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    Die Sonntagslesung: Die neue Schöpfung als Ziel

    Apostelgeschichte 2,1–11; 1 Korinther 12,3b–7.12–13; Johannes 20,19–23 „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein, besuch das Herz der Kinder dein“, so beginnt ein kräftiges Pfingstlied aus der Hand des großen deutschen Mainzer Bischofs Rhabanus Maurus.

    Apostelgeschichte 2,1–11; 1 Korinther 12,3b–7.12–13; Johannes 20,19–23

    „Komm, Schöpfer Geist, kehr bei uns ein, besuch das Herz der Kinder dein“, so beginnt ein kräftiges Pfingstlied aus der Hand des großen deutschen Mainzer Bischofs Rhabanus Maurus. In der Tat, zu Pfingsten geht es nicht nur um Schöpfung, sondern auch um Neuschöpfung.

    Wenn Jesus nach Johannes 20 die Jünger anhaucht und dazu sagt: „Empfangt den heiligen Geist“, dann erinnert sich der Bibelleser an Genesis 2,7 , wo es über Gott und Adam heißt: „Gott blies in seine Nase den Odem des Lebens; so ward der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Geht es in Johannes 20 vielleicht um eine Neuschöpfung, aber was hat sie mit Sündenvergebung zu tun? In Johannes 3,5 spricht Jesus davon, dass ein Christ in der Taufe „von oben her“ (neu) geboren wird, und zwar durch Wasser und Geist. Meiner Auffassung nach geht es im dritten Kapitel des Johannesevangeliums um dasselbe wie in Johannes 20, und zwar um die neue Schöpfung durch den Heiligen Geist. Für diese These gibt es folgende Gründe: Johannes 20,22 entspricht Genesis 2,7. In Johannes 3,3–5 geht es gleichfalls um den heiligen Geist. Zudem ist „von oben geboren werden“, wie Nikodemus richtig versteht, ein völliges Neuwerden. Den heiligen Geist empfangen bedeutet gewaschen werden oder Sünden vergeben bekommen (Johannes 15,3 mit Johannes 6,63: rein durch die Worte Jesu, die heiliger Geist sind). Daher gilt im Sinne des vierten Evangeliums: Der heilige Geist, den die Jünger von Jesus empfangen, ist dasselbe wie neu und rein werden durch das Schöpfungswort Jesu.

    Genau dieses ist die Vollmacht zur Sündenvergebung, die die Jünger von Jesus erhalten und die Teil jeder Priesterweihe ist. Begriff und Sache der „neuen Schöpfung“ kennt auch der Apostel Paulus, auch bei ihm ist diese durch den heiligen Geist begründet (vgl. Galater 6,15); in Galater 6 ist es die Folge dieser neuen Schöpfung, dass die trennenden Differenzen zwischen Menschen verschwinden, was in Galater 3,14.26; cf. 4,6 auf den heiligen Geist zurückgeführt wird. Das heißt: Ein wichtiges Stück paulinisch-johanneischer Theologie ist, dass Christen durch den Geist Jesu Christi neue Schöpfung sind. Biblisch reicht der Begriff von Jesaja bis zur Apokalypse des Johannes („Siehe, ich mache alles neu!“). Vorausgesetzt ist nicht, dass die bestehende Schöpfung bis auf den letzten Rest vernichtet ist und in allen Einzelheiten neu gebaut werden muss. Wenn man zum Beispiel sagt, ein Proselyt, der mit der Torah in Berührung gekommen sei, müsse deshalb als neue Schöpfung bezeichnet werden, dann meint das grundsätzliche und tiefgreifende Neu-Orientierung und Werte-Verschiebung.

    Nicht alle trennenden Unterschiede entfallen

    Aber wieweit geht die Neuschöpfung durch den heiligen Geist? Es werden ja nicht sofort alle Christen unsterblich! Aber was bedeutet es, wenn Neuschöpfung darin besteht, dass alle trennenden Unterschiede entfallen, zum Beispiel zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien oder zwischen Frauen und Männern?

    Sind dann alle gleich, gibt es keinen Unterschied mehr? Seit Anfang geht der Streit darum, ob die Christen nur vor Gott „im Himmel“ alle gleich sind, etwa weil alle gleichen Zugang zu den Sakramenten haben? Aber noch nicht einmal Letzteres ist unbestritten, wie die hitzige Diskussion um die Frauenordination zeigt. Und ist etwa der Unterschied zwischen Armen und Reichen aufgehoben, der oft genug trennend ist? Selbst für die Aufhebung der Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen, oder derer zwischen Sklaven und Freien brauchte das Christentum fast zwei Jahrtausende. Und es ist ja auch klar, dass Frauen immer Frauen bleiben werden und sollen, weil die natürliche Konstitution nicht aufzuheben ist. Aber wie weit reicht das? Wo genau gilt der Grundsatz: „Gnade zerstört nicht die Natur (hebt sie nicht aus den Angeln), sondern vollendet sie“? Und wieweit gilt die „Natur“, wenn es eine natürliche Eignung oder Nicht-Eignung der Frauen zum Predigen oder Eucharistiefeiern gibt?

    Und Juden bleiben, wie der Fall der messianischen Juden zeigt, im besten Falle auch als Christen Juden, indem sie ihr Judentum nicht vergessen. Die Sache mit der Aufhebung der trennenden Unterschiede ist daher, recht besehen, kompliziert und nicht übers Knie zu brechen. Radikale Gleichheit in Bezug auf Reich und Arm ist immer wieder versucht worden, aber nur in kleineren Gemeinschaften gelungen. Allerdings gibt es Fälle von Not und von Zweifel, in denen auf trennenden Unterschieden zu beharren dumm, ungerecht und lieblos ist. Für solche Fälle steht den Christen immer eine Türe offen und sind sie nicht gezwungen, Aufhebung der Unterschiede zu blockieren.

    Gerade bei der Verwirklichung des Gleichheitsideals bringt Prinzipientreue Streit und Unruhe hervor, besonders wenn es um sensible Gemeinschaftsveranstaltungen geht. Oder sind Streit und Unruhe hier für eine Zeit lang notwendig, um das Ziel zu erreichen? Aber es gilt auch: Die paulinischen Regeln ([1.] Im Zweifelsfall soll alles so bleiben, [2.] Hauptsache, Ärgernis sich streitender Christen zu vermeiden) wurden oft genug von Grundsatzlosen und nicht Regeltreuen missbraucht.

    Radikale Versuche gelingen nur kleinen Gemeinschaften

    Die Auslegungsgeschichte zeigt: Es gibt stets radikale Versuche, und in kleineren Gemeinschaften gelingen sie auch. Und es gibt die Neigung, um des lieben Friedens willen allerlei Unrecht bestehen zu lassen. In der Frage der Aufhebung der trennenden Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden hatte das frühe Christentum die härtesten Kämpfe zu durchstehen. Noch in Römer 14 mahnt Paulus dazu, Judenchristen zu tolerieren, die auf der Ausgrenzung von Heidenchristen bestehen, denn das bedeutete ja die Bewahrung jüdischer Reinheitsregeln in der Konsequenz. Es ist auch einfach damit zu rechnen, dass die römischen Heidenchristen von der tieferen Symbolik und den tieferen Gründen, die die Judenchristen für ihr Verhalten hätten nennen können, keine Ahnung hatten. In solchen Fällen geht es bei der „rituell verstockten“ Position in der Regel nicht um Aberglauben und Dinge „von vor der Aufklärung“.

    Damit ist die Gewaltfreiheit als unter allen Umständen zu beschreitender Weg eingeschärft. Man sollte auch fragen, ob in jedem Falle die größtmögliche Aufhebung der Unterschiede ein „Ideal“ ist. Wenn das bejaht werden kann, sollte man wie bei der Bergpredigt vorgehen: Immer wieder prüfen, ob man das Möglichste versucht hat. Wenn es aber verneint werden muss, dann sollte auch gelten, dass es im Christentum nicht um Ideale geht, sondern um das Ausleben des bereits geschenkten Seins. Konkret besagt das: Werde, was du bist. Neue Schöpfung realisieren bedeutet nicht, einigen Idealen endlos hinterherlaufen, sondern die reifen Früchte, deren Abernten überfällig ist, sich in den Schoß fallen lassen. So entfallen am ehesten Frustration, Krampf und Streit. – Weil es in der Frage der Gerechtigkeit in der Welt kein „genug!“ gibt, führt uns diese Frage von selbst auf Gott; „plus ultra“ lässt unser Herz sich auf ihn einstellen.

    Das heißt. 1. Neue Schöpfung ist eine Zielangabe für Prozesse, die nicht mit Gebraus, sondern in der Regel mit unendlicher Geduld und Zuschauen beim Wachsen sich vollziehen. Paulus beschreibt diesen Tag um Tag sich vollziehenden Werdegang in 2 Korinther 4. 2. Neue Schöpfung ist ein ehrgeiziges Ziel Gottes, das sein muss, weil jetzt und sonst so viel Ungerechtigkeit herrscht. Dass auch der hl. Rhabanus Maurus nicht mit einer lauten Revolution rechnet, besagt seine fast zärtliche Bitte „accende lumen sensibus“ (unseren Sinnen stecke ein Licht auf“). 3. Die Rede von der „Neuen Schöpfung“ dient nicht der Apologetik oder der Verteidigung Gottes, weil man erklären will, „dass da noch mehr drin ist“ und so das Blaue vom Himmel verspricht. Das Entscheidende ist schon geschehen, und in dieser Blickrichtung treffen wir mit Sicherheit auf Maria, die Muttergottes.