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    Ein Rückblick des Papstes auf seine Reise nach Chile und Peru

    Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 24. Januar.

    Papst Franziskus. Foto: Giorgio Onorati (ANSA)

    Vor seiner Ansprache auf dem Petersplatz begrüßte der Papst einige Pilger in der Synodenaula Paul VI.:

    Guten Tag, ich begrüße Euch alle und danke Euch für Euer Kommen.
    Wegen der der Kälte ist es besser, dass Ihr hier drinnen seid. Ihr werdet die Audienz auf dem Bildschirm sehen können, und vom Petersplatz aus werden sie Euch sehen. Ihr seid miteinander verbunden. Hier drinnen habt Ihr mehr Ruhe, ohne die Kälte, und könnt sitzen… Außerdem können die kleinen Kinder spielen und so wird alles gut sein.
    Jetzt möchte ich Euch den Segen erteilen. Beten wir zur Mutter Gottes. Bleibt alle sitzen…
    [„Gegrüßet seist du, Maria“ und Segen]
    Einen schönen Tag und betet für mich! Ciao! Nun, und wie grüßen die Kinder? Ciao-Ciao!

    Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

    Die heutige Audienz findet an zwei Orten statt, die miteinander verbunden sind: Ihr, hier auf dem Petersplatz, und eine Gruppe von Kindern, die nicht ganz gesund sind, in der Aula. Sie sehen Euch und Ihr seht sie: und so sind wir miteinander verbunden. Grüßen wir die Kinder in der Aula: es ist besser für sie, dass sie dort sind, damit ihnen nicht zu kalt wird.

    Vor zwei Tagen bin ich von meiner Apostolischen Reise nach Chile und Peru zurückgekehrt. Einen Applaus für Chile und für Peru! Zwei tüchtige, wirklich tüchtige Völker…  Ich danke dem Herrn, weil alles gut gelaufen ist: ich konnte dem wandernden Gottesvolk in diesen Ländern begegnen – auch denen, die nicht wandern, sondern ein bisschen unbeweglich sind… aber es sind gute Menschen – und die Länder in ihren Bemühungen für die soziale Entwicklung ermutigen. Ich möchte erneut den zivilen Obrigkeiten und meinen Mitbrüdern im Bischofsamt, die mich so zuvorkommend und großherzig empfangen haben, meine Dankbarkeit aussprechen; sowie auch allen Mitarbeitern und freiwilligen Helfern. Stellt Euch vor: in jedem der beiden Länder waren mehr als zwanzigtausend freiwillige Helfer; über zwanzigtausend in Chile und zwanzigtausend in Peru. Tüchtige Leute: mehrheitlich junge Menschen.

    Wir Ihr in den Zeitungen lesen konntet, waren meiner Ankunft in Chile aus verschiedenen Gründen mehrere Protestaktionen vorausgegangen. Und dadurch wurde das Motto meines Besuchs „Mi paz os doy -  Meinen Frieden gebe ich euch“ noch aktueller und lebendiger. Es sind von Jesus an die Jünger gerichtete Worte, die wir in jeder Messe wiederholen: das Geschenk des Friedens, das nur Jesus, der gestorben und auferstanden ist, denen schenken kann, die sich ihm anvertrauen. Nicht nur jeder von uns bedarf des Friedens, auch die Welt, heute, in diesem stückweise geführten dritten Weltkrieg… Bitte lasst uns für den Frieden beten!
    Bei der Begegnung mit den Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens des Landes habe ich dem Weg der chilenischen Demokratie meine Ermutigung ausgesprochen, als einem Raum der solidarischen Begegnung, einem Raum, der die Verschiedenheiten einzubeziehen vermag; dazu habe ich als Methode den Weg des Zuhörens aufgezeigt: besonders das Hören auf die Armen, die jungen und die alten Menschen, die Immigranten und auch das Hören auf die Erde.

    Bei der ersten Eucharistiefeier, die für Frieden und Gerechtigkeit gefeiert wurde, sind die Seligpreisungen erklungen, vor allem „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“ (Mt 5,9). Eine Seligpreisung, die mit der Ausdrucksform der Nähe und des Teilens bezeugt werden muss, um so mit der Gnade Christi das Netz der kirchlichen Gemeinschaft und der ganzen Gesellschaft zu stärken.
    Bei dieser Ausdrucksform der Nähe zählen Gesten mehr als Worte, und eine wichtige Geste war der Besuch des Frauengefängnisses in Santiago: die Gesichter dieser Frauen, von denen viele junge Mütter waren, mit ihren Kindern auf dem Arm, haben trotz allem große Hoffnung zum Ausdruck gebracht. Ich habe sie ermutigt, von sich selbst und von den Institutionen einen ernsthaften Weg der Vorbereitung auf die Wiedereingliederung zu fordern, als Horizont, der der täglichen Mühsal einen Sinn verleiht. Wir können uns ein Gefängnis - jedes Gefängnis - nicht ohne diese Dimension der Wiedereingliederung vorstellen, denn wenn diese Hoffnung auf Wiedereingliederung nicht besteht, ist das Gefängnis eine unendliche Qual. Wenn man sich jedoch darum bemüht, durch die Arbeit eine Wiedereingliederung aus dem Gefängnis in die Gesellschaft zu ermöglichen – auch die Lebenslänglichen können wieder eingegliedert werden  -, dann öffnet sich ein Dialog. Doch ein Gefängnis muss immer diese Dimension der Wiedereingliederung haben, immer.

    Mit den Priestern, den Ordensleuten und den Bischöfen Chiles habe ich zwei sehr intensive Begegnungen erlebt, die das gemeinsame Leiden an einigen Wunden, die die Kirche in jenem Land quälen, noch fruchtbarer gemacht hat. Ich habe meine Mitbrüder vor allem in der Ablehnung jeden Kompromisses im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger bestärkt und gleichzeitig im Vertrauen auf Gott, der seine Diener durch diese harte Prüfung läutert und erneuert.

    Die anderen beiden heiligen Messen in Chile wurden eine im Süden und eine im Norden gefeiert. Die im Süden, in Araucanía, dem Gebiet, in dem die Mapuche wohnen, hat die Dramen und Mühsal dieses Volkes in Freude verwandelt und zum Frieden in der Eintracht der Verschiedenheit  sowie zur Ablehnung jeder Form von Gewalt aufgerufen. Die im Norden, in Iquique, zwischen dem Ozean und der Wüste, war ein Loblied auf die Begegnung zwischen den Völkern, die auf besondere Weise in der Volksfrömmigkeit zum Ausdruck kommt.

    Die Begegnung mit den Jugendlichen und der Besuch der Katholischen Universität von Chile waren eine Antwort auf die entscheidende Herausforderung, dem Leben der neuen Generationen einen Sinn anzubieten. Den jungen Menschen habe ich das programmatische Wort des heiligen Alberto Hurtado mitgegeben: „Was würde Christus an meiner Stelle tun?“. Und der Universität habe ich ein Modell umfassender Ausbildung vorgeschlagen, die die katholische Identität in das Vermögen umsetzt, am Aufbau einträchtiger und pluraler Gesellschaften beizutragen, in denen Konflikte nicht vertuscht, sondern im Dialog bewältigt werden. Es gibt immer Konflikte: auch zu Hause; immer gibt es Konflikte. Doch die Konflikte nicht richtig zu behandeln ist noch schlimmer. Man darf Konflikte nicht unters Sofa kehren: Konflikte, die auftauchen, muss man anpacken und sie durch Dialog lösen. Denkt an die kleinen Konflikte, die es bei Euch zuhause sicher gibt: man darf sie nicht unters Sofa kehren, sondern man muss sie anpacken. Den richtigen Moment abwarten und darüber sprechen: so wird ein Konflikt gelöst, durch den Dialog.

    In Peru lautete das Motto des Besuchs: „Unidos po la esperanza -  Geeint in der Hoffnung“. Geeint nicht in einer sterilen Uniformität, in der alle gleich sind: das ist keine Einheit; sondern im ganzen Reichtum der Verschiedenheiten, die wir durch die Geschichte und die Kultur erben. Das hat die Begegnung mit den Völkern der peruanischen Amazonasregion auf emblematische Weise bezeugt, mit der auch der Weg zur Synode für Amazonien beschritten wurde, die für Oktober 2019 einberufen ist. Und das haben auch die gemeinsam erlebten Momente mit der Bevölkerung von Puerto Maldonado und mit den Kindern des Kinderheims „Der kleine Prinz“ bezeugt. Gemeinsam haben wir zur wirtschaftlichen Kolonisierung und zur ideologischen Kolonisierung „Nein“ gesagt.

    In meiner Ansprache an die Vertreter der Regierung und des öffentlichen Lebens in Peru habe ich meine Wertschätzung für das landschaftliche, kulturelle und spirituelle Erbe jenes Landes zum Ausdruck gebracht und auf zwei Gefahren hingewiesen, die es besonders schwer bedrohen: den ökologisch-sozialen Niedergang und die Korruption. Ich weiß ja nicht, ob Ihr hier vielleicht schon einmal etwas von Korruption gehört habt… ich weiß ja nicht… Korruption gibt es nicht nur dort, sondern auch hier, und sie ist gefährlicher als die Grippe! Sie verbreitet sich und verdirbt die Herzen. Korruption verdirbt die Herzen. Bitte: Nein zur Korruption! Außerdem habe ich erklärt, dass angesichts dieser beiden Plagen niemand von der Verantwortung befreit ist und dass alle sich bemühen müssen, ihnen entgegenzuwirken.

    Die erste öffentliche Messe in Peru habe ich am Ufer des Ozeans, bei der Stadt Trujillo, gefeiert, wo  ein Sturm, der „Küsten-El-Niño“, die Bevölkerung im vergangenen Jahr hart getroffen hat. Ich habe sie daher ermutigt, auf diesen aber auch auf andere Stürme zu reagieren: das Verbrechen, den Mangel an Ausbildung, an Arbeit, an sicheren Unterkünften. In Trujillo bin ich den Priestern und Ordensleuten Nord-Perus begegnet und habe mit ihnen die Freude der Berufung und der Mission und die Verantwortung der Gemeinschaft in der Kirche geteilt. Ich habe sie ermahnt, den Schatz ihrer Erinnerungen zu bewahren und ihren Wurzeln treu zu sein. Und zu diesen Wurzeln zählt die volkstümliche Verehrung der Jungfrau Maria. In Trujillo hat auch die Marienandacht stattgefunden, bei der ich „Unsere Liebe Frau von der Pforte“ gekrönt und sie zur „Mutter der Barmherzigkeit und der Hoffnung“ erklärt habe.

    Den letzten Tag der Reise, den vergangenen Sonntag, habe ich in Lima verbracht, und er hatte einen stark spirituellen und kirchlichen Akzent. Im berühmtesten Heiligtum Perus, in dem das Kreuzigungsbild „Señor de los Milagros“ (Herr der Wunder) verehrt wird, bin ich etwa fünfhundert Ordensfrauen des kontemplativen Lebens begegnet: eine echte „Lunge“ des Glaubens und des Gebets für die Kirche und für die ganze Gesellschaft. In der Kathedrale habe ich einen besonderen Gebetsakt für die Fürsprache der peruanischen Heiligen vollzogen, auf welchen die Begegnung mit den Bischöfen des Landes folgte, denen ich die beispielhafte Gestalt des heiligen Toribio di Mogrovejo empfohlen habe. Auch die jungen Peruaner habe ich auf die Heiligen als Männer und Frauen verwiesen, die keine Zeit damit verschwendet haben, ihr eigenes Bild „aufzupolieren“, sondern Christus gefolgt sind, der sie mit Hoffnung angeschaut hat. Wie immer gibt das Wort Jesu allem seinen vollständigen Sinn und so hat auch das Evangelium der letzten Eucharistiefeier die Botschaft Gottes an sein Volk in Chile und in Peru zusammengefasst: „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). So – schien der Herr zu sagen – werdet ihr den Frieden empfangen, den ich euch gebe, und in meiner Hoffnung vereint sein. Das ist mehr oder weniger die Zusammenfassung dieser Reise. Beten wir für diese beiden Schwesterländer, Chile und Peru, auf dass der Herr sie segne.

    Ein Sprecher verlas dann folgenden Gruß des Heiligen Vaters an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

    Herzlich grüße ich die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache. Wenn wir uns von der Gnade des Herrn formen und von der göttlichen Hoffnung erfüllen lassen, können wir unseren Nächsten gegenüber die Liebe erwidern, die Gott uns jeden Tag schenkt. Schönen Aufenthalt in Rom unter dem Geleit des Heiligen Geistes.

    Nach den Grüßen in verschiedenen Sprachen verlas der Papst noch folgenden Appell:

    Leiter erreichen uns weiterhin besorgniserregende Nachrichten aus der Demokratischen Republik Kongo. Daher wiederhole ich erneut meinen Appell, dass sich alle dafür einsetzen mögen, jede Form von Gewalt zu verhindern. Die Kirche will ihrerseits nichts anderes, als zum Frieden und zum Gemeinwohl der Gesellschaft beizutragen.

    Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller

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