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    Die Sonntagslesung: Die Kirche wieder lieben lernen

    1 Samuel 16, 1b.6–7.10–13b; Epheser 5, 8–14; Johannes 9, 1–41 Die Pointe, die Jesus der Heilung und der Reaktion seiner Gegner gibt, lautet: Die Blinden soll ich sehend machen, und die, die sehen, sollen blind werden.

    1 Samuel 16, 1b.6–7.10–13b; Epheser 5, 8–14; Johannes 9, 1–41

    Die Pointe, die Jesus der Heilung und der Reaktion seiner Gegner gibt, lautet: Die Blinden soll ich sehend machen, und die, die sehen, sollen blind werden.“ In Johannes 9,38 hatte der sehend gewordene Blinde bekannt: Herr, ich glaube.

    Ich gehörte zur Generation junger Theologen, die sagen, ihnen fehle nichts, nur die anderen seien im Mittelalter befangen. Meine eigenen Positionen von vor 50 Jahren habe ich nun wiedererkennen können in den von etwa 300 Professoren eingebrachten Thesen zur Kirchenreform. Seit rund 200 Jahren meinen die sogenannten Aufgeklärten, sie seien die wahrhaft Fortschrittlichen. Ihr Lieblingsstichwort ist „Freiheit“. Die dank Bildung von der Blindheit der Vorurteile Geheilten fühlen sich als die intellektuelle Spitze der Kirche. Dank ihres öffentlichen Ansehens wächst ihnen große Macht zu. Sind die durch die Aufklärung geheilten Blinden die wahrhaft Sehenden geworden?

    Der Anfang aller Veränderung ist das Licht, die Klarheit des Erkennens, die Aufklärung. Was ist Aufklärung? Der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Fast ein Jahr lang hatte uns diese Maxime Kants auf dem Gymnasium beschäftigt. Der geheilte Blinde aus Johannes 9 ist in diesem Sinne die Entsprechung zum Licht der Osterkerze in der Liturgie der Osternacht.

    Die Jahre meines Studiums ab 1960 waren von der Begeisterung für das Licht der Aufklärung geprägt. Am Anfang stand auch der Gedanke: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. (Dass die Wahrheit nur Jesus Christus in Person ist, haben wir übersehen). Am Ende steht nach einem halben Jahrhundert ein säkularisiertes Christentum. Das Licht der Forschung war bis in die letzten Winkel der Geschichte des (Ur-)Christentums gedrungen. Es stellte sich heraus: Das Resultat dieser 50 Jahre war eine Erleuchtung minus Lichtgestalt Jesus Christus. Denn wie kann ein Mensch sagen: Ich bin das Licht der Welt? Das war zu viel, und das ist das Problem einer säkularisierten Christenheit: Wie kann sich Sachwahrheit zur Personwahrheit verhalten? Was kann die totale Durchsicht und Einsicht noch mit dem Glauben älterer Prägung zu tun haben? Die Antwort fand ich zunächst und für lange Zeit in dem Stichwort „Radikalität“. Dieser Weg bedeutete stets eine große Befreiung, aber immer dringlicher stellten die Studierenden die Frage: Radikalität für was? Alles zu geben für den einen Weg des Lichtes, Dummheit und Unverständnis aufzuhellen, niemanden mehr hinters Licht geführt sein zu lassen. Vor nichts halt zu machen, mit keiner Antwort zufrieden sein.

    Ein Memorandum ohne den Appell zur Anbetung

    Das publizierte Memorandum 2011 der Theologieprofessoren war deshalb so unergiebig, weil es ohne den für das Christentum wesentlichen Appell zur Anbetung auszukommen meint. Ich hatte schon 1968 als frisch gebackener Doktor der Theologie in meiner Heimatstadt einen Vortrag über das Christentum gehalten. Mein alter Lehrer, bei dem wir Kant behandelten, hatte mich eingeladen und war dabei. Kritisch fragte er, der Protestant, damals nach der Anbetung. Alles Weitere überließ er dem Werden. Die Probleme der Professoren sind heute noch dieselben wie damals. Gereift und geworden ist in den letzten 50 Jahren nichts. Der aufgeklärte, mit dem kritischen Licht der Vernunft ausgestattete Katholik hat große Probleme damit, seine Kirche zu lieben und sollte voll Neid auf die Menschen blicken, die ihren Sport-Verein lieben und für ihn Tränen vergießen, wenn er verliert oder gar gewinnt.

    Aus dem Evangelium nach Johannes höre ich so eindeutig wie sonst nicht im Neuen Testament die Stimme Jesu. Denn der johanneische Jesus sagt mir: Die Liebe ist kein Schlappwort, so wie man andernorts vom Schlappschwanz redet. Sie wird entweder verpasst und dann war es schade um viele Jahre kostbaren Lebens, oder sie entdeckt einen und öffnet das Herz. Mir ist es jedenfalls so ergangen, dass ich aus den Liebesbriefen an meine Frau und von ihr Wesentliches über das gelernt habe, was Glaube nach Johannes ist. Dieser Glaube, als Liebe verstanden, öffnet die Augen für das, was man zwangsläufig übersieht, wenn man jede Äußerung der Kirche nur unter der Frage betrachtet, ob sie wohl fortschrittlich und reformfreudig genug sei. Denn der oft wütende Eifer gerade bei Menschen, die zu viel wissen, als dass sie den Mund halten könnten und doch zu wenig wissen, als dass sie wirklich sehen könnten, ist typisch für erkaltete Katholiken. Nirgends wird die Kirche so kritisch gesehen wie dort. Aber Liebe macht sehend, und Liebe kommt aus der Entdeckung von kleinem Zierrat und höchst charmanten Lebensregungen, die oft eine bezwingende Lebenskraft verraten. Denn wie oft ist Kirche an den letzten Stationen des Lebens dann noch oder wieder präsent. Nicht nur wenn Menschen nach Katastrophen Hilfe brauchen wie bei dem Heer der Seelsorger nach der Bahnkatastrophe von Eschede. Gefragt ist in solchen Fällen nicht zuerst der analytische Verstand, sondern das Zuhören können, mit dem anderen schweigen können, das Dunkel und die Trostlosigkeit teilen. Doch wir alle, die deutschen Theologieprofessoren waren blinde Blindenführer. Die mangelhafte Theologie unseres Lehrens zeigte sich nicht in Defekten des Wissens, auch nicht darin, dass wir nicht vor und nach jeder Vorlesung ein Ave Maria beteten. Wir haben einfach nicht die Konsequenzen für die Menschen gezogen, aus Mangel an seelsorgerlicher Erfahrung.

    Menschen haben Probleme der Professoren übernommen

    Wir haben die Studenten mit unseren Problemen belämmert und damit sozusagen blind gemacht. Wir waren unreif auch dann, wenn wir geforderte Frömmigkeit verwechselt haben mit dem Schmalz aus überalterten Vorräten. Aber damit sind keine Wunden zu heilen. In jüngster Zeit haben sich die Fälle enorm gehäuft, in denen Menschen zu uns kommen, weil sie von uns die Probleme mit der Kirche übernommen haben. Und nun erzählen sie uns aus Solidarität und weil sie meinen, auch wir litten, ihre Leiden. Das ist ganz rührend, weil uns dadurch die Menschen zum Sprechen bringen wollen: Sagt uns, dass ihr doch vielleicht an demselben leidet wie auch wir. Denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Dabei hätten wir nicht die Menschen mit unseren Problemen überhäufen sollen. Denn so bekamen viele massive Zweifel. Oft habe ich an das Wort Jesu gedacht, es sei das schwerste Verbrechen, wenn einer den anderen aus der Kirche vertreibt, indem er seinen Glauben durchlöchert. Ein priesterlicher Freund schrieb mir neulich wenige Wochen vor seinem Tod: In dem, was du schreibst, erkenne ich auch meinen eigenen alten, geliebten Glauben wieder, und das tröstet mich.

    Es kann sein, dass ein Theologe in manchen Fragen anders denkt als früher. Aber er sollte vielleicht dann, wenn er redet oder schreibt, aus seinem Glauben das publizieren, was Anschlussstellen besitzt und was Anschließbarkeiten für die anderen zeigt. Denn wer Ärgernis bietet, weckt systematisch Zweifel (weniger durch seine Ansichten als vielmehr durch sein Tun). Das macht den Glauben derer löchrig, deren Glauben er von Berufs wegen stärken und aufbauen sollte. Wir sollen nicht den Glauben anderer, der uns nicht gehört, zu Schweizer Käse machen. Reden wir über das an unserem Glauben und unserer Kirche, das wir lieben. Reden wir davon, wo sich unsere Begeisterung erhalten hat.

    Die Menschen waren durstig, aber wir haben sie nur mit theologischen Problemen konfrontiert, von denen man nicht leben kann. Die Menschen waren durstig, aber wir haben ihnen nicht von dem erzählt, was wir lieben. Wir haben sie mit Zweifeln belästigt und unsere Macht darin ausgenutzt, dass wir nichts mehr weitergegeben haben. Die Menschen hätten es dringend gebraucht. Die Menschen waren angewiesen auf unser Vorbild. Aber wir haben ihnen durch unser Leben vorgemacht, wie man Glauben und Hoffnung verlieren kann. Die Menschen sehnten sich nach einem einfachen und verständlichen Christentum. Aber heute geht, wer das bei Christen vergeblich suchte, zu den Moslems. Das Geheimnis, auf das alle Aufklärung zielt, kann nur die Liebe, ganz konkret, sein. Gott schenke uns ein großes Herz, denn das braucht man, um Kirche lieben zu können.