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    2018: Das „verflixte Jahr“ von Papst Franziskus

    Ob „Wendepunkt“ oder nicht – Franziskus steht vor dem bisher kritischsten Augenblick seines Pontifikats. Von Guido Horst

    Prozession mit Papst Franziskus an Palmsonntag auf dem Petersplatz im Vatikan am 25. März 2018. Foto: Cristian Gennari (KNA)

    Ende April also kommen drei chilenische Missbrauchsopfer nach Rom: Franziskus will sich bei ihnen persönlich entschuldigen. Weil er – so heißt es bei Vatican News, dem Medienportal des Heiligen Stuhls ausdrücklich – die Betroffenen bei seinem Chile-Besuch 2017 „verunglimpft“ habe. Vehement hatte Franziskus damals die Beschuldigungen gegen den von ihm zum Ortsbischof von Orsono gemachten Juan Barros Madrid zurückgewiesen – und das, obwohl chilenische Bischöfe den Papst gewarnt hatten, Bischof Barros selber zwei Mal seinen Rücktritt angeboten hatte und der Apostolische Nuntius in Chile bereits entsprechend tätig geworden war.

    Von einem „Wendepunkt“ im Pontifikat des lateinamerikanischen Papstes sprach man, als Franziskus bei seinem Besuch in Chile viel von dem aufgestauten Unmut mitbekam, sich aber dennoch ostentativ mit Bischof Barros zeigte. Missbrauchsvergehen sind immer von einem Grauschleier umgeben. Ob es stimmt, dass Barros in den 1980er Jahren als junger Mann Zeuge von Missbrauchshandlungen durch den Priester und eigenen geistlichen Leiter Fernando Karadima wurde und dazu geschwiegen zu haben soll, können Außenstehende – zumal in Europa – kaum beurteilen. Erhärtet aber wurden jetzt die Anklagen durch den päpstlichen Sonderermittler Erzbischof Charles Scicluna und einen Mitarbeiter der Glaubenskongregation, die dem Papst einen umfangreichen Bericht übergeben haben.

    Darum dann der Entschuldigungs-Brief von Franziskus an die chilenischen Bischöfe und die Einladung, in den Vatikan zu kommen. 32 Oberhirten reisen jetzt nach Rom – auch nicht gerade billig, so ein Betriebsausflug. Nicht weil sie etwas gedeckt oder falsch eingeschätzt haben, sondern weil der Papst offensichtlich einen Fehler gemacht hat, wie er in dem jüngsten Schreiben an die Bischöfe eingesteht. In Europa sind die Medien zurückhaltend. Wäre Ähnliches Benedikt XVI. geschehen, die Leitmedien hätten ihn in der Luft zerrissen. Ob „Wendepunkt“ oder nicht – Franziskus steht vor dem bisher kritischsten Augenblick seines Pontifikats. Dazu die Schlappe mit dem Medien-Chef Dario Edoardo Viganò und das Brachliegen einer vollkommen unvollendeten Kurienreform: Nicht das siebte, sondern das sechste könnte das „verflixte Jahr“ für Franziskus werden.

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