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    Die Sonntagslesung: Geduld vom Gekreuzigten lernen

    Jes 8, 23b–9, 3; 1 Kor 1, 10–13.17; Mt 4, 12–23 Im ersten Kapitel des ersten Korintherbriefs spricht Paulus über Einheit, und zwar aus gegebenem Anlass: Die Christen in Korinth sind zerstritten und nicht einig.

    Jes 8, 23b–9, 3; 1 Kor 1, 10–13.17; Mt 4, 12–23

    Im ersten Kapitel des ersten Korintherbriefs spricht Paulus über Einheit, und zwar aus gegebenem Anlass: Die Christen in Korinth sind zerstritten und nicht einig. Sie finden keinen Frieden und machen das an verschiedenen „Parteiführern“ fest. Einigkeit würde Frieden bedeuten, Verzicht auf Rivalität und Konkurrenz, Einigsein bestünde darin, im Notwendigen Konsens zu haben, für das Abweichende ein gewisses Maß an Freiheit zu gewähren, vor allem aber von der Feindseligkeit abzulassen, die wohl darin bestand, dem anderen das Christsein abzusprechen. So, als hätten die Anhänger des Petrus gesagt, dass die durch Paulus Getauften keine Christen seien, die Schüler des Apollos das Einhalten des Sabbat von allen gefordert hätten, die Paulus-Fraktion aber genau das bestritten hätte. Kurzum, es wäre „typisch christlich“ gewesen, beinahe mehr Fraktionen als Christen. Doch dieser Zustand ist für Paulus untragbar. Uneinssein von Christen ist für ihn wie Verrat Gottes. Und ich finde, dass Paulus recht hat. Denn Glaubensspaltung ist Gottesverrat. Die ureigenste Intention des Christentums ist Liebe, Friede und Eintracht unter Menschen.

    Nun sind wir dergleichen Feststellungen bis zum Überdruss gewohnt. Und wir denken, dass Friede unter Menschen so zustande kommt, wie wir es aus zahllosen Sonntagsreden, päpstlichen Friedensappellen und Neujahrsansprachen jedes kleinen und jedes großen Präsidenten kennen: Frieden soll durch Kompromisse entstehen, alle müssen irgendwo ein wenig nachgeben und abgeben. So kennen wir das aus der Bundespolitik seit Jahren. Wo einer nicht zu Kompromissen greifen mag, gilt er alsbald als bockig, engstirnig oder stur. Er hat dann eben noch nicht verstanden, was Politik ist. So können theoretisch die unmöglichsten Koalitionen entstehen. Nun schlägt Paulus den Korinthern keine Koalitionen vor, sondern etwas sehr Merkwürdiges. Wer soll das denn verstehen, wenn die Devise hier heißt: Frieden durch das Kreuz!

    „Paulus spricht

    hier nicht

    von Blut

    und Versöhnung“

    Meint Paulus, dass Frieden erst sein wird, wenn alle Christen unter dem Kreuz begraben liegen? So wie man am Friedhof der Deutschen in Rom die Überschrift, das Motto, liest: Teutones in pace (Deutsche in Frieden), und wenn man das so deutet: Nur tote Deutsche sind friedliche Deutsche. Meint Paulus hier: Wartet nur, bis ihr alle tot seid, dann seid ihr vereint unter dem Kreuz. Das Kreuz wird hier zum Zeichen des Todes. Das wäre aber aufs Ganze gesehen zu wenig. Das Kreuz steht nie isoliert für den Tod.

    Oder meint Paulus, dass durch das Kreuz, also durch das am Kreuz vergossene Blut, die Christen versöhnt und vereinigt werden? Aber Paulus spricht hier nicht von Blut und Versöhnung, vor allem nicht von einer Versöhnung durch Blut. Und um Sündentilgung durch Kreuz und Sühne geht es hier auch nicht. Oder meint Paulus: Das Kreuz ist doch unser gemeinsames Symbol. Trefft euch darin, dann gibt es keine Spaltung mehr? Doch das Zeichen des Kreuzes steht noch nicht allgemein für Christliches oder wie das Rote Kreuz für Nächstenliebe, sondern hat ein bestimmtes Profil, das dem alltäglichen Gebrauch des Instruments des Kreuzes noch sehr nahe steht.

    Kreuzigung war die Todesstrafe für Sklaven und Ausländer. Die Todesstrafen waren dem Prestige oder Ansehen des Opfers entsprechend sortiert: Enthauptung war für römische Bürger reserviert, dann kamen weitere Verstümmelungen und das Rad. Die schäbigste Art der Hinrichtung war die Kreuzigung, denn der Gekreuzigte hing viele Stunden am Kreuzesbaum wie aufgehängt. Er war nackt, und diverse Spötter, Insekten, Hunde und Geier hatten freien Zutritt. Aufgrund der langen Quälerei (der Gekreuzigte stirbt einen Nerventod wegen der Arm-Aufhängung) lockte jede Kreuzigung viele Zuschauer an. So ist Kreuzigung die entehrendste Todesart (wie später das verwandte Aufhängen). Die Gründe dafür sind nicht in erster Linie medizinischer Art (oft verlor der Gekreuzigte schon bald das Bewusstsein), sondern liegen in der Art der Präsentation. Man kann das daran sehen, dass bei jeder Schilderung der Kreuzigung Jesu der hämische Spott der Umstehenden berichtet wird (Lk 23, 30; Mk 15, 36; Mt 27, 49; Lk 23, 36; Mk 15, 27–32a; Lk 23, 35–38; Mt 27, 38–43; auch die Kreuzesinschrift wird als Verspottung zu verstehen sein). Der Spott gegenüber dem Gekreuzigten bezieht sich oft auch auf sein Gottesverhältnis.

    Aber was hat das mit dem Frieden und der Eintracht in der Gemeinde von Korinth zu tun? Die Verbindung läuft für Paulus mutmaßlich so: Schon Jesus selbst redet von der Nachfolge des zu Kreuzigenden (Mk 8, 34; Mt 10, 38; 16, 24; Lk 9, 23; 14, 27). Denn sein Kreuz auf sich nehmen heißt: sich dem Spott und Gerede der Mitmenschen aussetzen, weil Christsein eher verdächtig ist, als mit geschäftlichem oder medizinischem Erfolg verbunden zu sein. Nur wer auf bürgerliche Ehrungen von vornherein zu verzichten bereit ist, wer auf guten Ruf keinen Wert legt und am Ende sogar für einen ohnmächtigen und schlappen Gott votiert, der ist bereit, das Kreuz der Schande zu tragen. Im Grunde geht es dabei um eine Variante der Theodizeefrage. Denn für jeden, der als potenzieller Kreuzträger in die christliche Religion eintritt, stellt sich die sehr ernsthafte Frage: Welchen Nutzen hat ein Mensch von einer Religion, die nur zu Spott und Verachtung führt. Und in der Tat ist eine der ältesten Karikaturen, die es über Christen gibt, die Darstellung eines gekreuzigten Esels. Esel deshalb, weil der hebräische Gottesname i-a-o-h (JHWH) dem Schrei des Esels sehr ähnlich ist. Und gekreuzigter Esel, weil durch das Kreuz die Schande verdoppelt wird, deren erste Rate darin bestand, einen Esel als Gott anzubeten.

    „Die Sucht

    nach Ansehen

    ist der tiefste Defekt

    des Menschen“

    Christentum ist also der Weg in den Keller des bürgerlichen Ansehens. Und mit Theodizee hat das deshalb zu tun, weil dieser Gott sich kreuzigen lässt und nichts dagegen unternimmt und sich nicht helfen kann. Der Abschluss des Christentums ist aus dieser Hinsicht die Beerdigung Jesu. Und bis heute ist die Theodizeefrage der häufigste Anlass für Christen, ihre Religion aufzugeben und Bücher zu schreiben wie „Warum ich kein Christ mehr bin“. Die Antwort des Apostels Paulus ist hier sehr radikal. Er sagt: Durch Gottes fortgesetztes Schweigen wird zwar das Thema „Gerechtigkeit in der Welt“ hinausgezögert und die Beantwortung verschoben, aber bis dahin hilft Gottes Schweigen wenigstens den Christen, Frieden zu bewahren. Denn der Kern jedes Unfriedens, die Wurzel jeder Uneinigkeit ist das unstillbare Verlangen jedes Einzelnen, immer mehr Prestige zu gewinnen. Gewiss ist das menschlich und grundlegend – in der allgemeinen und unhinterfragten Verbreitung dieses Grundsatzes sehe ich aber die wichtigste Folge der Erbsünde. Nicht die böse Lust – etwa im Sinne der Sexualität – schafft das Unheil, sondern der Ehrgeiz, die Sucht nach Ansehen ist der tiefste Defekt des Menschen, der eindeutig mit der Situation gegeben ist, in die jeder hineingeboren wird.

    Genau diesen Defekt betrifft die Rede von der Nachfolge des Gekreuzigten ganz direkt und zentral. Deshalb kann ich es Paulus leicht und gerne abnehmen, wenn er sagt: Orientiert euch am Gekreuzigten. Von ihm lernt ihr auch die nötige Geduld. Und natürlich ist die Theodizee nicht einfach aufgeschoben. Paulus betont deshalb die Taufe so heftig, weil jeder Christ darin schon Anteil hat am Leben des Auferstandenen. Christentum bedeutet also nicht Vertröstung, sondern vom Anfang des Christentums in der Taufe her ist klar: Dies ist die Kraft der Zukunft. Wer sich zum Beispiel auf die mit der Taufe gegebenen Charismen einlässt, hat die Kräfte des kommenden Äons geschmeckt.