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    Würzburg

    Christliche Beweggründe: Die Liebe schützt vor einem Leben in Angst

    Die Sonntagslesung vom 29. September

    Die Geschichte des Kommunismus lehrt: Wo Religion unterdrückt und die Kirche verfolgt wird, leidet auch die Gesellschaft.
    Die Geschichte des Kommunismus lehrt: Wo Religion unterdrückt und die Kirche verfolgt wird, leidet auch die Gesellschaft... Foto: (kyodo)

    Von Karl Marx stammt der berühmte Satz, die Religion sei das Opium des Volkes. Damit hat Marx gemeint: Die Religion betäubt die Menschen, denn sie vertröstet auf das Jenseits, den Himmel. Aber dadurch verhindert – immer nach Marx – die Religion, dass man an den realen, manchmal sehr schlechten Zuständen der Welt etwas ändert. Und weil Karl Marx so gedacht hat, hat er die Religion, die Kirche bekämpft. Denn er wollte ja die damals ungerechten sozialen Zustände verbessern. Alle marxistischen Regimes haben deshalb später Religionen unterdrückt. Die Kirche wurde im ehemaligen Ostblock verfolgt. In China und Nordkorea wird sie noch heute an der freien Entfaltung gehindert.

    Amos 6,1a.4-7
    1 Timotheus 6,11-16
    Lukas 16,19-31
    Die Lesungen des 26. Sonntags im Jahreskreis

    Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten haben wir gesehen, dass Marx Unrecht hatte. In der Sowjetunion ist kein Paradies entstanden. Das Desaster Russlands in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht ist wohl bis heute nicht aufgeräumt. Die Geschichte lehrt also gerade das Gegenteil von dem, was Karl Marx meinte voraussagen zu können. Die Lehre aus der Geschichte ist, dass dort, wo Religion unterdrückt und die Kirche verfolgt wird, auch die Gesellschaft leidet. Wenn der Glaube an Gott schwindet, wird die Gesellschaft nicht menschlicher, sondern unmenschlicher. Die Religion ist nicht das Opium des Volkes. Sie verhindert nicht eine bessere und menschenwürdigere Welt, im Gegenteil: Glaube hilft, dass es eine bessere, menschenwürdigere Welt gibt.

    Warum ist das so? Es ist so, weil wir, wenn wir an Gott glauben, uns von Gott in Verantwortung genommen wissen. Es ist ein großer Unterschied, ob ich glaube, für meine Taten einmal von Gott beurteilt zu werden, oder ob ich glaube, dass mit meinem Tod alles vorbei ist. Wenn nur dieses Leben Bedeutung hat, wenn es danach nichts mehr gibt, dann werde ich mich im Konfliktfall anders verhalten, als wenn ich weiß, dass ich Gott einmal über mein Tun und Lassen Rechenschaft ablegen muss. Wenn mein Nächster, der leidet und meine Hilfe bräuchte, nur eine Ansammlung von Atomen ist, die wieder zerfällt, dann spielt es eigentlich keine Rolle, ob ich ihm helfe oder nicht, ob er leidet oder nicht. Wenn ich aber weiß, dass ich selbst und mein Nächster von Gott für ein ewiges Leben geschaffen sind, dann kommt es darauf an, ob ich meinem Nächsten helfe und Gutes tue.

    Unser Handeln hat Folgen für die Ewigkeit

    Was für den Kommunismus galt, das gilt auch für unsere satten und reichen Gesellschaften in Europa. Auch bei uns ist das Bild Gottes verblasst. Der Glaube ist leider bei vielen verdunstet. Wenn es dann auch bei uns nur noch das diesseitige Leben gibt, dann muss man auch bei uns alles von diesem Leben erwarten. Dann steht der andere Mensch im Weg, weil er unser Wohlbefinden schmälert. Und wenn alle als Einzelne nur noch für sich schauen, dann geschieht auf der Ebene der Gesellschaft das Gleiche: Sie wird unsolidarischer, egoistischer. Sie beginnt, die Schwächsten, die das Wohlbefinden stören, auszugrenzen, die Ungeborenen, die Alten, die unheilbar Kranken, etcetera. Im heutigen Evangelium ist, wenn auch mit anderen Worten, genau davon die Rede. Der reiche Mann lässt den armen Lazarus hungern und vor sich hinsiechen, bis er schließlich stirbt (Lukas 16, 19–22). Aber im Himmel erfüllt sich der Wunsch des Lazarus. Er wird gerettet. Dafür wird der reiche Egoist für sein schlimmes Verhalten bestraft. Die erste Lesung aus dem Buch Amos enthält die gleiche Botschaft (Amos 6, 7).

    Diese beiden Abschnitte aus der Heiligen Schrift sind nicht gerade bequem. Sie sagen uns nämlich: Wenn du auf dieser Welt ein Egoist bist, dann musst du dafür einmal büßen in der Ewigkeit. Und die Botschaft ist klar: Du darfst kein Egoist sein auf dieser Welt.

    Daran erkennen wir, welch große praktische Bedeutung der Glaube hat für das Zusammenleben auf dieser Welt. Würde es die Verheißung des ewigen Lebens bei Gott, von der wir in der zweiten Lesung hören (1 Timotheus 6, 12), nicht geben, dann bräuchte ich mich nicht anzustrengen auf dieser Welt. Wenn die Möglichkeit wegfallen würde, dass ich von Gott einmal verworfen werden könnte, dann bräuchte ich mich gar nicht mehr anzustrengen. Glaube ich jedoch daran, dass ich und mein Tun einmal von Gott beurteilt werden, rechne ich fest mit der Möglichkeit, dass es auch mir gehen könnte wie dem reichen Mann im Evangelium, dann tue ich alles, dass es nicht so weit kommt. Dann verbessert gelebter Glaube die Welt.

    Mit diesem Bewusstsein sollen wir deshalb heute in unserer Gesellschaft leben: Wir tragen als Christen, wenn wir wirklich glaubwürdig sind, zu einer solidarischen Gesellschaft viel bei. Sie braucht deshalb die Christen, mehr denn je. Dieses gesunde Selbstbewusstsein dürfen wir als Christen durchaus haben, auch heute, gerade auch dann, wenn das Christsein vom gesellschaftlichen Mainstream als etwas abgeschrieben wird, das angeblich von vorgestern sei.

    Natürlich ist es dabei sozusagen die primitivste Stufe des Glaubens an Gott, aus Angst vor der Strafe nichts Schlechtes, sondern Gutes zu tun. Ideal ist das zweifellos nicht. Aber es ist doch immerhin mehr als nichts. Wenn das Kind nicht mit den Streichhölzern spielt, weil es Angst vor der Strafe des Vaters hat, der ihm das verboten hat, dann brennt immerhin das Haus nicht ab. Besser wäre es natürlich, wenn ein Kind schon aus Einsicht und aus Liebe zu den Eltern gehorcht.

    So verhält es sich auch mit dem Glauben, mit dem Christsein. Letztlich sind wir aus Liebe zu Gott und getragen von seiner Gnade Christen. Wir sind und leben als Christen, weil wir um die Frohbotschaft wissen: dass Gott uns liebt, dass er nicht unser Verderben will, sondern unser ewiges Heil. Wir sind Christen und bemühen uns, als solche zu leben, weil wir auf das ewige Leben mit Gott hinleben, auf jene Gemeinschaft der Liebe, die nie mehr endet. Das ist unsere wahre Motivation als Christen. Und wenn wir unsere diesseitige Existenz als Christen wirklich so verstehen und leben, dann müssen wir uns auch nicht vor dem fürchten, was im heutigen Evangelium angedeutet ist. Denn wer aus der Liebe lebt, hat keine Angst.

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