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    Rom

    Kardinal Sarah würdigt Benedikts Äußerungen zur Missbrauchskrise

    Wieder einmal sei es der Theologe Ratzinger gewesen, der den eigentlichen Grund der Kirchenkrise richtig erkannt und aufgezeigt habe, so Kurienkardinal Robert Sarah. Lesen Sie seinen Vortrag hier im Wortlaut.

    Der Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst äußerte jüngst sich im Rahmen einer Veranstaltung i... Foto: Archiv

    Kurienkardinal Robert Sarah hat die Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise gewürdigt. Benedikts Reflexionen seien eine „wahre Quelle des Lichts in der Dunkelheit des Glaubens“, von dem die Kirche in der heutigen Zeit geprägt sei. Er selbst, so Sarah, sei manchmal schockiert gewesen von der „Erbärmlichkeit und Dummheit“, mit der manche die Ausführungen Ratzingers kommentiert hätten.

    Der Kurienkardinal und Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst äußerte jüngst sich im Rahmen einer Veranstaltung in Rom, bei der er eigentlich über sein neues Buch „Le soir approche et déjà le jour baisse“ sprechen sollte. Stattdessen widmete Sarah seinen Vortrag ausschließlich den Ausführungen Benedikts.

    Wieder einmal sei es der Theologe Ratzinger gewesen, der „den Rang eines wahren Vaters und Doktors der Kirche hat“, der den eigentlichen Grund der Kirchenkrise richtig erkannt und aufgezeigt habe.

     

    Licht in der Nacht. Der Blick von Benedikt XVI. auf die Kirche inmitten der Krise des Missbrauchs von Minderjährigen

    Vortrag von S. E. Robert Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung in Rom am 14. Mai 2019

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    Seine Betrachtung hat sich nun als wahre Quelle des Lichts in der Nacht des Glaubens, von der die Kirche betroffen ist, erwiesen. Er hat Reaktionen ausgelöst, die bisweilen an intellektuelle Hysterie grenzen. Ich persönlich bin von der Dürftigkeit und Dummheit zahlreicher Kommentare überrascht gewesen. Wieder einmal muss man davon ausgehen, dass der Theologe Ratzinger, dessen Format das eines wirklichen „Kirchenvaters und Kirchenlehrers“ ist, den Kernpunkt der Kirchenkrise genau anvisiert und getroffen hat.
    Daher möchte ich heute Abend, dass wir uns durch dieses anspruchsvolle und glänzende Denken erleuchten lassen. Wie könnten wir die These von Benedikt XVI. zusammenfassen? Erlauben Sie mir, dies einfach zu zitieren: „Wie konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes“ (III, 1). Dies ist das architektonische Prinzip der gesamten Betrachtung des emeritierten Papstes. Dies ist die Schlussfolgerung seiner ausgedehnten Beweisführung. Dies ist auch der Punkt, von dem aus jegliche Erforschung des Skandals der von Priestern verübten sexuellen Missbräuche ausgehen muss, um ein wirksames Lösungskonzept anzubieten.

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    Einige Kommentatoren haben – aus Bösartigkeit oder Inkompetenz - zu glauben vorgegeben, Benedikt XVI. habe behauptet, dass einzig die Kleriker zu Sexualstraftätern würden, die von der Lehre der Kirche abweichen. Natürlich steht diese Art simpler Verkürzungen außer Frage. Was Papst Ratzinger zeigen und beweisen möchte, geht viel mehr in die Tiefe und ist radikaler. Er bekräftigt, dass ein Klima des Atheismus und der Abwesenheit Gottes moralische, spirituelle und menschliche Bedingungen für eine weitere Verbreitung der sexuellen Missbräuche schafft.

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    Zuvor geziemt es sich, mit den faulen und oberflächlichen Kommentaren abzurechnen, in denen versucht wurde, diese theologische Reflexion zu disqualifizieren, indem sie beschuldigt wurde, homosexuelle Verhaltensweisen mit den Missbräuchen an Minderjährigen zu verwechseln. An keiner Stelle behauptet Benedikt XVI., dass die Homosexualität die Ursache der Missbräuche sei. Es versteht sich von selbst, dass die überwiegende Mehrzahl der homosexuellen Personen nicht im Verdacht steht, irgendjemanden missbrauchen zu wollen. Aber man muss auch sagen, dass die Untersuchungen in Bezug auf die Missbräuche von Minderjährigen das tragische Ausmaß homosexueller oder einfach nur mit der Keuschheit nicht zu vereinbarenden Praktiken innerhalb des Klerus zutage gebracht haben. Und auch dieses Phänomen ist eine schmerzliche Offenbarung eines, wie wir noch sehen werden, Klimas der Abwesenheit Gottes und des Glaubensverlustes.

    „Nur wo der Glaube nicht mehr das Handeln des Menschen bestimmt, sind solche Vergehen möglich“

    Außerdem haben weitere Leser allzu schnell oder allzu dumm – ich weiß es nicht – Benedikt XVI. historischer Unkenntnis unter dem Vorwand beschuldigt, dass seine Beweisführung mit der Erwähnung der Krise von 1968 begonnen habe. Doch die Missbräuche haben – selbstverständlich – schon früher angefangen. Benedikt XVI. weiß das und bestätigt es. Er möchte ja gerade zeigen, dass die moralische Krise von 1968 bereits selbst eine Manifestierung und ein Symptom der Glaubenskrise ist und nicht eine ultimative Ursache. Über diese Krise von 1968 konnte er dann sagen: „Nur wo der Glaube nicht mehr das Handeln des Menschen bestimmt, sind solche Vergehen möglich“.

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    Hier bedient sich Papst Benedikt eines Beispiels anhand der Entwicklung der Moraltheologie, um den Ursprung dieser Krise zurückzuverfolgen. Er macht bei der Krise der Moraltheologie drei Etappen ausfindig.

    Die erste Etappe ist die vollständige Aufgabe des Naturgesetzes als Fundament der Moral mit der – im Übrigen anerkennenswerten - Absicht, die Moraltheologie mehr auf die Bibel zu stützen. Dieser Versuch führte zu einem Misserfolg, wie er durch den Fall des deutschen Moraltheologen Schüller veranschaulicht wird.

    Dieser Versuch führte unweigerlich zur zweiten Etappe, nämlich zu einer Moral, „die allein von den Zwecken des menschlichen Handelns zu begründen sei“ (I, 2). Man erkennt hier die teleologische Strömung wieder, deren Konsequenzialismus dies am dramatischsten veranschaulichte. Diese Strömung, die gekennzeichnet ist durch die Ignoranz des Begriffs des moralischen Objekts, geht so weit zu behaupten, dass es gemäß den Worten von Benedikt XVI. nichts „immer Böses geben“ könne. „Es gab nicht mehr das Gute, sondern nur noch das relativ, im Augenblick und von den Umständen abhängige Bessere“ (I, 2).
    Die dritte Etappe dann besteht in der Behauptung, dass das Lehramt der Kirche im Bereich der Moral nicht kompetent sei. Die Kirche könne unfehlbar nur über Glaubensfragen lehren. Dennoch gebe es, so sagt Benedikt XVI., „moralische Prinzipien, die mit den Grundprinzipien des Glaubens unlöslich verbunden sind“. Durch die Ablehnung des moralischen Lehramtes der Kirche entzieht man dem Glauben jegliche Verbindung mit dem konkreten Leben. Im Endeffekt ist es daher gerade der Glaube, der seines Sinnes und seiner Realität entleert wird.

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    Gemeinsam mit Joseph Ratzinger glaube ich, dass die Zurückweisung dieses Schöpfergottes sich schon seit langem langsam und unbemerkt in das Herz des Abendländlers eingeschlichen hat. Schon lange vor der Krise von 1968 ist diese Ablehnung Gottes am Werk.

    "Die Ablehnung der Natur als einem göttlichen Geschenk lässt das menschliche Subjekt hoffnungslos allein"

    Doch wir müssen mit Papst Benedikt XVI. alle ihre nachfolgenden Erscheinungsformen aufzeigen. Die Ablehnung der Natur als einem göttlichen Geschenk lässt das menschliche Subjekt hoffnungslos allein. Fortan zählen nur noch seine subjektiven Intentionen und sein alleiniges Gewissen. Die Moral reduziert sich auf den Versuch, die Motivationen und Intentionen der Subjekte zu verstehen. Sie kann sie nicht mehr zum Glück gemäß einer objektiven natürlichen Ordnung anleiten, die ihr ermöglicht, das Gute kennenzulernen und das Böse zu vermeiden. Die Ablehnung des Naturgesetzes führt unweigerlich zur Ablehnung des Begriffs des moralischen Objekts. Fortan gibt es – unabhängig von den Umständen - keine immer und überall objektiv und von Natur aus schlechten Handlungen.

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    Ich möchte unterstreichen, dass mit Benedikt diese Aussage nur die Konsequenz der Objektivität des Glaubens und letztlich der Objektivität der Existenz Gottes ist. Wenn Gott existiert, wenn er nicht eine Schöpfung meiner Subjektivität ist, dann gibt es, nach den Worten des emeritierten Papstes „Werte, die nie preisgegeben werden dürfen“ (II, 2). Für die relativistische Moral wird alles zu einer Frage der Umstände. Es sei niemals notwendig, sein Leben für die Wahrheit Gottes zu opfern, das Martyrium ist sinnlos. Doch im Gegensatz dazu bekräftigt Benedikt XVI.: „Das Martyrium ist eine Grundkategorie der christlichen Existenz. Dass es in dieser Theorie im Grunde nicht mehr moralisch nötig ist, zeigt, dass hier das Wesen des Christentums selbst auf dem Spiel steht“ (I, 2). In einem Wort ausgedrückt: Wenn kein Wert mehr objektiv ist, so dass man für ihn sterben sollte, dann ist Gott selbst keine objektive Realität mehr, für die sich das Martyrium lohnt.

    Inmitten der Krise der Moraltheologie gibt es somit eine Ablehnung des göttlichen Absolutums, des Eindringens Gottes in unser Leben, der alles übersteigt, der alles regiert, der unsere Lebensführung beherrscht. Die Beweisführung von Benedikt XVI. ist deutlich und definitiv, sie lässt sich mit den Worten des Schriftstellers Dostojewski zusammenfassen: „Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt“! Wenn die Objektivität des göttlichen Absolutums infrage gestellt wird, dann sind die naturwidrigsten Überschreitungen möglich, sogar der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen. Darüber hinaus hat die Ideologie von 1968 mitunter versucht, die Rechtmäßigkeit der Pädophilie anerkennen zu lassen. Wir halten noch immer die Texte dieser libertären Helden in Händen, die sich der grenzüberschreitenden Liebesverhältnisse mit Minderjährigen rühmen. Wenn jegliche moralische Handlung von den Intentionen des Subjekts und von den Umständen abhängig wird, dann ist nichts mehr definitiv unmöglich und der menschlichen Würde radikal entgegengesetzt. Es ist die moralische Atmosphäre der Ablehnung Gottes, das spirituelle Klima der Ablehnung der göttlichen Objektivität, die die weitere Ausbreitung der Missbräuche an Minderjährigen und die Banalisierung von, der Keuschheit bei den Klerikern widersprechenden, Handlungen möglich macht.

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    Hierbei weist er auf die unmittelbare Konsequenz der Gottvergessenheit hin: die Krise des Priestertums. Man kann sagen, dass die Priester als erste von der Glaubenskrise betroffen sind und dass sie das christliche Volk mitgerissen haben. Die Krise der sexuellen Missbräuche ist die besonders schändliche Spitze, die aus einer tiefgreifenden Krise des Priestertums zutage trat.

    Seminare, in denen das Klima die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen konnte

    Worin besteht diese? Wir greifen hier die eigenen Worte des emeritierten Papstes auf. Man habe seit langem erlebt, wie sich ein „priesterlicher Lebenswandel“ ausbreite, der nicht mehr „durch den Glauben bestimmt wird“. Doch wenn es einen Lebenswandel gibt, der ganz und gar vom Glauben bestimmt sein muss, dann ist es natürlich das priesterliche Leben. Es ist und muss ein geweihtes Leben sein, das heißt ein Leben, das Gott allein hingegeben, vorbehalten und aufgeopfert und vollständig verborgen in Gott sein muss. Doch allzu oft hat man gesehen, wie Priester leben, als ob es Gott nicht gäbe.

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    Man hat die Seminare umgewandelt, um aus ihnen säkularisierte Orte zu machen, sagt Benedikt XVI., in denen „das Klima die Vorbereitung auf den Priesterberuf nicht unterstützen konnte“. Tatsächlich wurden das Gebetsleben und die Anbetung hier vernachlässigt, die Bedeutung der Konsekration wurde hier vergessen.: Der emeritierte Papst nennt die Symptome für dieses Vergessen: die Vermischung mit der säkularen Welt, die dem Lärm Eingang verschafft hat und die Tatsache leugnet, dass jeder Priester durch sein Priesteramt ein von der Welt separierter, für Gott aussortierter Mensch ist (II, 1). Darüber hinaus führt er die Bildung homosexueller Clubs in den Seminaren an. Dieser Fakt ist nicht so sehr Ursache als vielmehr Anzeichen einer bereits weitgehend etablierten Gottvergessenheit. Denn Seminaristen, die offen im Widerspruch zur natürlichen und geoffenbarten Moral leben, zeigen, dass sie nicht für Gott leben, dass sie nicht Gott vorbehalten sind, dass sie Gott nicht suchen. Vielleicht suchen sie ja nach einem Beruf, vielleicht schätzen sie die sozialen Aspekte des Priesteramtes. Doch das Wesentliche haben sie vergessen: Ein Priester ist ein Mann Gottes, ein Mann für Gott.

    Doch das Schlimmste ist vielleicht, dass ihre Ausbilder nichts gesagt oder das horizontale und weltliche Verständnis des Priestertums bewusst gefördert haben. Als hätten auch die Bischöfe und die Ausbilder an den Seminaren auf die zentrale Bedeutung Gottes verzichtet. Als hätten auch sie den Glauben in den Hintergrund gedrängt und ihn unwirksam gemacht. Als hätten auch sie den Vorrang eines gottgetreuen Lebens für Gott durch das Dogma der Öffnung zur Welt, des Relativismus und des Subjektivismus ersetzt. Verblüffend ist, dass die Objektivität Gottes von einer Religionsform der menschlichen Subjektivität in den Schatten gestellt wird. Papst Franziskus spricht zu Recht von Selbstbezogenheit. Ich glaube, dass die schlimmste Form der Selbstbezogenheit jene ist, die den Bezug auf Gott und auf seine Objektivität leugnet, um nur den Bezug auf den Menschen in seiner Subjektivität zu behalten.

    Wie lässt sich in einem solchen Klima ein authentisches priesterliches Leben führen? Wie lässt sich der Versuchung zur Allmacht eine Grenze setzen? Ein Mensch, der nur sich als Maßstab hat, der nicht für Gott lebt, sondern für sich selbst, nicht Gott gemäß, sondern nach seinen eigenen Wünschen, wird schließlich der Logik des Machtmissbrauchs und des sexuellen Missbrauchs verfallen. Wer wird seine sogar perversesten Begierden bremsen, wenn allein seine Subjektivität zählt? Die Gottvergessenheit öffnet allen Missbräuchen die Tür. Innerhalb der Gesellschaft haben wir das schon festgestellt. Doch die Gottvergessenheit ist bis in die Kirche und sogar bei den Priestern vorgedrungen. Unweigerlich haben sich die Machtmissbräuche und die sexuellen Missbräuche unter den Priestern verbreitet. Leider gibt es Priester, die praktisch nicht mehr glauben, nicht mehr oder sehr wenig beten und nicht mehr die Sakramente als eine entscheidende Dimension ihres Priestertums leben. Sie sind lau und fast zu Atheisten geworden.

    Der praktische Atheismus bereitet den Psychologien der Sexualtäter den Boden

    Der praktische Atheismus bereitet den Psychologien der Sexualtäter den Boden. Die Kirche hat sich schon seit langem von diesem kontinuierlich fortschreitenden Atheismus heimsuchen lassen. Sie darf sich nicht wundern, wenn sie in ihrem Innerem auf Sexualtäter und Perverse stößt. Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt! Wenn Gott nicht konkret existiert, ist alles möglich!

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    Die Bischöfe haben die Aufgabe und die Pflicht, das Depositum des katholischen Glaubens, die moralische Doktrin und die Morallehre zu verteidigen, die die Kirche immer und wahrheitsgetreu gelehrt hat.
    Dabei gibt es einen wesentlichen Punkt. Die Krise der sexuellen Missbräuche hat eine Krise der Objektivität des Glaubens offenbart, die auch auf der Ebene der Autorität in der Kirche in Erscheinung tritt. Denn ebenso, wie sich die Hirten weigern, die Kleriker zu bestrafen, die mit der Objektivität des Glaubens unvereinbare Lehren vermitteln, weigern sie sich, die Kleriker zu bestrafen, die sich, mit der Keuschheit unvereinbarender Verhaltensweisen oder sogar sexueller Missbräuche schuldig gemacht haben. Das ist die gleiche Logik. Es handelt sich um einen verzerrten Ausdruck des „Garantismus“, den Papst Benedikt folgendermaßen definiert: „Es mussten vor allen Dingen die Rechte der Angeklagten garantiert werden, und dies bis zu einem Punkt hin, der faktisch überhaupt eine Verurteilung ausschloss“ (II, 2).

    Auch hier finden wir dieselbe Ideologie wieder. Das Subjekt, seine Wünsche, seine subjektiven Intentionen und die Umstände werden zur einzigen Wirklichkeit. Die Objektivität des Glaubens und der Moral treten in den Hintergrund. Eine derartige Vergötterung des Subjekts schließt infolgedessen jegliche Bestrafung aus, sowohl für die häretischen Theologen als auch für die klerikalen Sexualstraftäter. Indem man sich weigert, über die Objektivität von Handlungen nachzudenken, überlässt man, wie Benedikt XVI. bemerkt, die „Kleinen“ und die Schwachen den Allmachts-Wahnvorstellungen der Peiniger. Ja, man hat mit angeblicher Barmherzigkeit den Glauben der Schwachen und Kleinen preisgegeben. Man hat sie den Händen von Intellektuellen überlassen, die die Vorstellung genießen, den Glauben durch ihre obskuren Theorien zu dekonstruieren, die man abgelehnt hat zu verurteilen. Genauso hat man die Missbrauchsopfer alleingelassen. Man hat es unterlassen, die Sexualtäter, die Peiniger der Unschuld und der Reinheit der Kinder, und manchmal auch der Seminaristen oder der Ordensfrauen, zu verurteilen. All dies unter dem Deckmantel des Verständnisses für die Subjekte und der Ablehnung der Objektivität des Glaubens und der Moral. Ich glaube, dass eine Verurteilung und die Verhängung einer Strafe sowohl im Auftrag des Glaubens als auch in dem der Moral ein Beweis für eine große Barmherzigkeit seitens der Autorität sind.

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    Ich glaube, dass die Haltung von Geistlichen, die entweder mit dem Glauben der Gläubigen oder mit ihrem Moralleben unter dem Eindruck der Straflosigkeit spielen, der wirkliche Klerikalismus ist. Ja, der Klerikalismus ist die Verweigerungshaltung gegenüber Verurteilungen und Strafen im Falle von Verfehlungen gegen den Glauben und die Moral. Der Klerikalismus ist die Ablehnung der Objektivität des Glaubens und der Moral seitens der Kleriker. Der Klerikalismus, zu dessen Ausrottung uns Papst Franziskus aufruft, besteht letzten Endes in diesem unbußfertigen Subjektivismus der Kleriker!

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    Weil wir der Versuchung nachgegeben haben, eine Kirche nach unserem Bild zu schaffen, und weil wir Gott beiseitegelegt haben, erleben wir heute die Vervielfachung von Missbrauchsfällen. Doch landen wir nicht erneut in derselben Falle! Die Missbräuche decken eine Kirche auf, die die Menschen selbst in die Hand nehmen wollten! Daher bin ich zutiefst betrübt, wenn ich aus der Feder einer Theologin lese, dass die Kirche sich einer „kollektiven Sünde“ schuldig gemacht habe, oder dass die Kirche zu einer „Struktur der Sünde“ beitrage. Dieselbe Dominikanerin ruft zu einer In-Frage-Stellung des für die katholische Kirche charakteristischen „Wahrheitsverständnisses“ auf. Ihr zufolge müsste die Kirche verzichten auf jegliche „Anmaßung einer Expertise oder Qualifikation in Bezug auf Heiligkeit, Wahrheit und Moral“.
    Ein solcher Ansatz kann nur zum reinsten Subjektivismus führen. Er verweist uns somit auf die Ursache selbst, die die Krise ausgelöst hat. Denn wenn es keine Wahrheit und keine gelehrte Moral mehr gibt – wer kann dann behaupten, dass es Dinge gibt, die man niemals machen darf? Noch einmal: Wenn Gott objektiv nicht existiert, wenn die Wahrheit nicht erforderlich ist – dann ist alles erlaubt!

    (…)

    Abschließend sage ich nochmals mit Papst Benedikt: Ja, die Kirche ist voller Sünder. Doch sie befindet sich nicht in der Krise, wir sind es, die in der Krise sind. Der Teufel will uns daran zweifeln lassen. Er will uns glauben machen, dass Gott seine Kirche aufgibt. Nein, sie ist noch immer das „Ackerfeld Gottes. Es gibt nicht nur das Unkraut, sondern auch die Saat Gottes. Beides gleichfalls mit Nachdruck zu verkünden, ist nicht eine falsche Apologetik, sondern ein notwendiger Dienst an der Wahrheit“ (III, 3), sagt Benedikt XVI. Er beweist es, seine betende und lehrende Gegenwart inmitten unter uns, im Herzen der Kirche, in Rom bestätigen uns das. Ja, unter uns gibt es edle göttliche Saat.

    Aus dem Französischen von Katrin Krips-Schmidt

    DT

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