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    Würzburg

    Junge Federn: Nicht vom Brot allein

    Der Mensch benötigt eine Perspektive für einen Ausweg aus der Corona-Krise, weil er nicht nur den Augenblick lebt. Genau das ist es, was wir im Glauben als Hoffnung bezeichnen.

    Umgang mit dem Coronavirus
    Der Mensch entfaltet sein Dasein nicht nur im Stillen von Hunger und Durst. Es sind viele Dimensionen, die den Menschen ... Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

    In vielen Ländern der Erde erleben die Menschen momentan etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätten. Grundlegende Bereiche des täglichen Lebens verändern sich. Schulen bleiben über Wochen, vielleicht sogar Monate hin geschlossen, viele wirtschaftliche Bereiche liegen darnieder, Räume des kulturellen und gemeinschaftlichen Lebens sind verwaist. Die zwischenmenschliche Interaktion wird eingedampft auf die kalte Oberfläche eines Bildschirms, oder aber wird reduziert auf ein von einer Schutzmaske verdecktes Gesicht, immerzu einen Mindestabstand einhaltend.

    Nicht in grundlegenden Bedürfnissen versorgt

    Es ist ein  anerkennenswertes Privileg unserer Zeit, dass die globalisierte Welt, selbst unter höchsten Einschränkungen, die Regale der Lebensmittelläden in nahezu gewohnter Vielfalt bestücken kann. In dieser Tatsache gründet eine beruhigende Sicherheit, dass eine äußerste Not für die allermeisten nicht zu erwarten ist – zumindest in soliden Staaten. Trotz funktionierender Grundversorgung – deren Stabilität man nicht müde wird zu betonen – sind die Menschen jedoch nicht wirklich in ihren grundlegenden Bedürfnissen versorgt. Der Mensch entfaltet sein Dasein nicht nur im Stillen von Hunger und Durst. Es sind viele Dimensionen, die den Menschen ausmachen und die alle zur Geltung kommen müssen. Zu diesen Dimensionen zählt allen voran der soziale Aspekt.

    Ein mahnendes Beispiel geben hierfür die Waisenkinderversuche, die Friedrich II. im 13. Jahrhundert zugeschrieben werden. Auf der Suche nach der Ursprache des Menschen, wurden Säuglinge ohne Ansprache und Zuneigung aufgezogen, allein für Hygiene und Ernährung wurde Sorge getragen. Das Ergebnis des Experiments war verheerend, denn die Kinder verstarben. Auch wenn die Historizität dieser Ereignisse nicht gesichert ist, so bringen sie doch eine Wahrheit zum Ausdruck, nämlich dass der Mensch ohne soziale Interaktion nicht im eigentlichen Sinne leben kann. Der momentane Entzug dieser Möglichkeit schafft vielleicht ein gesteigertes Bewusstsein dafür, dass Wesentliches meist keiner Kaufentscheidung entspringt.

    Der Mensch braucht eine Zukunftsperspektive

    Eine weitere fehlende Dimension, ist die der Perspektive, in welchem Zeitraum ein Weg zur Normalität gefunden werden kann. Der Mensch braucht aber eine Perspektive, die ihn auf seine Zukunft hin ausspannt. Jeden Tag steigt doch das Bedürfnis danach, einen belastbaren Plan zu sehen, der über das vorerst „weiter so“ einen Ausweg aufzeigt. Auch das ist eine Lehre der derzeitigen Situation. Der Mensch benötigt eine Perspektive, weil er nicht nur den Augenblick lebt. Genau das ist es, was wir im Glauben als Hoffnung bezeichnen und was der zweite Teil des obigen Schriftzitates ausführt: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.“ Das Wort Gottes gibt dem Menschen eine Zukunft und eine Hoffnung, die in die Gegenwart hineinwirken. Auch dessen bedürfen wir.

    Der Autor, 30, ist Kaplan in Roding St. Pankratius

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