschoben wird. Weil alles, was er kann und tut, Geben und Nehmen ist. In grandioser Schlichtheit hat hier Jesus beziehungsweise der Evangelist das Lebensende Jesu und damit die Spitze seiner Sendung erfasst. Und wir vergessen dabei auch nicht, dass „Vollmacht“ auch in den synoptischen Evangelien das entscheidende Stichwort zur Erfassung Jesu ist (vergleiche Markus 1). Diese Zuordnung von Geben und Nehmen ist aber nicht nur heute, sondern auch im 1. Jahrhundert jedem Bibelleser geläufig. „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt“ sagt auch Hiob. Auch für ihn ist das Summe seines Lebens. Und wenn man es so liest, in der genauen Abfolge von Geben und Nehmen, dann gilt das laut Johannes 10,17f auch von dem Herrn, der hier Jesus Christus ist. Fazit: In der Abfolge von Geben und Nehmen, bezogen auf den gesamten Inhalt des Lebens, offenbart sich Gott bei Hiob wie bei Johannes.

    Jesus spitzt das Bild des Hirten weiter zu

    Jesus aber strapaziert die Denkgewohnheiten und wahrscheinlichen Assoziationen seiner Hörer nicht nur bei der Vollmacht, sondern auch beim Bild des Hirten. Denn ein Hirt, der halbwegs bei Sinnen ist, lässt sich nicht für seine Schafe töten. Auch wenn 10,17 lediglich bedeuten sollte, dass der Hirte sein ganzes Leben für seine Schafe einsetzt, es ihnen widmet und schenkt, so ist das doch als Bild irritierend, denn ist nicht ein Menschenleben unvergleichlich viel mehr wert als das Leben von Schafen? Wenn ein Hirt so maßlos liebt – ist er da nicht ein wenig verrückt? Hat er da nicht alle Wertmaßstäbe verloren? Das ärgerliche Bild weist uns darauf, dass – wie St. Bernhard sagt – Gottes Liebe ohne Maß ist. Bei der Liebe Gottes zu uns (und auch bei der Antwort der Menschen auf diese Liebe) ist das Maß die Maßlosigkeit. Aber welche wirkliche Liebe wäre anders?

    Durch den einen gemeinsamen Hirten können auch die Tiere der Herde ihre Einheit finden. Jede Aufspaltung der Herde ist ein Vergehen gegen den gemeinsamen Hirten. Wie oft waren die Gründe zur Spaltung der Herde höchst weltlich und ausgesprochen ungeistlich. Wie viele Chancen wurden versäumt, wieder zu einer Einheit zu gelangen, obwohl sie greifbar vor Augen stand? Wie teuer kam der Einheit der Ehrgeiz von Theologen zu stehen? Gewiss hatte es das Christentum von Anfang an schwer, zu einer Einheit zu gelangen. Denn das Judentum ist ein Volk, und Beschneidung ist ein eindeutiges Zeichen der Einheit (wie auch die Torah). Der Islam kann sich auf Mohammed und den einen Koran berufen. Nur im Christentum besteht schon das Neue Testament aus 27 Schriften, und dahinter verbergen sich rund 14 verschiedene Theologien. Und schon Johannes 10,16 erwähnt andere Christen außerhalb des johanneischen „Gemeindeverbandes“, und schon hier ist „eine Herde und ein Hirte“ ein Wunschtraum Jesu. Und nach Jesu Gebet in Johannes 17 hängt die Glaubwürdigkeit Jesu an der Einheit der Christen untereinander. Das zu denken und zu glauben ist notwendig, denn der Gott Jesu Christi ist der eine und einzige Gott Abrahams. Die Christen stellen mit ihrer Einheit diese Einzigkeit Gottes dar. Die Erfahrung lehrt: Wenn Christen das nicht tun, bringen sie alle diejenigen, die gerne glauben möchten, schier zur Verzweiflung.